Berlin. Trotz einer millionenschweren Imagekampagne samt öffentlichen Besserungsgelöbnissen im vergangenen Jahr hat der Lebensmittel-Discounter Lidl Beschäftigte weiterhin systematisch ausgespäht. Das legt ein Zufallsfund im Abfallbehälter einer Bochum Waschanlage nahe, über den der Spiegel nun berichtet.
Etwa 300 Seiten sensibler Papiere, darunter Kopien von Personalakten, Kündigungsschreiben und Lohnabrechnungen von Lidl-Mitarbeitern, fanden sich in einem Mülleimer in Bochum wieder. Aufmerken lässt vor allem ein Formular, mit dem Lidl systematisch erfasste, wann, wie lange und aus welchem Grund sich Beschäftigte krank meldeten.
Psychologische Probleme, der Versuch einer künstlichen Befruchtung oder Sportverletzungen wurden dabei als Krankheitsgrund festgehalten. Gesetzlich hat der Arbeitgeber kein Recht darauf zu erfahren, weshalb ein Beschäftigter sich krank meldet. Eigens deshalb führen die gelben Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen keine Diagnose auf, sondern lediglich den voraussichtlichen Zeitraum der Erkrankung.
Das standardisierte Formular, dessen Existenz Lidl-Deutschland-Chef Frank-Michael Mros im Spiegel bestätigte, enthält aber noch eine Spalte, in der "Maßnahmen" aufgeführt werden sollen, wie mit erkrankten Beschäftigten nach ihrer Rückkehr zu verfahren sei. Beispielsweise wurde angewiesen, die nächste Krankmeldung nicht nur der Filiale, sondern sofort dem übergeordneten Bezirksleiter mitzuteilen. Das legt nahe, dass die Angestellten unter Druck gesetzt werden sollten.
Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth sprach am Wochenende von einem erschreckenden "Ausmaß an Ignoranz von Recht und Gesetz." Ein Arbeitgeber dürfe seine Angestellten nicht wie "Nicht-Menschen" behandeln.
Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, sieht in dem Fund Anhaltspunkte für "Unzulässigkeiten".
"Lidl hat offenbar immer noch nicht begriffen, dass jeder Mitarbeiter eine Privatsphäre hat, die das Unternehmen nichts angeht", kritisierte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi im Spiegel.
Lidl-Deutschland-Chef Mros betonte in dem Magazin, seine Firma sei inzwischen in Sachen Datenschutz "aufs Höchste sensibilisiert". Inzwischen bräuchten Mitarbeiter keinen Krankheitsgrund mehr angeben. Das umstrittene Formular werde auf Empfehlung des unternehmenseigenen Datenschutzbeauftragten Joachim Jacob seit Januar 2009 nicht mehr eingesetzt.
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