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13. März 2014

Gentechnik: Giftschlacht auf den Äckern

Industrielle Landwirtschaft: Gentechnisch veränderte Pflanzen machen das Leben der Farmer bequemer – zumindest kurzfristig.  Foto: rtr

Die Gentechnik auf dem Acker hat deutliche Schattenseiten. Kritiker, die das schon lange anprangern, fühlen sich nun ausgerechnet durch eine staatliche Studie aus dem Erfinderland der Gentechnik bestätigt.

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Nach der Untersuchung haben US-Farmer, die gentechnisch verändertes Saatgut verwenden, zwar oft mehr im Portemonnaie als ihre Kollegen, die ohne Laborsaaten arbeiten. Doch die Studie „Genetically Engineered Crops in the United States“ des US-Landwirtschaftsministeriums USDA zeigt auch auf: Ein Weiter-so funktioniert nicht.

So appellieren die Experten an die Farmer, sich nicht allein auf Gentechnik zu verlassen und raten sogar dazu, zur Schädlingsbekämpfung wieder traditionellere Landbau-Methoden ins Auge zu fassen. Die Farmer sollten etwa den Fruchtwechsel beherzigen, statt auf Monokulturen zu setzen.

Kritiker fühlen sich durch die Studie bestätigt. Denn beim Anbau der Gentech-Pflanzen, so die Expertin des BUND, Heike Moldenhauer, „steigen nicht etwa die Erträge, sondern die Zahl der resistenten Unkräuter und Insekten sowie der Spritzmitteleinsatz und die Saatgutpreise“.

So hat der vermehrte Anbau von Gentech-Pflanzen, die gegen das Totalherbizid Glyphosat resistent sind (alle Kräuter werden getötet, nur die genmodifizierte Pflanze nicht), das Entstehen von Super-Unkräutern beschleunigt. Eine Folge der jahrelangen und einseitig auf dieses Mittel abgestellten Unkraut-Strategie. Die Farmer, heißt es in dem Bericht, hätten Glyphosat „blind vertraut“ und damit das Entstehen resistenter Wildpflanzen gefördert.

Schwächen beim Ertrag

Heute trotzen, so die offiziellen Zahlen, in den USA 14 Unkräuter der Giftdusche Glyphosat. Die Folge: Der von der Industrie versprochene Rückgang des Herbizid-Einsatzes trat nur in den Anfangsjahren nach der Einführung der Gentechnik ein. Seit 2001 aber steigt er wieder an. Dabei versprühen die US-Farmer nicht nur größere Glyphosatmengen, sie sind auch gezwungen, auf ältere Mittel wie die erheblich giftigeren Stoffe Dicamba und 2,4-D zurückzugreifen. Denn eine Rückkehr zu Methoden, die weniger auf Gifte als auf intelligente und vielfältige Verfahren zum Eindämmen der Schädlinge setzen, wäre zeitlich und arbeitstechnisch aufwendiger. „Davon ist die US-Landwirtschaft weit entfernt“, weiß der Münchner Wissenschaftler und Gentechnik-Experte Christoph Then.

Die Studie zeigt auch, dass US-Farmer in Folge der seit 18 Jahren praktizierten Gentechnik auf dem Acker heute zwar oft mehr im Portemonnaie haben als ihre Kollegen, die ohne Laborsaaten arbeiten. Doch das war nicht immer so. Da die neuen Eigenschaften anfangs nicht in die ertragreichsten Sorten eingebaut waren, fuhren die Gen-Farmer in den ersten 15 Jahren weniger Ernte ein als konventionelle Kollegen. Zudem haben Landwirte, die auf Bt-Pflanzen (sie produzieren fortlaufend ihr eigenes Insektizid) setzen, finanziell nur dann Vorteile, wenn der Schädlingsbefall hoch ist. Der Anbau herbizidtoleranter Pflanzen steigert Ertrag und Gewinn ebenfalls nicht automatisch. Das Plus in der Kasse der Farmer kommt häufig vor allem deshalb zustande, weil Gentechnik Zeit spart. Und die stecken die Farmer entweder in die Bewirtschaftung größerer Flächen – oder in Nebenjobs.

Doch auch dort, wo die Gentechnik punkten kann, nämlich beim Rückgang des Insektizid-Einsatzes durch den Anbau der Bt-Pflanzen zeigen sich Probleme. Zwar sank seit 1995 der Verbrauch von Insektiziden auf ein Zehntel der früheren Menge und entlastete damit zunächst einmal Umwelt und Geldbeutel der Farmer. Doch verschwiegen werde, so Then, dass die neuen Gentech-Pflanzen deutlich mehr Gifte in die Umwelt entlassen als Pflanzen früherer Generationen.

Ebenfalls „unterschlagen“ wird laut Then, dass an die Stelle eines Schädlings, der durch Bt-Pflanzen in Schach gehalten wird, oft ein anderer tritt. So geschehen im Falle des Western Bean Cutworm (etwa: Westlicher Bohnenschneider), der sich in Iowa, Missouri, Illinois oder Ohio ausbreiten konnte, nachdem die Gentechnik den Corn Earworm, einen Maisschädling, dezimieren konnte. Kritiker dieser These geben allerdings dem Klimawandel die Schuld für diese Entwicklung.

Neue Gentech-Mais-Sorten sollen nun den Bohnenschneider in Schach halten. Doch Then glaubt, dass die Gentechnik alles andere als die Lösung der aktuellen Probleme der Landwirtschaft darstellt, sondern sie lediglich in die Zukunft verschiebt. „Die Gentechnik“, so Then, „hilft den Farmern nur kurzfristig. Sie ist aber keine Lösung.“

Neue Skepsis in den USA

Überdies, vermerkt die USDA-Studie, spielt der Verbraucher in den Industrieländern nicht so recht mit. Er sei bereit, für Produkte, die ohne Gentechnik hergestellt werden, sogar mehr zu zahlen. Vor allem in der EU. Doch auch in den USA dreht sich der Wind. Die Supermarktkette Whole Foods kündigte bereits vor einem Jahr an, Lebensmittel, die gentechnisch veränderte Zutaten aufweisen, zu kennzeichnen. Der vor der Genehmigung stehende Gen-Lachs soll in verschiedenen Ketten, darunter Whole Foods, Trader Joe’s, Kroger, Safeway und Aldi, nicht verkauft werden.

Zudem startet in Kalifornien nun der zweite Versuch, um Hersteller zur Kennzeichnung ihrer Gentech-Produkte zu zwingen. Vor eineinhalb Jahren war ein Referendum noch knapp gescheitert, doch inzwischen haben auch andere Bundesstaaten ähnliche Vorhaben auf den Weg gebracht.

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