Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) präsentiert sich gerne als kühler Stratege. Doch neu aufgetauchte Akten zeigen detailliert, wie Flughafenbetreiber Fraport - mehrheitlich in öffentlichem Besitz - unter Kochs Aufsichtsratsvorsitz allen Warnungen zum Trotz in das größte Finanzdesaster des Unternehmens schlitterte. Rund 500 Millionen Euro sind dabei verbrannt. Es geht um das gescheiterte Manila-Engagement von Fraport, um den illegalen und kostspieligen Versuch, auf den Philippinen vom Jahr 2000 an ein großes internationales Terminal zu errichten und zu betreiben - obwohl die philippinische Verfassung dies ausschloss.
Aufsichtsratsprotokolle und Berichte der Wirtschaftsprüfer KPMG zeigen, wie Fraport unter der Ägide von Vorstandschef Wilhelm Bender und Aufsichtsrat Koch alle Warnungen in den Wind schlug, um schnell international zu wachsen. Fraport konnte demnach aus Expertisen früh wissen, dass große Probleme drohen: "Ausländischen Staatsangehörigen ist es untersagt, in Geschäftsführung, Betrieb oder Steuerung des Unternehmens einzugreifen", hieß es seitens des Konsortiums in Manila. Ausländer dürften nicht mehr als 40 Prozent an wichtigen Infrastrukturprojekten besitzen.
Doch Fraport strebte mit verschachtelten Firmenbeteiligungen trotzdem die Kontrolle des Airport-Projektes an - gegen die bekannten Risiken des philippinischen Rechts. Zudem warnten KPMG-Papiere, dass Fraport die Konzession für den Flughafen auch wieder verlieren könne, da solche Zusagen laut Verfassung "nicht exklusiver Natur sein dürfen". Die Situation sei unübersichtlich, die Risikolage deutlich erhöht, der gesamte Business-Plan von Fraport eventuell nicht haltbar, heißt es in einem Papier des Aufsichtsrats. Einzelne Mitglieder des Gremiums warnten eindringlich vor unüberschaubaren Risiken.
Dennoch wurde das noch in den letzten Amtstagen des Aufsichtsratsvorsitzenden Karl Starzacher (SPD) in Gang gebrachte Projekt von 1999 an unter dem neuen Vorsitzenden Roland Koch mit Hochdruck weiter vorangetrieben. Die Risiken der politischen Lage der für Unruhen und Putschversuche bekannten Philippinen stufte man kurzerhand als "gering" ein. Man vertraute auf gute Kontakte zu Staatschef Joseph E. Estrada und seine blumigen Zusagen.
"Geltendes Recht umgangen"
Nach Korruptionsvorwürfen und Massenprotesten musste Estrada 2001 jedoch abdanken und Vizepräsidentin Gloria Macapagal-Arroyo übernahm mit Hilfe der Armee die Macht. Damit regierte auf den Philippinen nun ein anderer Clan. "Einzelne Kreditinstitute sehen die aktuelle Gesellschafterstruktur als kritisch", warnte KPMG 2001 erneut vor den Risiken. Man stelle eine "verminderte Kooperationsbereitschaft" der Geschäftspartner in Manila fest. Eine interne Übersicht des Finanzierungsrisikos ging 2001 schon von 233 Millionen Euro aus - es wurde jedoch viel teurer. Im Dezember 2001 schrieb KPMG schon von einem "überproportionalen Finanzierungsengagement im Manila-Projekt" und einer "deutlich geringeren Projektrentabilität" als ursprünglich berechnet. Die Wirtschaftsprüfer warnten: "Obwohl ein Konzessionsvertrag mit der früheren philippinischen Regierung abgeschlossen wurde, versucht die derzeitige Regierung nachzuverhandeln". Begleitet werde das auch noch von Korruptionsvorwürfen gegen Geschäftspartner von Fraport.
Ende 2002 erklärte die philippinische Regierung die Verträge über das Terminal für nichtig. Fraport war da bereits mit rund 400 Millionen Dollar engagiert. In einem Sonderprotokoll des Aufsichtsrats hielt Koch 2003 fest, dass dem Fraport-Vorstand dennoch "keine Verletzung der Sorgfaltspflicht vorgeworfen werden könne".
Trotz der Verpulverung von Hunderten Millionen Euro in dem Manila-Geschäft sei "der unternehmerisch zulässige Handlungsrahmen nicht überschritten worden", so Koch laut Protokoll. Er beschloss 2003 sogar eine Gehaltserhöhung des Fraport-Chefs von 550.000 auf 700.000 Euro jährlich und gab 2004 den Aufsichtsratsvorsitz ab. Sein Nachfolger im Kontroll-Gremium wurde Hessens Finanzminister Karlheinz Weimar. Vor der Weltbank klagte Fraport auf Schadenersatz gegen die Philippinen - und handelte sich 2007 eine Niederlage ein: "Fraport hat bewusst und vorsätzlich geltendes Recht umgangen", urteilten die obersten Handelsrichter. Schadenersatz gebe es nur für legale Geschäfte. Konsequenzen für Bender und Koch hatte das Urteil nicht.
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