Das Thema Gleichstellung im Beruf hat in Frankreich höchste Brisanz. Bei der „Hohen Behörde gegen Diskriminierung und für Gleichheit“ sind 2009 mehr als 10000 Klagen eingegangen. Einige betrafen das Alter, das Aussehen, Schwangerschaft oder Geschlecht; die meisten Beschwerden (32 Prozent) entfielen jedoch auf die ethnische Herkunft. Vor allem Jugendliche aus den Einwandererquartieren klagen über die Benachteiligung am Arbeitsplatz, aber auch bei der Wohnungssuche oder vor der Disco.
Das Problem ist in Frankreich lange erkannt und hat nach den Vorstadtkrawallen von 2005 zu einem Gesetz über die Chancengleichheit geführt. Es erklärt für Firmen mit mehr als 50 Angestellten die Zulassung von anonymen Lebensläufen für obligatorisch. Wer sich bewirbt, muss kein Foto beifügen und weder Name, Herkunft, Geschlecht noch Behinderungen angeben. Nicht einmal eine Adresse, denn in den Banlieue-Ghettos lässt schon sie Rückschlüsse auf die Herkunft zu.
In die Tat umgesetzt wurde das Gesetz aber nicht. Der ehemalige Renault-Chef Louis Schweitzer meint, der Vorstoß sei einfach zu früh gekommen: „Zuerst mussten sich die Franzosen des Problems wirklich bewusstwerden.“ Dieses Ziel hat die Regierung auch bei ihrem gerade zu Ende gegangenen Testlauf verfolgt: 50 französische Firmen haben sich ein halbes Jahr lang unter Anleitung von Arbeitsmarktexperten einem mehrmonatigen Versuch unterzogen, unter Beteiligung der wichtigen Rekrutierungsagenturen wie Adia oder Manpower.
Während sich vor allem Kleinunternehmen durch den administrativen Mehraufwand überfordert sehen, lassen etwa ein Dutzend Großkonzerne wie die Versicherung Axa, die Supermarktkette Casino, der Hotelkonzern Accor oder der Autohersteller Peugeot-Citroën inzwischen zumindest in einzelnen Berufskategorien anonyme Bewerbungen zu. Casino erklärt, dank dieses „cv anonyme“ bereits rund 1500 Angestellte gefunden zu haben. Axa France stellt jährlich 800 Leute auf diese Art ein, das sind 20 Prozent aller Jobs.
Casino nimmt auf diese Weise vor allem Jugendliche unter Vertrag, die in direktem Kontakt mit den Konsumenten stehen, wie ein Firmensprecher erklärt. Bei Axa handelt es sich ebenfalls meist um Versicherungshändler, die mit dem Publikum in direktem Kontakt stehen. „Cv anonyme“ erlaube es, das reale Bevölkerungsspektrum abzudecken, meint dazu Personalchef Jad Ariss. Und das sei letztendlich auch ein Vorteil für das Unternehmen.
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