Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

17. Juni 2010

Gastbeitrag: Sparen ist keine Lösung

Dierk Hirschel ist Wirtschaftsexperte der Gewerkschaft Verdi.  Foto: Privat

Europa spart sich kaputt. Die Sparwut droht das zarte Wachstum abzuwürgen. Die Staaten müssten aber in Bildung, Gesundheit, Umwelt und Infrafstruktur investieren. Ein Gastbeitrag von Dierk Hirschel

Drucken per Mail

Europa spart sich kaputt. Erst versuchte Angela Merkel, Griechen, Spanier und Portugiesen zu schwäbischen Hausfrauen umzuerziehen. Jetzt spielt sie selbst die eiserne Sparkommissarin. Mit dem 80 Milliarden schweren Sparpaket zeigt die Kanzlerin unseren europäischen Nachbarn, wie man richtig spart. Reichskanzler Brüning wäre stolz auf seine Schülerin.

Die Sparorgie soll den hoch verschuldeten Staaten helfen, das Vertrauen der Finanzmärkte zurückzugewinnen. Ein Stück aus dem Tollhaus. Erst mussten sich Staaten verschulden, um ihre Geldhäuser zu retten. Jetzt diktieren Investmentbanker und Hedgefonds-Manager ihren Rettern den Preis für frisches Kapital. Wer nicht eisern spart, zahlt entweder Wucherzinsen oder bekommt kein Geld.

Zum wiederholten Mal zwingen die Kapitalmärkte die Realwirtschaft in die Knie. Die Sparwut droht das zarte Wachstum abzuwürgen. Die wirtschaftliche Erholung steht auf wackligen Beinen. Ohne Konjunkturhilfen würde der Euroclub noch immer auf der Intensivstation liegen. Wenn Merkel, Sarkozy, Berlusconi & Co nun bei Löhnen, Personal, Investitionen und Sozialtransfers kürzen, droht der erneute Absturz.

Aus Verschuldung herauswachsen

Was also tun, wenn Sparen keine Lösung ist? Die Staaten der Eurozone können aus der Verschuldung nur herauswachsen. Dafür müssen sie kräftig in Bildung, Gesundheit, Umwelt und Infrastruktur investieren. Kurzfristig können diese Zukunftsinvestitionen schuldenfinanziert werden. Mittelfristig bedarf es höherer Steuern.

Verteilungspolitische Nebenwirkungen sind ausdrücklich erwünscht. Schließlich hat die ökonomische Ungleichheit im Euroland dramatisch zugenommen. Topverdiener zahlen heute in Deutschland nur noch 27 Prozent effektive Einkommenssteuer. Früher waren es 44 Prozent. Die Vermögenssteuer wurde 1997 gleich ganz abgeschafft.

Höhere Steuern auf große Einkommen und Vermögen machen ökonomisch Sinn. Wenn Reiche mehr Steuern zahlen, dann konsumieren und investieren sie keinen Cent weniger. Lediglich ihre Sparquote sinkt. Das schadet nur dem Casino.

Vermögensbesitzer müssen zahlen

Deswegen müssen Vermögensbesitzer wieder Steuern zahlen. Ihre hohe wirtschaftliche Leistungsfähigkeit rechtfertigt eine gesonderte Besteuerung. Wenn Vermögen über 500.000 Euro mit einem Prozent besteuert werden, winken jährliche Mehreinnahmen von rund 20 Milliarden Euro.

Leistungslose Einkommen werden aber auch vererbt. Jedes Jahr wechseln rund 200 Milliarden Euro von Generation zu Generation. Nur jeder siebte Bürger profitiert davon. Eine Erbschaftssteuerreform müsste die Bewertungsverfahren verbessern und dürfte Betriebsvermögen nicht mehr privilegieren. So könnten jährlich zehn Milliarden Euro in die Staatskassen fließen.

Zudem sollten Zinserträge mit dem persönlichen Einkommenssteuersatz und nicht mehr mit einer nur 25-prozentigen Abgeltungssteuer belastet werden. Ein höherer Spitzensteuersatz, höhere Unternehmenssteuern und eine Finanztransaktionssteuer gehören ebenfalls in den Instrumentenkasten einer einnahmeseitigen Konsolidierungsstrategie.

Die Gefahr, dass höhere Steuern das scheue Reh außer Landes treiben, besteht nicht. Der internationale Steuersenkungs- hat sich in einen Steuererhöhungswettlauf verwandelt. Unsere europäischen Nachbarn erhöhen in der Finanzkrise ihre Steuern. Die ökonomisch schädliche und sozial schlechte Sparpolitik ist somit nicht alternativlos. Wer jetzt die Verteilungsfrage stellt, der muss die Zukunft nicht kaputtsparen.

Dierk Hirschel ist der Wirtschaftsexperte der Gewerkschaft Verdi

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Forum Entwicklung

Digitale Revolution: Mit Apps aus der Armut

Das Forum Entwicklung ist eine Debattenreihe von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  

Mit Apps aus der Armut - kann das funktionieren? Welche Chancen bietet die digitale Revolution den Entwicklungsländern? Über diese Fragen diskutieren wir beim "Forum Entwicklung" am 27. September in Frankfurt. Mehr...

Arbeitswelt

Schuften bis zum Umfallen

Von  |

Die Bundesbank empfiehlt eine unsinnige Rentenpolitik Mehr...

Finanzanlage

Mit Geld die Welt verändern

Investitionen in Projekte, die anders wirtschaften Mehr...

FRAX

Die Frankfurter Rundschau und das Forschungsinstitut Wifor präsentieren den FR-Arbeitsmarktindex, kurz FRAX. Er erlaubt einen genaueren Blick auf unsere Arbeitswelt als es die Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen tun.

Videonachrichten Wirtschaft

Anzeige

Forum Entwicklung

Recht auf Arbeit – auch für Kinder?

Das Forum Entwicklung ist eine Debattenreihe von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  

Weltweit arbeiten rund 150 Millionen Kinder – oft unter ausbeuterischen Bedingungen auf Plantagen, in der Teppichproduktion oder als Dienstmädchen. Darum geht es beim „Forum Entwicklung“ am Donnerstag, 23, April. Mehr...

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen