So hatte sich das Arztpärchen das nicht vorgestellt, als es den Urlaub in der Türkei nutzte, um sich vor der Heimreise mit günstigen Antibabypillen einzudecken. Schließlich wollte das Paar in der nächsten Zeit keinen Nachwuchs. Doch der Plan ging nicht ganz auf. Zurück in Deutschland, war die Frau plötzlich schwanger. Die Antibabypillen versagten ihren Dienst, sie waren gefälscht und völlig wirkungslos. Pech gehabt, könnte man sagen. Doch so einfach ist das nicht.
„Das Pärchen hat wohl seinen ganzen medizinischen Sachverstand zu Hause gelassen“, frotzelt Wolfgang Schmitz vom Zollkriminalamt in Köln. Er kann darüber nur den Kopf schütteln, schließlich kaufe man verschreibungspflichtige Medikamente nicht mal eben zum Spottpreis auf einem Markt im Urlaub oder auf dubiosen Webseiten. Dass selbst Ärzte so naiv sind, ist für ihn jedoch symptomatisch für die ganze Bevölkerung. „Wo ist das Bewusstsein bei den Menschen über die Gefahren gefälschter Arzneimittel?“, fragt er.
Schmitz fragt wohl zurecht. Ein Blick auf die Statistik des Zolls zeigt, dass im abgelaufenen Jahr so viele gefälschte Medikamente sichergestellt wurden wie noch nie zuvor: 10 Millionen Tabletten sowie 14,5 Millionen Ampullen beschlagnahmten die Beamten. „Da, wo die Menschen bereit sind, Arzneimittel außerhalb der üblichen Vertriebswege zu kaufen, spielen sie Kriminellen in die Hände“, sagt Schmitz. Deren Geschäft erlebt eine Blütezeit. Gewinnspannen von mehreren tausend Prozent seien keine Seltenheit.
Statt neuer Potenz erlebten die Männer einen Drogen-Trip
Längst geht es nicht mehr nur um Potenzpillen für Männer oder Schlankheitsmittel für Frauen. Diese Lifestyle-Medikamente machen zwar immer noch einen erheblichen Teil der beschlagnahmten Ware aus. Doch die Fälscher haben ihr Sortiment längst erweitert. Ob Herz-Kreislauf, Krebs oder Diabetes, für fast jede Krankheit halten sie inzwischen die passenden Kopien der Originalmedikamente bereit. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass weltweit gefälschte Arzneimittel im Wert von 75 Milliarden US-Dollar gehandelt werden.
Die Zahl der vom deutschen Zoll beschlagnahmten Tabletten ist im vergangenen Jahr auf einen Höchststand gestiegen. Die Aufmachung der Fälschungen wird immer professioneller, sie wirken teilweise echter als das Original.
Die Verbraucher haben kaum noch eine Chance, Original und Fälschung auseinanderzuhalten. Sie sollten Medikamente deshalb nur in Apotheken und zertifizierten Versandapotheken (Übersicht bei www. bvdva.de) bestellen. Diese Vertriebswege sind bis auf sehr, sehr wenige Ausnahmen fälschungsfrei.
Die Fälschungen sind für die Verbraucher gefährlich, weil die Wirkstoffe nicht enthalten, überdosiert oder durch einen anderen Inhaltsstoff ersetzt sein können. Fantastische Erfahrungen dürften die Männer gemacht haben, die zusammengepanschte Viagra-Pillen gekauft haben. Statt neuer Ausdauer im Bett erlebten sie einen Drogen-Trip. In den Pillen war Speed enthalten.
Der weltgrößte Pharmakonzern Pfizer konnte dank eigener Ermittlungsteams mehrere Fälscherwerkstätten auffliegen lassen. In einer davon wurde eine Fälschung eines Pfizer-Medikaments aus Borsäure, Straßenfarbe und Holzlack zusammengepanscht. Dass dies in hygienisch desolaten Räumen erfolgte, spielt da schon keine Rolle mehr.
Der Zollbeamte Detlef F. ermittelt seit drei Jahren gegen eine solche Fälscherbande. Aus Sicherheitsgründen will der Fahnder unerkannt bleiben. Denn was sich im Zuge der Ermittlungen aufgetan hat, ist ein weltumspannendes Netzwerk von Fälschern. „Wir haben es mit einer virtuellen, kriminellen Vereinigung zu tun“, sagt der Mann. Die Banden seien in hohem Maße gewaltbereit.
Der Zollbeamte vergleicht sie mit professionellen Waffenschiebern, Drogendealern oder Zigarettenschmugglern. Mit einem Unterschied: „Diese Organisationen erwirtschaften mit gefälschten Arzneimitteln eine Rendite, die größer ist als die jedes kolumbianischen Drogenkartells.“
Begonnen hatten die Ermittlungen mit einem Hinweis auf die Webseite www.maennerapotheke.com. Es stellte sich schließlich heraus, dass das nicht die einzige Seite war. Eine weitere war Pillendienst.com. Und immer kamen neue hinzu. Die Webseiten werden von sogenannten virtuellen Handelsvertretern betrieben. Sie machen ihre Geschäfte auf eigene Rechnung und erhalten für jede Bestellung 25 bis 40 Prozent Provision. „Die Topleute unter den virtuellen Handelsvertretern haben richtig gut verdient“, sagt Detlef F., ohne genaue Summen zu nennen.
Die Fahnder gehen gegen diese riesige, weltumspannende Struktur mit allem vor, was ihnen zur Verfügung steht. Lkw mit dubiosen Lieferungen wurden von Observationsteams durch ganz Europa verfolgt, Telefone und Internetchats überwacht, Wohnungen durchsucht. Mit eigenen Scheinfirmen versuchten die Beamten mit den Banden ins Geschäft zu kommen. Alles mit dem Ziel, die Hintermänner zu kriegen, die sich geschickt dem Zugriff der Fahnder zu entziehen versuchen.
Dank der Operation Pangea wurden 13.500 dubiose Webseiten abgeschaltet
Diese Drahtzieher im Hintergrund kümmern sich um Herstellung und Distribution der gefälschten Ware. Das alles läuft hoch professionell ab. Teilweise sehen die Fälschungen am Ende echter aus als die Originale und können nur noch durch chemische Analysen entlarvt werden. Kein Wunder – Chemiker, Grafiker, Designer und IT-Spezialisten arbeiten im Auftrag der Banden zusammen.
Nach Erkenntnissen der Fahnder wurde die Ware per Schiff und Flugzeug aus Indien, China und zeitweise Großbritannien nach Europa gebracht. In Verteilzentren außerhalb Deutschlands wurden sie entsprechend der Bestellungen der Kunden abgepackt. Im Ameisenverkehr brachten Boten die Päckchen über die Grenzen und warfen sie bei deutschen Poststellen ein, so wurde der Zoll umgangen.
Die Ermittlungen gegen Arzneimittelfälscher gestalten sich generell mühsam. Die Waren werden weltweit verschoben, also muss weltweit ermittelt werden. An der Operation Pangea, die von Interpol koordiniert wurde, waren 81 Staaten beteiligt. Binnen acht Tagen wurden Ende September 2,4 Millionen gefälschte Pillen konfisziert und 55 Personen verhaftet. 13.500 Webseiten konnten abgeschaltet werden. Trotzdem: „Die Zollfahnder können leider nicht von sich behaupten, dass sie alles finden“, sagt Schmitz.
In diesem Jahr wird der deutsche Zoll wohl fünf bis sechs Millionen Tabletten sicherstellen, erwartet Schmitz. Die zehn Millionen im Jahr 2010 seien ein Ausreißer nach oben gewesen. Damals hoben die Fahnder eine ganze Pillenfabrik aus. Ins Ausland fahren mussten sie dazu nicht. Die Fabrik stand mitten in Hessen.
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.
Am 31. Mai diskutiert FR-Redakteur Tobias Schwab mit Fernsehköchin Sarah Wiener und weiteren Gästen das Thema "Wer verdient am Kaffee?"
Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.