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14. April 2014

Frankreich: Keine Mails nach Feierabend

 Von 
Pausen müssen sein, auch wenn das Smartphone lockt.

In Frankreich gibt es für den Arbeitgeber bald eine "Pflicht zum Abschalten": Nach Feierabend sollen die beruflichen Mail-Server "geschlossen" werden. Besonders englischsprachige Newsportale machen sich über diese "neue Variante des französischen Savoir-Vivre" lustig.

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Paris –  

Telefon aus, Laptop zugeklappt: So sollen es in Zukunft französische Angestellte halten, die in erster Linie mit digitalen Werkzeugen arbeiten. Die Sozialpartner der zwei großen französischen Branchenverbände Syntec und Cinov haben ein entsprechendes Abkommen geschlossen. Es sieht für den Arbeitgeber sogar eine „Pflicht zum Abschalten“ nach vollbrachtem Tagwerk vor. Eine genaue Zeit ist nicht genannt, doch Gewerkschaftsvertreter Michel de la Force schätzt, dass die Firmen „den Zugang zu den beruflichen Mailbox-Servern nach 18 Uhr schließen könnten“.

Betroffen sind 910 000 Computeringenieure und Unternehmensberater. Sie arbeiten meist in französischen Unternehmen, doch gilt das Abkommen auch für Pariser Niederlassungen internationaler Internetkonzerne wie Google und Facebook oder Beratungsbüros wie Pricewaterhouse-Coopers.
In Frankreich hatten bisher einzelne Firmen wie Matra Feierabendregeln für den Mail- und SMS-Verkehr erlassen; in Deutschland schaltete VW seit 2011 die Mail-Weiterleitung eine halbe Stunden nach Arbeitsende ab. Das französische Branchenabkommen ist nun die erste übergreifende Regelung.

Gesetz gefordert

Die IG-Metall fordert gesetzliche Regelungen, die SMS- und Mail-Verkehr nach Feierabend und an Wochenenden unterbinden. „Die Digitalisierung darf nicht dazu führen, dass Arbeitnehmer rund um die Uhr erreichbar sind“, sagt Gewerkschaftschef Detlef Wetzel. Nötig seien strenge Regeln gegen Stress im Job und zu Hause. Es sei „unzumutbar“, dass immer mehr Beschäftigte nach Feierabend und an Wochenenden E-Mails oder SMS von Vorgesetzten bekommen.
Bei einigen Autobauern, darunter VW, Audi, BMW und Daimler, gibt es bereits betriebliche Vereinbarungen zum Schutz vor Mail-Stress nach Feierabend. fr

Auslöser war ein Urteil eines Pariser Gerichts, das eine gesetzliche Ruhezeit von mindestens elf Stunden am Tag ohne Unterbrechung bekräftigte. Diese Mindestdauer war 1999 bei der Einführung der 35-Stundenwoche festgelegt worden. Die Gewerkschaften der Computerbranche störten sich seit langem an der Praxis vieler Unternehmen, Angestellte rund um die Uhr auf digitale Weise zu kontaktieren.

Die den Unternehmen auferlegte „Pflicht zum Abschalten“ ihrer E-Post am Abend und an Wochenenden ist nach Meinung von Juristen erst eine Absichtserklärung. Eine konkrete Folge hat sie aber bereits: „Sie bedeutet, dass ein Angestellter, der seine Mails während der Ruhezeit nicht öffnet, dafür juristisch nicht zur Verantwortung gezogen werden kann“, meint Michel de la Force, der die beiden Gewerkschaften CFE und CGC vertritt.

"Bitte keine Zuschriften nach 18 Uhr"

In Frankreich warf die Anfang April beschlossene Neuerung zuerst keine hohen Wellen. Abschalten nach Feierabend ist auch in der französischen IT-Branche mehr und mehr akzeptiert. Verschiedentlich liest man in Berufsmails den Zusatz: „Bitte keine Zuschriften nach 18 Uhr.“

Umso sarkastischer reagierten englischsprachige Newsportale. „Keine Mails nach 18 Uhr, s’il vous plaît – wir sind Franzosen“, überschrieb das US-Webmagazin Engadget einen spöttischen Beitrag über die neue Regelung – begleitet vom Bild eines braungebrannten Alain-Delon-Typs beim Sonnenbaden. Andere Nachrichtenseiten machten sich über die „neue Variante des französischen Savoir-Vivre“ lustig.

Seither wogt die Debatte auch in Frankreich. „Dieses Abkommen ist wichtig in einer Branche, in der immer mehr Mitarbeiter zu Hause arbeiten“, meinte ein Forumsteilnehmer. „Sie haben Anspruch auf einen gesetzlichen Rahmen, um Berufs- und Privatleben besser trennen zu können.“

Aus den USA wendet ein emigrierter Landsmann ein: „Ich verstehe Frankreich nicht“, meinte er. „Natürlich ist es normal, sich nach der Arbeit auszuklinken. Aber wenn ich Lust habe, zum Beispiel nachts oder sonntags zu arbeiten, weil ich meinen Job mag – warum soll das dann nicht möglich sein?“

Aus Grenoble, einer Hochburg der französischen IT-Branche, schallte es zurück: „Seinen Job zu mögen, ist gut. Ebenso wichtig wäre es, der Versuchung zu widerstehen, rund um die Uhr verbunden zu sein.“

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