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GDL-Chef Weselsky: "Es gibt keinen Krisenbonus"

Die GDL will einen Flächentarifvertrag für Deutschlands Eisenbahner. Schon ab August könnten Streiks bei der Deutschen Bahn drohen, kündigt GDL-Chef Weselsky im FR-Interview an.

Wenn sich die GDL und die Arbeitgeber nicht einigen, könnte der Fahrplan im August recht dünn aussehen.
Wenn sich die GDL und die Arbeitgeber nicht einigen, könnte der Fahrplan im August recht dünn aussehen.
Foto: dpa

Herr Weselsky, bei der Hessischen Landesbahn versucht die GDL gerade, per Streik höhere Gehälter durchzusetzen - ein kleiner Vorgeschmack auf die in Kürze anstehenden Tarifverhandlungen mit der Deutschen Bahn?

Was wir derzeit bei der Hessenbahn und weiteren Privatbahnen an Arbeitskämpfen durchführen, ist ein klares Zeichen dafür, dass unsere Lokführer bei den privaten Bahnkonkurrenten nicht mehr bereit sind, für bis zu 30 Prozent weniger Einkommen die gleiche Arbeit zu machen. Es ist auch ein klares Bekenntnis zu einem Flächentarifvertrag, den wir für alle Eisenbahnverkehrsunternehmen anstreben.

Zur Person

Claus Weselsky ist seit Mai 2008 Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Zuvor war er Mitarbeiter in der GDL-Tarifabteilung. Der 51-Jährige fordert einen Flächentarifvertrag für die Bahnbranche. Der dürfe nicht unter dem Lohnniveau des Marktführers liegen. Weselsky schlägt einen Stufenplan vor, um das Niveau der Deutschen Bahn zu erreichen. (tos)

Was verdient ein Lokführer der Hessischen Landesbahn im Vergleich zum Marktführer?

Das ist unterschiedlich. Bei der Vectus, einem Unternehmen der Hessischen Landesbahn, liegt das Gehalt eines Lokführers 23 Prozent unter dem Niveau der Deutschen Bahn. Das sind aufs Jahr bezogen 8300 Euro weniger.

Mit einem Flächentarifvertrag in der Branche ist es nicht so einfach: Die Deutsche Bahn kann die Tarife nicht senken, sonst bekommt sie es mit den Gewerkschaften zu tun, die privaten Konkurrenten wollen nicht so stark erhöhen. Wo liegt die Lösung?

Das Tarifniveau der Deutschen Bahn muss ja nicht sofort in vollem Umfang für alle Unternehmen gelten. Es wäre unrealistisch, Gehaltssprünge von 20 bis 30 Prozent zu fordern. Wir bieten den Unternehmen an, das 100-Prozent-Niveau in einem Stufenplan zu erreichen.

Schließen Sie einen Flächentarifvertrag unter dem Lohnniveau des Marktführers aus?

Ja, so etwas wird es mit uns nicht geben. Wir sehen nicht ein, dass wir für 90 Prozent des Fahrpersonals die Löhne senken, nur weil zehn Prozent der Bahnbetreiber aufgrund einer unkontrollierten Liberalisierung des Eisenbahnmarktes glauben, Wettbewerb zusätzlich über niedrigere Lohnkosten machen zu können.

Die Deutsche Bahn tritt bei Ausschreibungen im Nahverkehr mit Töchtern an, die nicht tarifgebunden sind. Was tun Sie dagegen?

Wir streben an, dass für alle neu in der Ausschreibung befindlichen Verkehrsverträge von Beginn an nach dem Tarifniveau des Marktführers gezahlt wird, egal ob Deutsche Bahn oder ihre Konkurrenten.

Was, wenn sich die Arbeitgeber weiter verweigern, einen Flächentarifvertrag anzuerkennen?

Wenn wir auf dem Verhandlungsweg nichts erreichen, werden wir gezwungen sein zu streiken.

Wann muss man mit den ersten Streiks rechnen?

Das könnte schon im August der Fall sein. Wir sind bei den privaten Bahnen nicht mehr in der Friedenspflicht, bei der Deutschen Bahn endet sie am 31. Juli. Wenn bis dahin keine Einigung in Sicht ist, werden wir streiken.

Demnächst beginnt auch eine normale Lohnrunde bei der Deutschen Bahn. Mit welchen Forderungen gehen sie in die Gespräche?

Was die Lohnhöhe anbelangt, will ich der Tarifkommission nicht vorgreifen. Ich kann nur sagen, dass wir eine starke demografische Komponente darin haben werden. Es gibt viele ältere Lokführer, die seit 25 Jahren und mehr im Dienst sind. Wir wollen klären, wie mit denen umgegangen wird, die eines Tages nicht mehr fahrdiensttauglich sind.

Berücksichtigen Sie in Ihren Forderungen die Krisenfolgen?

Wir werden in dem Gesamtpaket nicht überziehen, aber es gibt auch keinen Krisenbonus. Trotz Rezession ist die am härtesten getroffene Gütersparte wieder auf einem guten Niveau. Der Gewinn, den, die Bahn trotz Krise gemacht hat, war auch beachtlich. Schließlich gibt es einen Engpass bei Lokführern.

Wie groß ist die Lücke?

Bei der Bahn fehlen mindestens 500 Lokführer, auf dem gesamten Markt werden es bis zu 1000 sein.

Sie hatten nach ihrem Streik 2007 einen Zulauf an Mitgliedern. Hält der Trend an?

Ja, wir haben in den letzten beiden Jahren mehr als 2000 neue Mitglieder gewonnen. Insgesamt gibt es bei der Bahn 20000 Lokführer, 80 Prozent sind bei uns organisiert.

Seit gut einem Jahr steht Rüdiger Grube an der Spitze der Deutschen Bahn. Ist das Unternehmen unter ihm auf dem richtigen Weg?

Die Bahn ist heute auf einem besseren Kurs. Herr Grube ist Realist, er akzeptiert, was der Eigentümer will, und er hat uns zugesagt, die Gewerkschaften gleich zu behandeln - das hat er bisher weitestgehend eingehalten. Eine echte Bewährungsprobe wird die kommende Tarifrunde. Was uns nicht gefällt ist, dass die Bahn einerseits sagt, sie wolle das Kerngeschäft stärken, aber gleichzeitig das britische Unternehmen Arriva kauft. Das passt nicht zusammen. Das Kerngeschäft ist für mich die Eisenbahn in Deutschland. Und da gibt es noch jede Menge Baustellen. Die müssen erst in Ordnung gebracht werden.

Interview: Peter Kirnich

Datum:  7 | 6 | 2010
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