Frankfurt a. M. Wenn die Dämmerung naht, machen sich Rebecca und ihr kleiner Bruder Jimmy auf den sieben Kilometer weiten Fußweg zum sicheren Nachtlager in Gulu. Sie entgehen dadurch den nächtlichen Übergriffen der marodierenden Rebellentruppen im nordugandischen Bürgerkriegsgebiet. Rebecca und Jimmy werden wohl nie erfahren, dass sie zu Textfiguren eines Liedes wurden.
Es ist noch gar nicht "verdamp lang her" - im Jahr 2004 hat Wolfgang Niedecken sein fundamentales Erlebnis. Als Teilnehmer einer Projekt-Besichtigungstour der Hilfsorganisation World Vision sieht der Bandleader von BAP die Folgen der ungezügelten Gewalt und erfährt von den Schicksalen jener Kinder, die zunächst Opfer sind und später selbst zu Tätern werden.
: BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken hat beim Forum Entwicklung eines seiner Lieder zu den Kindersoldaten vorgestellt.
Etwa 300.000 Kindersoldaten gibt es nach Schätzungen der Vereinten Nationen weltweit. Die meisten davon in Afrika. In Uganda, Kongo, Sierra Leone, Ruanda, Mosambik entführen selbst ernannte Rebellen Kinder und unterziehen sie einer Gehirnwäsche. Sie bekommen billig gekaufte Gewehre in die Hand, mit denen sie den Tod in die Dörfer tragen.
Zwangsrekrutiert mit neun Jahren
Einer von ihnen ist Henry. Mit neun Jahren wird er zwangsrekrutiert. Mit 15 Jahren kann er im Chaos eines Überfalls fliehen und findet nach einigen Irrwegen im Bayerischen Wald eine neue Heimat. Henry erzählt beim Forum Entwicklung von Frankfurter Rundschau (FR) und der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) aus seinem früheren Leben.
Ganz präsent sind für ihn noch die traumatischen Erlebnisse im westafrikanischen Sierra Leone. Jahrzehntelange Gewaltorgien haben das Land zum Schlusslicht der globalen Einkommensskala gemacht. Der heute 18-Jährige verleiht der von FR-Redakteur Tobias Schwab moderierten Debatte Authentizität.
Vor knapp 150 Zuhörern vermitteln auch der Kölner Musiker und der GTZ-Experte Achim Koch einen Eindruck davon, was es heißt, zwischen die Mühlsteine afrikanischer Bürgerkriege zu geraten. Koch versucht, die ehemaligen Kindersoldaten in einem GTZ-Projekt in der Demokratischen Republik Kongo zu Tischlern, Elektrikern und Schiffsbauern auszubilden. Nur handwerkliche Fertigkeiten garantieren den jungen Flüchtlingen eine Überlebenschance, betont Koch.
Zum Projekt, das die deutsche Bundesregierung mit rund fünf Millionen Euro finanziert, gehört auch die Existenzgründerberatung und die Vermittlung von Mikrokrediten. "Die Kindersoldaten lernen dabei Marktwirtschaft ganz konkret", sagt Koch.
Wassertransport entspannt die Lage
Mit Erfolg: Die jungen Handwerker bauen etwa Schiffe, die auf dem Kongo Lebensmittel in die entlegene Provinz Maniema transportieren. Die konnten wegen zerstörter Straßen und Brücken bislang nur teuer eingeflogen werden - was die Preise für Grundnahrungsmittel explodieren ließ. Der Transport zu Wasser entspannt die Lage nun und ist damit auch ein Beitrag zu Ernährungssicherung im Kongo, wo drei Viertel der Bevölkerung unterernährt sind.
Bei der Berufsbildung von Ex-Kindersoldaten setzt auch das von Niedecken initiierte World-Vision-Projekt "Rebound" in Uganda an. In einem Internat lernen junge Mädchen, die von Rebellen verschleppt und zu Soldatinnen und Sexsklavinnen gemacht wurden, den Beruf der Bäckerin oder Näherin.
"Wir wollen erreichen, dass keines der Kinder mehr eine Waffe in die Hand nimmt", sagt Koch. Dazu gehört auch die psychosoziale Betreuung der durch den Krieg traumatisierten Jungen und Mädchen.
"Aktives, stundenlanges Zuhören ist da ganz wichtig." Hilfreich sei vor allem die Zusammenarbeit mit afrikanischen Heilern. "Es geht darum, den Kindern ihr Selbstwertgefühl wiederzugeben", weiß Niedecken von seinen Projektbesuchen in Uganda.
Kinderleichte Waffen made in Germany
Viele Kinder, so eine Besucherin des Forums, könnten keine Waffe tragen, wenn deutsch Rüstungsfirmen nicht "kinderleichte" Gewehre wie das G3 exportierten. Gerade in Ländern mit vielen Kindersoldaten seien Waffen deutschen Fabrikats massenweise zu finden.
Auch der Rohstoff-Hunger westlicher Konzerne nach dem in Handys und Spielekonsolen verarbeiteten Erz Coltan, das vor allem in Zentralafrika abgebaut wird, heize Bürgerkriege an.
"Es ist wichtig, dass jeder Bürger sich informiert und versucht, die Zusammenhänge zu verstehen", appellierte Niedecken ans Publikum. Er werde bei jeder Gelegenheit weiter von seinen Erfahrungen in Afrika erzählen. Jeder müsse dann selbst sehen, welche Konsequenzen er zieht.
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