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01. April 2011

Gastbeitrag zum Atom-Moratorium: „Umstieg mit Augenmaß“

 Von Johannes Teyssen
Johannes Teyssen ist Vorstandsvorsitzender der Eon-AG. Foto: afp

Fukushima hat die Welt verändert - auch in den Köpfen der Kraftwerksbetreiber. Der Vorstandsvorsitzende von Eon, Johannes Teyssen, erklärt, warum sein Konzern nicht gegen das Moratorium von Angela Merkel klagen will.

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Für so manchen war es eine Überraschung, als Eon vorgestern mitteilte, nicht gegen die Anordnungen zur vorübergehenden Stilllegung der Kernkraftwerke Isar I und Unterweser zu klagen. War doch erwartet worden, dass jetzt eher die Zeit der juristischen Grabenkämpfe anbräche. Zugegeben, leicht gefallen ist uns die Entscheidung nicht. Immerhin gab es gute Gründe für den Rechtsweg. Aber die Gründe dagegen waren noch besser.

Das dreimonatige Moratorium soll die Grundlage schaffen für eine zügige und ergebnisoffene Diskussion über Konsequenzen aus der Katastrophe in Japan. So will es die Bundesregierung und so denken auch viele Menschen in Deutschland. Wir bei Eon teilen und unterstützen dieses Ziel.

Fukushima wiegt zu schwer, als dass irgendjemand einfach zur Tagesordnung übergehen könnte. Eon will und wird das jedenfalls nicht. Unser Mitgefühl gilt zuallererst den betroffenen Menschen in Japan. Wir helfen dort, wo wir nur können. Die Katastrophe in Japan heißt allerdings nicht, dass wir die Sicherheit unserer Kernkraftwerke – weder der älteren noch der jüngeren - in Frage stellen. Sie erfüllen alle sicherheitstechnischen Anforderungen und übertreffen sie zum Teil sogar deutlich. Und nirgendwo in der Welt gibt es höhere Standards als bei uns. Dennoch müssen wir nach Fukushima offen über Sicherheitsthemen neu diskutieren. Darüber, ob die Anforderungen dem entsprechen, was wir als Gesellschaft an verbleibenden restlichen Risiken zu tragen bereit sind.

Diese Diskussion ist schwierig. Und sie hat nicht nur technische Dimensionen. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass nun eine Ethik-Kommission zur politischen und öffentlichen Meinungsbildung beiträgt. Dabei haben wir zur Kenntnis zu nehmen, dass die Bevölkerung nach den Ereignissen in Japan der im vergangenen Herbst beschlossenen Laufzeitverlängerung für die deutschen Kernkraftwerke derzeit überwiegend ablehnend gegenübersteht. Dies stellen wir ohne jede Resignation fest. Wir sind Teil der Gesellschaft, wir arbeiten für die Menschen und mit den Menschen in Deutschland. Und wir wissen sehr genau: Ohne eine grundlegende gesellschaftliche Akzeptanz lässt sich kein Geschäft auf Dauer nachhaltig oder erfolgreich betreiben.

Deutschland will und wird seine Energiezukunft nach Fukushima neu ausrichten. Alle politischen Parteien haben das deutlich gemacht. Über das Wie lässt sich naturgemäß streiten, ja muss im Interesse der besten Lösung sogar gestritten werden. Wichtig dabei ist aber, dass dieses auf Basis von Argumenten und rationalen Einschätzungen geschieht und nicht vorwiegend Emotionen unsere Energiezukunft bestimmen.

Wir jedenfalls wollen uns an einem offenen und transparenten Dialog zur Transformation des deutschen Energiesystems beteiligen. Und tragen mit der Entscheidung, keine Klage gegen das dreimonatige Moratorium zu erheben, zu den Voraussetzungen dafür bei. Damit haben wir uns sehr bewusst nicht für den vordergründig naheliegenden Weg entschieden, sondern für einen Weg des offenen und ungestörten Austausches und der langfristigen Perspektive. Langfristig zu denken heißt aber auch, die Folgen aktuellen Handelns in Entscheidungen einzubeziehen und konkrete Alternativen zu entwickeln. Ein schnellerer Ausstieg aus der Kernenergie setzt tatsächlich machbare Alternativen voraus. Wir können und dürfen also nicht nur über Risiken der Kernenergie diskutieren, sondern müssen auch die Risiken eines vorschnellen und unüberlegten Ausstiegs abwägen. „Ausstieg mit Augenmaß“ – so will es die Bundeskanzlerin.

Augenmaß heißt, nicht einfach nur die Frage nach einigen Jahren Laufzeit mehr oder weniger zu beantworten. Augenmaß muss vielmehr heißen, die Zeit des Moratoriums nutzen, um einen Fahrplan für Deutschlands Energiezukunft zu entwickeln, der über Parteigrenzen hinweg getragen wird und breite gesellschaftliche Akzeptanz findet. Deutschland brauche einen „überparteilichen neuen Energiekonsens“, hat erst kürzlich der SPD-Vorsitzende Gabriel gefordert. Auch er hat Recht. Aber der Fahrplan dafür kann nur das Ergebnis einer intensiven Diskussion und möglichst weitreichenden Konsensbildung sein. Vorschnelle Festlegungen helfen nicht weiter, sondern erschweren einen offenen und konstruktiven Dialog.

Einfach wird es sicher nicht. Dafür sind die noch ungelösten Fragen zu komplex. Wie halten wir unser hohes Niveau bei der Versorgungssicherheit? Wie erreichen wir unter neuen Vorzeichen unsere Klimaziele? Und wie bleibt Energie für die Industrie und für alle Bürger bezahlbar? Wie erhalten wir Arbeitsplätze und Wohlstand für uns und unsere Kinder? Denn auch auf deren Zukunft kommt es heute an! Darauf brauchen wir Antworten. Und zwar bevor endgültige Entscheidungen über einen schnelleren Ausstieg aus der Kernenergie fallen. Nur so schaffen wir einen tragfähigen Umstieg mit Augenmaß.

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