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08. Dezember 2011

Gentechnik: Gentechnik stürzt Bauern in Schuldenspirale

 Von Stephan Börnecke
Gen-Mais: Höhere Ernten sind teuer erkauft.  Foto: dpa/Jens Wolf

Ein Report aus Indien belegt: Die Ernten sind nur anfangs höher, die Abhängigkeit von der Agro-Chemie steigt aber dauerhaft an. Die Landwirte müssen mehr Pestizide und Herbizide statt weniger verwenden.

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Ein Report aus Indien belegt: Die Ernten sind nur anfangs höher, die Abhängigkeit von der Agro-Chemie steigt aber dauerhaft an. Die Landwirte müssen mehr Pestizide und Herbizide statt weniger verwenden.

Hat die Gentechnik versagt? Hat sie Versprechungen gemacht, die sie auch nach 20 Jahren der Markteinführung nicht halten kann? 21 Entwicklungsorganisationen behaupten das in einem gestern veröffentlichten Report, der federführend von der indischen Ökologin und Trägerin des alternativen Nobelpreises, Vandana Shiva, erarbeitet wurde. In der Untersuchung mit einem an Hans Christian Andersens Fabel angelehnten Titel – der „Gentechnik-Kaiser hat keine Kleider an“ – versucht die 59-Jährige nachzuweisen, dass alle Versprechungen der internationalen Gentechnik-Industrie haltlos seien.

Hohe Kosten für Saatgut

Das waren die Behauptungen der Industrie: Landwirte würden mit der Gentechnik weniger Pestizide verwenden müssen, die Ernten würden größer, die Pflanzen widerstandsfähiger gegen Dürre und Klimawandel – und letztlich damit auch die Einkommen der Bauern weltweit anheben. Doch die Versprechen seien nicht eingehalten worden, sagte Shiva am Mittwoch in Berlin auf einer Pressekonferenz des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu). Im Gegenteil: Statt weniger würden heute mehr Pestizide und Herbizide verwendet.

Der Report

Zusammenschluss: Der 258 Seiten starke Gentechnik-Report wird von 21 Organisationen getragen, darunter der deutschen Organisation Save our Seeds um den Umweltaktivisten Benny Härlin und der französischen Bewegung Confédération Paysanne um den Grünen-Europaabgeordneten José Bové.

Kontaminiert: In dem Bericht wird behauptet, dass es eine friedliche Koexistenz zwischen herkömmlicher und gentechnischer Landwirtschaft nicht geben könne. Studienleiterin Shiva nennt die Kontamination mit Gen-Saaten „unausweichlich“ und verweist auf Kanada: Dort seien 90 Prozent der Rapssaaten, die als Gentechnik-frei zertifiziert seien, dennoch mit der Gen-Saat kontaminiert. Deshalb könne auch kaum noch Bio-Raps angebaut werden.

Schädlingsvernichter: In Indien hat sich der Einsatz von Pestiziden gegen Pflanzenschädlinge seit dem Anbau gentechnisch veränderter Baumwolle um das 30-fache, in China um das zwölffache erhöht. Aber auch in den USA richteten die Gen-Pflanzen großen ökonomischen Schaden an. Die Flächen, die von pestizid- und herbizidresistenten „Superunkräutern“ befallen seien, hätten sich in vier Jahren verfünffacht.





Ob Baumwolle, Soja oder Raps – die Ernten seien allenfalls anfangs größer ausgefallen. Ein Beispiel sei der Anbau von Gen-Baumwolle in der südafrikanischen Makhathini Ebene an der Grenze zu Swasiland. Rund 5000 Kleinbauern wohnen und arbeiten dort. Sie leben hauptsächlich von der Baumwolle, und im Gegensatz zu anderen Gegenden Afrikas bauen sie häufig Gen-Baumwolle an. Der Bericht Shivas behauptet, dass entgegen den Versprechungen der Agro-Industrie den Bauern die Gen-Saat kein höheres Einkommen verschafft habe. Wer auf Gen-Baumwolle umgestiegen sei, der habe sich wegen der hohen Kosten für Saatgut und Chemie in Schulden gestürzt. In Indien, wo sich ein ähnliches Bild zeige, habe dies zur Überschuldung der Gen-Farmer geführt und sei als Ursache für den Suizid von 250 000 Bauern anzusehen, behauptet die Inderin. Dieser Zusammenhang wird von den Saatgut-Konzernen aber bestritten.

Superresistente Schädlinge

Statt zum Beispiel der Dürre trotzende Saaten zu entwickeln, habe die Gentechnik-Industrie nur zwei zusätzliche Merkmale entwickelt, so der Shiva-Report: Saaten, die gegen Herbizide wie Round-up (Glyphosat) resistent sind, und Saaten, die widerstandsfähiger gegen Schädlinge sind. Doch diese Technologie, die vor allem auch den Absatz der konzerneigenen Chemie-Cocktails fördert, führe nun zur Bildung von Super-Unkräutern und Super-Schädlingen. Monsanto, der weltgrößte Agro-Gentechnik-Konzern, empfehle in dieser Situation seinen Kunden den Gebrauch anderer, tödlicherer Pestizide und locke mit Rabatt.

Im Falle der indischen Baumwolle habe die Industrie zwar als Reaktion wieder neue Pflanzen entwickelt, doch auch die hätten lediglich bewirkt, dass „neue Schädlinge aufgetaucht sind und die Farmer mehr Pestizide verwenden als früher“. Beispiele aus China, Argentinien, Brasilien und auch aus den USA, jeweils bestätigt durch örtliche wissenschaftliche Studien, belegten diese Aussagen, heißt es in dem Bericht.

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