Der Ölkonzern BP jubelt. Ein neu entdecktes Ölfeld im Golf von Mexiko namens "Tiber" ist der Grund. Mindestens drei Milliarden Barrel (159 Liter) sollen dort, rund 400 Kilometer südöstlich von Houston in der Tiefe schlummern. Damit ließe sich der weltweite Ölverbrauch für rund einen Monat decken.
Das Öl wird aber kaum vor 2015 gefördert werden, wenn überhaupt. Denn Experten raten zur Vorsicht. "Um ein Feld dieser Größenordnung zu bestimmen, braucht es mehr als eine Testbohrung", sagt Hilmar Rempel, Geologe bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Bei vergleichbaren Fällen sei auf euphorische Vorabschätzungen Ernüchterung gefolgt.
Die Ölindustrie macht eine feine aber wichtige Unterscheidung bei Rohölvorkommen. Es wird in Ressourcen und Reserven unterschieden. Ressourcen sind nachgewiesene Mengen, die derzeit aber nicht gewonnen werden, weil es entweder technisch zu aufwendig oder zu teuer ist. Auch nicht nachgewiesene, aber geologisch mögliche Lagerstätten werden unter Ressourcen verbucht.
Reserven sind hingegen Ölvorkommen, die mit heutiger Technik und bei aktuellen Preisen lukrativ ausgebeutet werden können. Das bedeutet auch, mit fallenden Ölpreisen sinkt die Menge der Reserven. Aus diesem Grund wurden Anfang des Jahres mit dem Ölpreis-Rutsch viele Explorationsprojekte gestoppt.
Reserve Growth, ein Reservezuwachs, ist keine Seltenheit bei der Öl- und Gasförderung. Während der Förderung erhöhen sich häufig die geschätzten Reserven aufgrund eines besseren Verständnisses der Lagerstätte.
Auch Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank spricht von "großer Unsicherheit. An den Zahlen kann sich noch sehr viel ändern."
Vor anderthalb Jahren sorgte die Entdeckung eines angeblich 30 Milliarden-Barrel starken Feldes vor Brasilien für Aufsehen. Bis heute wurden die Angaben nicht bestätigt.
Doch für die Ölkonzerne sind solche Funde wichtig, da sie sie als eigene Reserven verbuchen können und damit ihre Bilanzen aufwerten. Das gilt umso mehr, da es "für die privaten Ölgesellschaften immer schwieriger geworden ist, an neue Quellen zu kommen", sagt Rempel. Denn die größten Ölschätze der Welt liegen vermutlich im Nahen Osten, insbesondere in Saudi-Arabien, aber auch in Libyen und Venezuela.
Diese Reserven werden fast ausschließlich von Staatsgesellschaften erschlossen. BP, Shell, Exxon und Co. müssen draußen bleiben. Deshalb bohrt BP seit 20 Jahren im Golf von Mexiko nach Öl. Vor den Küsten der USA und Mexikos werden laut BGR noch rund zehn bis 20 Milliarden Barrel vermutet. Allerdings in beachtlicher Tiefe. Das Tiber-Ölfeld von BP liegt mehr als neun Kilometer unter dem Meeresboden und ist damit eines der tiefsten der Welt.
Die Wassertiefe beträgt noch einmal 1200 Meter. Ein anspruchsvolles Terrain, denn in der Tiefe nehmen Druck und Wärme erheblich zu. Wettbewerber Conoco hatte vor einigen Jahren bei Tiefseebohrungen vor Brasilien einen Teil seiner Ausrüstung verloren. Technisch, so versichert BGR-Wissenschaftler Rempel, sei das machbar. "Es ist nur eine Frage des Kapitaleinsatzes." Nach Auskunft der Internationalen Energieagentur betragen die durchschnittlichen Gewinnungskosten von Erdöl aus der Tiefsee bis zu 65 Dollar je Fass. Im Nahen Osten liegen sie bei weniger als einem Viertel. Die Erschließung der Tiefseereserven macht also erst ab einem Ölpreis von 70 bis 75 Dollar Sinn, da Transport- und andere Kosten noch bezahlt werden wollen und ein Profit übrig bleiben soll. Die Tage des billigen Öls sind vorbei.
Nach Ansicht von Hans-Josef Fell, energiepolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, haben die Euphoriemeldungen der Ölkonzerne Methode: "So können sie darüber hinwegtäuschen, dass die Reserven in Wahrheit sinken." Die Ölkonzerne wollten das Signal setzen, es gebe genügend Öl. "Doch mit allen neu gefundenen Quellen lässt sich der Rückgang der großen, schon lange erschlossenen Ölfelder nicht mehr kompensieren."
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