Die Digitalisierung macht Multimediageräte vielseitiger. Die Hersteller packen immer mehr Funktionen in die Geräte. Überfordert das nicht viele Nutzer?
Sicher. Besonders Ältere kommen mit manchen Geräten kaum noch zurecht. Das zeigen unsere Tests eindeutig. Zu viele Hersteller quälen die Verbraucher mit unausgereiften Produkten. Und viel mehr Produkte, als man denkt, werden wegen schlechter Bedienbarkeit zum Misserfolg.
Die Industrie behauptet, man achte schon sehr auf Benutzerfreundlichkeit.
Das sind oft nur Lippenbekenntnisse. Die Realität sieht anders aus, das belegen unsere Untersuchungen. Es gibt zu wenige Firmen, bei denen Benutzerfreundlichkeit Vorrang hat, wenn neue Geräte entwickelt werden. Das technisch Machbare steht zu sehr im Vordergrund - gerade bei deutschen Herstellern.
Gibt es Erfahrungswerte, wie viele Funktionen eines Gerätes überhaupt genutzt werden?
Da gilt die 80-20-Regel. 80 Prozent der Käufer nutzen nur 20 Prozent der Funktionen, den Rest aber selten oder nie. Nur für ein Fünftel der Kunden gilt das nicht. Das sind zum Beispiel Geschäftsleute, die ein teures Mobiltelefon umfassend im Alltag einsetzen.
Was sollte die Industrie daraus lernen?
Der schwerste Fehler ist, Geräte und Fernbedienungen mit Knöpfen und Tasten zu überfrachten. Die wichtigsten Funktionen müssen leicht steuerbar sein, am besten mit einem Fingerdruck. Alles andere gehört in untergeordnete Bedienungsmenüs.
Welche Geräte sind vorbildlich?
Der I-Pod von Apple ist auch wegen seines genialen Bedienkonzepts ein Megaerfolg. Weniger ist mehr - das müssen viele Hersteller noch lernen. Auch Nintendo ging bei seiner Spielekonsole Wii einen neuen Weg. Nicht noch mehr Technik, Tempo und Grafik standen bei der Entwicklung im Mittelpunkt, sondern Spielspaß und kinderleichte Nutzung. Das zahlt sich aus.
Inwiefern?
Nintendo hat mit der Konsole neue Zielgruppen erreicht, die japanische Firma steht besser da als alle Wettbewerber. Der Mut, neue Wege zu gehen, hat sich gelohnt. Dieser Mut fehlt vielen Firmen
Wo sehen Sie besonders Verbesserungsbedarf?
Unsere Praxistests zeigen, dass viele Nutzer zum Beispiel schon bei der Installation eines DVD- oder Festplattenrekorders große Probleme haben. Hersteller sollten sich viel mehr fragen: Was will der Nutzer wirklich? Fernsehen. Eine Sendung aufnehmen. Ab und zu eine DVD brennen. Punkt. Kein überflüssiger Krimskrams. Daran muss sich ein gutes Bedienkonzept orientieren.
Sind mehr Vorschriften nötig?
Es gibt die ISO-Norm 13407, die den Herstellern einen benutzerzentrierten Entwicklungsprozess vorgibt. Schon in der Konzeptphase sind Tests mit möglichen Nutzern eines Geräts vorgesehen. Dieser Anforderungsanalyse sollen weitere Praxisuntersuchungen mit Prototypen folgen. Im Idealfall entsteht so ein kundengerechtes neues Produkt. Doch manche Firma ignoriert das und denkt: Ich baue doch schon seit 30 Jahren diese Geräte, ich weiß, wie das geht. So werden neue, bessere Lösungen verpasst.
Rächt es sich, wenn Hersteller die Benutzerfreundlichkeit vernachlässigen?
Auf Dauer ganz sicher. In der Branche kursiert dazu ein provokanter Spruch: Werbung ist tot - Erfahrung ist alles. Soll heißen: Man kann viele Millionen in die Vermarktung eines Gerätes pumpen. Doch wenn die Käufer hinterher davon enttäuscht sind, werden sie die Marke künftig meiden. Das Internet macht den Erfahrungsaustausch unter Verbrauchern ja viel leichter. Das haben manche Unternehmen noch gar nicht richtig begriffen.
Interview: Thomas Wüpper
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