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Geiselnahme von Managern: Schlafstörung bei Siemens

Halten Beschäftigte zwei Manager als Geisel - oder sitzen sie freiwillig fest? Nun trifft die "höchste landesübliche Eskalationsstufe" Siemens, wie der Konzern formuliert. Ein Fall für Minister. Von Stefan Brändle

Der Protest gegen Siemens läuft in Frankreich schon länger. Hier eine Szene aus einer Demonstration Ende Februar.
Der Protest gegen Siemens läuft in Frankreich schon länger. Hier eine Szene aus einer Demonstration Ende Februar.
Foto: afp

Paris. Nach einer eher unruhigen Nacht im Büro hatte Annie Bobinet immerhin ihren Sinn für feine Ironie behalten: "Für die Angestellten ist das wohl die Art, die Widerstandsfähigkeit ihrer Manager zu testen."

Die Personalchefin des besetzten Siemens-Werkes war am Montag zusammen mit ihrem Kollegen Christian Paris am Verlassen ihres Arbeitsplatzes gehindert worden - "ohne Aggressivität", wie Bobinet zum neusten Fall von Bossnapping in Frankreich meinte. Um die beiden Direktoren am Schlafen zu hindern, hatten Gewerkschafter während der Nacht immer wieder Nebelhörner und Trommeln eingesetzt.

Strapaziert wurden dadurch vor allem die Nerven des abwesenden Werksvorstehers Bernhard Fonsekas, Chef von Siemens France. Offenbar wirkte der Druck der Siemens-Beschäftigten auf die "freiwillig" Nachtschicht schiebenden Manager: Siemens gab am Dienstagnachmittag bekannt, dass Fonseka bereit sei, die Verhandlungen über die Bedingungen des Sozialplans wieder aufzunehmen. Bald darauf gingen die Siemens-Manager Bobinet und Paris wieder ihrer Wege. Unter Buh-Rufen der Belegschaft hätten sie das Firmengebäude verlassen, sagte Betriebsrat Georges Boncompain.

Die Mitarbeiter protestieren gegen die angekündigte Schließung des Werks Saint-Chamond (Zentralfrankreich) und verlangen bessere Abfindungsregelungen. Die Positionen scheinen weit auseinanderzuliegen. Siemens behauptet, pro Mitarbeiter 83000 Euro, das heißt 20 Monatslöhne, vorzusehen; die Gewerkschaften sprechen aber von Beträgen zwischen 5000 und maximal 24000 Euro.

Siemens will den Standort mit einem vierzig Kilometer entfernten Schwesterunternehmen verschmelzen. Dabei würden 274 von 620 Stellen verloren gehen. Ein Firmensprecher begründete diesen Schritt gestern mit dem Einbruch des metallverarbeitenden Weltmarktes um 40 Prozent im vergangenen Jahr. Siemens VAI MT plant und baut Fabriken für die Eisen- oder Stahlproduktion.

Siemens versuchte den Zwischenfall im Werk Saint-Chamond herunterzuspielen und ließ verlauten, die beiden Manager seien freiwillig im Werk geblieben und hätten es jederzeit verlassen können. Dass es sich durchaus um eine Geiselnahme handelte, bestätigte indirekt aber Frankreichs Industrieminister Christian Estrosi, der sich gestern frühzeitig gegen jede "Gewaltanwendung" ausgesprochen und die "Freilassung" der Manager verlangt hatte. Die Belegschaft genoss allerdings die Unterstützung des sozialistischen Bürgermeisters von Saint-Chamond, Philippe Kizirian. Dieser hatte Fonsekas Abwesenheit bei der letzten Betriebsratssitzung kritisiert. Der Bürgermeister befürchtet, dass Siemens die lokale Produktion bald nach China verlegen wird.

Das Thema der Arbeitsplatzauslagerung und des Industriestandortes Frankreich hat landesweit neue Aktualität erhalten, seitdem Angestellte des Erdölkonzerns Total eine von der Schließung bedrohte Raffinerie besetzt haben. Dies erinnert an die Welle der Bossnappings, die in Frankreich vor einem Jahr Unternehmen wie Caterpillar, Sony, 3M, Scapa oder Faurécia betraf und seither etwas verebbt war.

Bei Siemens haben die Beschäftigten nun einen Teilerfolg erzielt. Die Rückkehr Fonsekas an den Verhandlungstisch dürfte aber noch keine Garantie für eine gütliche Einigung sein.

Autor:  Stefan Brändle
Datum:  2 | 3 | 2010
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