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Wirtschaft
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03. September 2014

Gastbeitrag: Wie Drogenabhängige

 Von Felix Rauschmayer
Leben ohne Wachstum - brauchen wir immer mehr?

Die Angst vor einer Wirtschaft ohne Wachstum ist groß. Wir verhalten uns wie Süchtige. Die Voraussetzungen für eine Therapie sind sehr schlecht.

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Sind Sie bei der Verfügbarkeit von Wirtschaftswachstum auch erleichtert? Schließen Sie auch die Augen und Ohren, wenn es um globale, jetzige und zukünftige wachstumsbedingte Schäden an Umwelten und Gesellschaften geht? Haben Sie auch keine Ahnung, wie wir uns je vom Prinzip Wachstum verabschieden könnten? Wenn Sie jetzt „Wachstum“ durch „Alkohol“ (oder ein anderes Suchtmittel Ihrer Wahl) ersetzen, dann verstehen Sie vielleicht, warum der Tanz um das goldene Kalb Wirtschaftswachstum an eine Suchtkrankheit erinnern könnte.

Zur Person

Der Autor: Felix Rauschmayer leitet den Forschungsschwerpunkt Nachhaltigkeitstransformation in der Abteilung Umweltpolitik des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Ausgebildet als ökologischer Ökonom, liegt derzeit sein Hauptinteresse bei der Verbindung persönlicher und gesellschaftlicher Veränderung zu mehr Nachhaltigkeit. Hier ist er zum Beispiel an der Frage interessiert, wie Wertveränderungsprozesse in Gang gesetzt werden können.

Die Konferenz: Auf der internationalen Degrowth-Konferenz in Leipzig diskutieren in dieser Woche über 2500 Teilnehmer über eine Wirtschaft, die ohne Wachstum auskommt. Die Konferenz findet zum vierten Mal statt. Die Frankfurter Rundschau holt die Debatte eine Woche lang ins Blatt. FR

Sehnsüchtig hoffen Politiker aller Parteien auf positive Wachstumszahlen – und dies weitgehend unabhängig von der Kritik, die an dem Maß des Wirtschaftswachstums geäußert wird. Diese Kritik kommt von Wirtschaftsnobelpreisträgern, Kommissionen des Bundestags oder des französischen Präsidenten, der EU-Kommission oder auch seitens der OECD, also beileibe nicht von wirtschaftsfeindlichen Randfiguren. Seit den 1950er Jahren hat Deutschlands soziale Marktwirtschaft Wirtschaftswachstum in mehr Arbeitsplätze, steigende Löhne, kürzere Arbeitszeiten, bessere Infrastruktur und wachsende soziale Gerechtigkeit umgesetzt. Doch viele dieser positiven Effekte konnten in den vergangenen 20 Jahren nicht mehr beobachtet werden – negative Effekte auf Umwelt und Gesellschaft dagegen umso mehr.

Nichtsdestotrotz ist gerade in den vergangenen Jahren der Tanz um das goldene Kalb wieder intensiver geworden: von Berlin bis Ankara, von Lissabon bis Tokio. Obwohl alle wissen, dass ein permanentes Wachstum einer ressourcenbasierten und schadstoffausstoßenden Wirtschaft im begrenzten Naturraum Erde nicht möglich ist, beschäftigt sich kaum ein Politiker damit, wie eine von Wirtschaftswachstum unabhängige Gesellschaft aussehen könnte. Stattdessen träumen Politikerinnen aller Parteien und Wirtschaftsvertreter aller Länder von einer „Grünen Wirtschaft“ (alias „green economy“) – als gäbe es ernstzunehmende Hinweise auf eine abnehmende Ressourcenintensität der Wirtschaft.

Die Verbindungen von Wirtschaftswachstum zu Kriegen, zu Umweltzerstörung weltweit – also zu weltweitem tierischem und menschlichem Leiden – werden verdrängt. Neben dieser Schädigung nehmen auch die Symptome der Selbstschädigung zu, die mit Wirtschaftswachstum verbunden sind, wie Burn-out, Existenzängste, Depressionen und andere. Ähnlich wie Suchtkranke blenden wir die langfristigen Folgen unseres Handelns für Körper und Geist aus und verlieren die wichtigen Dinge des Lebens aus dem Blick – um uns kurzen, angenehmen Momenten hinzugeben. Sind unsere Gesellschaften abhängig von der Droge Wirtschaftswachstum?

Klar erkennbar ist eine Selbstschädigung durch den Konsum der Droge Wirtschaftswachstum erst von einem Standpunkt außerhalb des Wirtschaftswachstums. Doch trotz der plausiblen Kritik an Maß und Bedeutung von Wirtschaftswachstum scheint es für unsere Gesellschaften sehr schwer, sich ihrer Wachstumsfixierung bewusst zu werden – eher werden Länder beschworen, ihr Wachstum zu steigern.

Würde es denn überhaupt möglich sein, etwas nutzen oder auch ändern, wenn sich ein einzelnes Land vom Wachstumsdogma verabschiedete? Auch hier herrscht Skepsis. Das Zukunftsbild einer Postwachstumsgesellschaft scheint trotz der Anstrengungen einzelner Menschen und Gruppen eher angstbesetzt – müssen wir zurück in die Höhlen? Die Therapievoraussetzungen für einen Drogenentzug sind also sehr schlecht: keine Therapeuten; wenig Erfahrung mit Entzug; sozialer Druck klar in Richtung Wirtschaftswachstum; geringes Zutrauen in die Wirksamkeit eigenen Handelns; kein klares positives Zukunftsbild, das einen Entzug motivieren könnte.

Was könnten Elemente eines solchen Zukunftsbildes sein? Das wichtigste scheint mir eine Rückbesinnung auf das Ziel des Wirtschaftens: das gute Leben aller. Hier können wir in Deutschland von einer lateinamerikanischen Diskussion um buen vivir lernen – nicht um die Inhalte zu kopieren, sondern um den Zweck des Wirtschaftens in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte zu stellen und nicht die Mittel. Dann kommen wir vielleicht dazu, dass es für unser gutes Leben wichtig ist, mehr an unseren psychischen als mit den materiellen Ressourcen zu arbeiten: Mit einem besser entwickelten Mitgefühl können wir angenehmer miteinander leben. Mit Achtsamkeit als der Fähigkeit, intensiv im Moment zu sein, können wir unseren Reichtum besser genießen. Mit mehr Zutrauen in die Wirksamkeit unserer Handlungen können wir konsumunabhängige Wege finden, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Mehr Bezug zur Sinnhaftigkeit unseres Handelns macht uns glücklicher. Gleichzeitig geht es natürlich auch darum, Machtstrukturen zu verändern, so dass wir nicht durch Werbung, Güter-, Meinungs- oder Wissensmonopole daran gehindert, sondern darin unterstützt werden, unsere Abhängigkeiten von alten Konsum- und Wachstumsgewohnheiten aufzulösen.

Wie trockene Alkoholkranke

Stellen wir uns vor, all dies gelänge uns – wie sähe unser Leben dann aus? Es wäre sicher langsamer und geprägt von mehr Gemeinschaftlichkeit und Verbindung zwischen den Menschen. Das individuelle und gemeinschaftliche Bemühen, nicht wieder in die alten Muster zu verfallen, wäre sicher lange präsent; ganz so, wie trockene Alkoholkranke sich permanent bemühen müssen, nicht nach ihren alten Gewohnheiten zu handeln.

Wir werden nicht nur einen Umbau der Stromversorgung brauchen, sondern einen gesamtgesellschaftlichen Umbau. Der Umbau muss alle Ebenen, von lokal bis global, und alle Lebensbereiche umfassen, also auch Umverteilung und Neudefinierung von Arbeit sowie die Vermögensverteilung.
Doch was ist die Alternative? Derzeit entscheiden wir uns dazu, uns permanent von unserem Wissen und Mitfühlen ob der schädlichen Folgen unseres Handelns abzuschneiden, um ein paar zusätzliche nette Jahre zu gewinnen – nur um dann umso heftiger abzustürzen.

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