Berlin. Das Besprechungszimmer in Zehlendorf wirkt wie ein Therapieraum. Die Wandfarben sind gedeckt, die Möbel minimalistisch, die Bilder unaufdringlich. Wenn Michael Papke hier seine Kunden empfängt, serviert er Tee oder Kaffee, Apfelsaft oder Wasser. Er stellt private Fragen, zitiert Schopenhauer oder Nietzsche und gibt sich Mühe, eine "Wohlfühlatmosphäre" zu schaffen.
Seine Kunden sollen entspannen und sich trauen, ihre Sorgen auszusprechen. Um seelische Probleme geht es dabei nicht. Papke ist kein Psychologe, sondern Berater der Commerzbank. Was er täglich zu hören bekommt, sind die Ängste Zehlendorfer Geld-Anleger nach den jüngsten Finanzkrisen.
Beipackzettel der Banken für Finanzprodukte sind nach Ansicht von Verbraucherschützern bislang oft unverständlich. Eine Analyse dieser Infoblätter, die über Risiken und Kosten von Angeboten aufklären und sie so vergleichbar machen sollen, habe ein "ernüchterndes Fazit" gebracht, erklärte der Verbraucherzentrale Bundesverband. Notwendig seien gesetzliche Standards.
Diese Beipackzettel sind bislang freiwillig. Wie das seit Jahresbeginn vorgeschriebene Beratungsprotokoll soll der Beipackzettel dafür sorgen, dass Privatanleger besser über Risiken von Anlagen aufgeklärt werden. (afp)
Droht eine Inflation? Ist der Euro stabil? Kommt die D-Mark zurück? Wohin mit unserem Geld? Gold kaufen? Immobilien? Oder doch lieber in ausländische Währung investieren? Norwegische Kronen vielleicht oder kanadische Dollar? Viele seiner Kunden, sagt Papke, seien durch die Euro-Krise "extrem verunsichert". Viele hätten Angst, sich falsch zu verhalten und ihr hart erarbeitetes Geld zu verlieren.
Begleiter durch etliche Krisen
Papke kennt diese Reaktion. Schließlich ist er seit 33 Jahren in dem Metier und hat seine Kunden schon durch etliche Krisen begleitet. Papke ist 52 Jahre alt, trägt Brille und Bart. Gekleidet ist er in Banker-Uniform: dunkler Anzug, weißes Hemd, Manschettenknöpfe, einer rot, der andere grün. Auf ihnen stehen die wichtigsten Kommandos der Börsenwelt: Buy (Kaufen) und Sell (Verkaufen).
Wenn Papke über Rohstoffe-Preise oder das Potenzial von Schwellenländern spricht, wird seine Stimme schnell und sein Blick eindringlich. Dann spürt man, wie die Begeisterung den Berater durchdringt. Das Bankgeschäft, sagt er, sei für ihn Beruf und Hobby zugleich.
Einen Teil der Verunsicherung deutscher Anleger sieht Papke historisch begründet: "Deutschland hatte nie eine richtige Aktienkultur, wie zum Beispiel die USA oder Großbritannien". Das Vertrauen in den Handel mit Wertpapieren sei hier nur langsam gereift, dann auf ein übertriebenes Maß gewachsen und schließlich schmerzhaft enttäuscht worden. So richtig umgehen mit der Enttäuschung konnten die deutschen Anleger nie.
Demokratisierte Aktie
Tag Null der jüngeren deutschen Aktiengeschichte ist laut Papke der 18. November 1996. An diesem Tag kam die Telekom-Aktie auf den Markt, an diesem Tag sei die Aktie "demokratisiert worden". Beliebt war sie von Anfang an, als dann noch der Schauspieler Manfred Krug für sie warb, packte die Deutschen das Aktien-Fieber.
Papke musste damals Überstunden machen, um alle Wünsche zu befriedigen. Für viele war es der Einstieg in eine andere Welt. Erfahrene Anleger handelten zwar schon seit den 70er und 80er Jahren mit Wertpapieren. Doch das Gros der Bevölkerung verstand unter Aktien das, was Papke "Witwen- und Waisenpapiere" nennt: Solide Titel von BASF oder RWE, die man nur im Notfall veräußerte.
Nun war alles anders. Der Glaube ans schnelle Geld, an die Börse als Einbahnstraße wuchs mit jedem Tag. Man riss sich um Hightech-Aktien, die überzeichnet waren, bevor sie auf den Markt kamen. Papkes Warnungen wurden damals ignoriert. Ein Kunde beschied ihm gar: "Sie sind zu alt für das Geschäft."
Auf Seite 2: Auf dem Parkett wird nicht gestreut
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