Was sind denn jetzt die drängenden Aufgaben, die Arbeitsmarktpolitiker anpacken müssen?
Extrem wichtig ist die Qualifizierung von jungen Leuten - auch wegen der demographischen Entwicklung. Angenommen, es gelingt uns, 100 Prozent der jungen Menschen zu qualifizieren, die in den nächsten Jahren in den Arbeitsmarkt eintreten. Selbst das würde nicht ausreichen, um die Fachkräfte zu ersetzen, die in dieser Zeit in Ruhestand gehen. Zurzeit qualifizieren wir viel zu wenig junge Menschen. Alle, Eltern, Schulen, Betriebe und die Politik, müssen mehr tun. Sonst haben wir in wenigen Jahren einen ernsthaften Fachkräftemangel - und gleichzeitig viele unqualifizierte Arbeitslose. Eine weitere drängende Herausforderung ist die Gestaltung des Niedriglohnsektors.
Den hat die Bundesregierung ja erfolgreich gefördert. Was ist jetzt nötig?
Wir brauchen eine wirksame Lohnuntergrenze, einen Mindestlohn. Die Briten haben es richtig gemacht. Sie sind niedrig eingestiegen, haben die Sätze behutsam erhöht und die Auswirkungen wissenschaftlich genau beobachtet. Wenn man sich daran orientiert, ist ein Mindestlohn beschäftigungspolitisch unschädlich. Gleichzeitig würden viele Menschen davon profitieren.
Welche Mindestlohn-Höhe wäre also in Deutschland angemessen?
Wenn man die britischen Sätze umrechnet, landet man - je nach Wechselkurs - irgendwo um die sieben Euro. Diesen Betrag würde ich für Westdeutschland ansetzen. In Ostdeutschland ist die Produktivität leider immer noch deutlich geringer. Deswegen wäre dort aus ökonomischer Sicht ein niedrigerer Satz anzuraten, von etwa 6 bis 6,50 Euro. Ich weiß, dass es politisch heikel ist, für eine Differenzierung einzutreten. Aber wenn man eine einheitliche Lösung will, muss man sich an dem niedrigeren ostdeutschen Satz orientieren.
Ifo-Chef Hans-Werner Sinn berechnet immer wieder, wie viele Arbeitsplätze durch diese oder jene Untergrenze vernichtet würden
Diese Berechnungen beruhen auf einem theoretischen Modell, das man empirisch anzureichern versucht. Das ist nicht Stand der Wissenschaft. State of the Art ist es, die tatsächliche Wirkung von existierenden Mindestlöhnen anzuschauen.
Und was lehrt die Erfahrung anderer Länder?
Die internationale Forschung ist gespalten. In Großbritannien gibt es einen relativ großen Konsens, dass dort keine Beschäftigungsverluste eingetreten sind. Die Literatur in Frankreich ist eher negativ. Dabei spielt sicher eine Rolle, dass der Mindestlohn dort mit knapp neun Euro relativ hoch ist.
Ökonomen wie der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, meinen: Einfache Dienstleistungen wie Rasenmähen sind in Deutschland immer noch zu teuer. Über Kombilohnmodelle könnten neue Arbeitsplätze entstehen. Eine gute Idee?
Kombilohnmodelle sind nur dann zu Ende gedacht, wenn man gleichzeitig eine Lohnuntergrenze einzieht. Andernfalls bestünde ein Anreiz, Verträge zulasten Dritter zu schließen: Der Betrieb kann Niedrigstlöhne zahlen, weil der Staat ja aufstockt. Und was das Rasenmähen angeht: Der gesetzliche Mindestlohn in Großbritannien hat dem englischen Rasen meines Wissens nicht geschadet.
Interview: Eva Roth
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