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Gastbeitrag: Soziale Risse in der Metallbranche

Der Aufschwung ist nahezu spurlos an den Beschäftigten vorbei gezogen. Von Helga Schwitzer

Helga Schwitzer (57) ist im Vorstand der IG Metallzuständig für Tarifpolitik.
Helga Schwitzer (57) ist im Vorstand der IG Metallzuständig für Tarifpolitik.
Foto: IG Metall

Am 8. September wird der IG-Metall-Vorstand seine Empfehlung für die Forderung in der diesjährigen Metall-Tarifrunde abgeben. Schon vorher schlagen die Wellen hoch. So polemisiert Gesamtmetallchef Martin Kannegiesser gegen eine "Gefühls-Tarifrunde". Seine Polemik ist eine Reaktion darauf, dass die IG Metall in dieser Tarifrunde das Ungerechtigkeitsempfinden der Menschen aufgreifen will. Doch die Ungerechtigkeit ist nicht nur gefühlt. Sie ist Realität. Das belegen die Fakten.

Erstens: Der vielgepriesene Aufschwung ist nahezu spurlos an den Beschäftigten vorbei gezogen. Trotz der erfolgreichen Tarifabschlüsse, die in den letzten Jahren die Reallöhne verbessert haben, gilt dies auch in der Metall- und Elektroindustrie: Die Tariflöhne sind im vergangenen Jahr um 3,9 Prozent gestiegen, die tatsächlich gezahlten Bruttolöhne pro Stunde dagegen nur um 1,8 Prozent. Ein wichtiger Grund: Viele Betriebe haben übertarifliche Leistungen abgebaut.

Zweitens: Die Schere zwischen Gewinn- und Lohnentwicklung klafft immer weiter auseinander, auch in der Metall- und Elektroindustrie. Erzielten die Unternehmen 2003 im Schnitt für 100 Euro eingesetztes Eigenkapital bereits üppige 8,90 Euro Rendite, so ist die Verzinsung 2007 auf 21 Euro angewachsen. Zum Vergleich: Für die Anlage in langfristigen Anleihen gibt es 4,2 Prozent. Von 2003 bis 2007 sind die Nettogewinne um 220 Prozent gestiegen, die Effektivlöhne nur um 8,7 Prozent.

Drittens: Die Lebenshaltungskosten der Beschäftigten sind drastisch gestiegen. 2008 werden Verbraucher mindestens drei Prozent mehr ausgeben müssen.

Es sind diese Tatsachen, die das Gerechtigkeitsempfinden der Beschäftigten und die Erwartungen an die Tarifrunde prägen. Deshalb werden wir das Thema Gerechtigkeit in der diesjährigen Tarifrunde aufgreifen. Den Beschäftigten geht es auch um die Anerkennung ihrer Arbeit. Mit ihrer enorm gestiegenen Arbeitsleistung haben sie Produktionsrekorde und Gewinne der Unternehmen erst möglich gemacht. Daran wollen sie deshalb zurecht fair beteiligt werden - durch eine deutliche materielle Anerkennung. Dazu ist gerade die Metall- und Elektroindustrie in der Lage: Die Produktion ist hier je Beschäftigtenstunde in den vergangenen Jahren zwei bis drei Mal so schnell gestiegen wie in der Gesamtwirtschaft.

Eine kräftige Tariferhöhung wirkt positiv auf das Wachstum. Die Konjunktur wurde in Deutschland bisher weitgehend vom Export getragen. Vom Konsum kamen keine Impulse. Spätestens jetzt, da die Exportnachfrage nachlässt und auch die unternehmerischen Investitionen schwächer werden, muss binnenwirtschaftlich umgesteuert werden. Das A und O für die Stärkung der privaten Konsumnachfrage ist gerade jetzt eine kräftige Erhöhung der Entgelte. Es geht in dieser Runde also auch um mehr Wachstum, Anerkennung und Gerechtigkeit.

Autor:  HELGA SCHWITZER
Datum:  3 | 9 | 2008
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