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16. Januar 2015

Franken: Schweizer „Tsunami“ rollt an

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Entscheidung mit Nebenwirkungen: Die Schweizer Zentralbank hat die Kopplung des Franken an den Euro am Donnerstag gekappt.  Foto: dpa

Die unerwartete Aufwertung des Franken trifft Verbraucher und Institutionen in aller Welt. Der Wechselkurs beeinflusst direkt die Preise von allen Gütern und Dienstleistungen, die international gehandelt werden.

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Vom südlichen Pazifik aus gesehen erscheinen das Matterhorn und das Bankenviertel in Zürich weit weg. Das gilt auch für den Franken, der seit Donnerstag gegenüber dem Euro rasant an Wert zugelegt hat. Und doch forderte genau das am anderen Ende der Welt ihr erstes Opfer. Der neuseeländische Devisenhändler Global Brokers NZ erlitt durch die Währungsschwankungen so heftige Verluste, dass er aufgeben musste. Auch in Hongkong gerieten Spekulanten in Probleme.

In Polen fürchten Eigenheimbesitzer um ihr Häuschen, weil 40 Prozent der Immobilienkäufer ihre Kredite statt in Zloty in Franken aufgenommen haben, um an günstigere Zinsen zu kommen. Diese Sparsamkeit kommt sie nun teuer zu stehen, wenn der Franken sie ein Fünftel mehr kostet. Auch in Österreich, Kroatien und Ungarn könnte das viele Kreditnehmer in den Ruin treiben. Und auch deutsche Kommunen sind betroffen.

Als „Tsunami“ für die Schweiz bezeichnete Nick Hayek, Chef der Uhrenmarke Swatch, die Entscheidung der Notenbank, den festen Wechselkurs des Franken zum Euro aufzugeben. Von einer „Katastrophe“ sprach Oliver Müller vom Verband Swissmechanic, der kleine und mittlere Firmen in der Maschinen-, Metall- und Elektroindustrie vertritt.

Der Wechselkurs beeinflusst direkt die Preise von allen Gütern und Dienstleistungen, die international gehandelt werden. Bis Mittwoch bekam der Basler Pharmagigant Roche für jeden Euro, den er in Deutschland, Italien oder Irland einnimmt, 1,20 Franken. Seit Donnerstag muss er sich mit kaum mehr als einem Franken zufriedengeben. Roche kann das einigermaßen verkraften, weil der Konzern – wie viele internationale Unternehmen – längst Produktionsstätten in den Absatzmärkten, etwa in Deutschland aufgebaut hat. Wer im Euroraum herstellt, wer die Arbeitnehmer und Lieferanten in Euro bezahlt, wird ein Stück weit immun gegen den Wechselkurs des Franken.

Doch selbst Global Player wie der Nahrungsmittelriese Nestlé lassen im Hochlohnland Schweiz produzieren. Mit Innovationen wie dem Kapsel-Kaffee Nespresso brachten es die Schweizer weltweit zur Nummer eins ihrer Branche und stehen beispielhaft für die Fähigkeit ihrer Landsleute, Kostennachteile durch Innovation und Produktivität auszugleichen. Pro Kopf verkaufen die Schweizer mehr Industrieprodukte als die Deutschen, rechnet die Denkfabrik Avenir Suisse vor. Die Pharmaanbieter feiern ebenso Erfolge auf den Weltmärkten wie Uhrenhersteller, die Spezialisten für andere Präzisionsinstrumente und Elektronik, Energie und Schienenfahrzeuge. Noch immer steuert die Industrie fast ein Fünftel zum Bruttoinlandsprodukt bei.

Gefährdet sind quer durch alle Branchen vor allem kleinere und mittlere Unternehmen, die schwer ausweichen können. Der Hotelier im Wallis kann ebenso wenig sein Geschäft verlagern wie der Maschinenhersteller mit einem Werk im Kanton Zürich. Die Aufhebung des festen Eurokurses zum Franken treffe den Mittelstand, das Rückgrat der Wirtschaft, „ins Gesicht“, klagt Verbandsmann Müller. „Unsere Unternehmen beschäftigen rund 70 000 Mitarbeitende. Da geht es um sehr, sehr viel.“

Kredite in Schweizer Franken boten lange Zeit niedrige Zinskosten und einen stabilen Wechselkurs.  Foto: dpa

Volkswirtschaftlich geht es für die Eidgenossen ans Eingemachte. Die UBS kappte ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr von 1,8 auf 0,5 Prozent und für 2016 von 1,7 Prozent auf 1,1 Prozent. Sollte die Überbewertung des Franken länger anhalten, könnte die Schweiz laut der Zürcher Kantonalbank in eine Deflation rutschen, einen Abwärtsstrudel mit sinkenden Preisen und sinkender Wirtschaftsleistung. Zudem würden sich die Aussichten für den Arbeitsmarkt verschlechtern.

Was die einen belastet, lässt andere frohlocken. Vom Leid der Schweizer könnte gerade Deutschland profitieren, das in der Schweiz jährlich Waren im Wert von 47 Milliarden Euro absetzt, was immerhin vier Prozent des gesamten Exports ausmacht. „Das ist ein Extra-Konjunkturprogramm – etwa für die deutsche Tourismuswirtschaft in der laufenden Wintersaison, aber auch für die Autobauer und andere Industriezweige“, jubelte Alexander Schumann, Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Auch rechnet er damit, dass die Schweizer Betriebe mehr hierzulande investieren werden, also die Produktion erweitern und Jobs schaffen.

Wie stark Wechselkurse das Wirtschaftsleben prägen, spüren seit der Euroeinführung die Menschen in der ganzen Währungsunion. Jahrzehntelang wertete Italien immer wieder seine Lira ab, um Wettbewerbsnachteile gegenüber Deutschland auszugleichen. Das half auf kurze Sicht. Langfristig kann es allerdings gefährlich sein, sich in der Standortkonkurrenz auf diesen bequemen Ausweg zu verlassen. Wenn es an Innovationen und Qualität mangelt, bringen Abwertungen irgendwann nur noch wenig.

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Umgekehrt stöhnte zwar die deutsche Industrie über die starke D-Mark. Ökonomen aber erklärten deren Leistungsfähigkeit auch mit dem permanenten Kostendruck durch die Aufwertungen. Sie zwangen die Unternehmen, sich zu verbessern. Die starke D-Mark wirke wie eine „Produktivitätspeitsche“, hieß es.

In der Schweiz allerdings könnten die Unternehmen nun unter der Wucht der Schläge entkräftet umfallen.

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