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01. November 2012

Gentechnik im Lebensmittel: Wissen, was im Essen steckt

 Von Stephan Börnecke
Mais aus Indianapolis: Die Herkunft ist klar, ob der Mais genverändert ist, wie häufig in den USA, ist nicht erkennbar.  Foto: dapd/Michael Conroy

In Europa ist es selbstverständlich: Wer gentechnisch veränderte Produkte anbietet, muss das kennzeichnen. Das macht Genfood nahezu unverkäuflich. Nun stimmen in den USA Bürger über ein Gen-Label ab. Die Gegner fahren dabei absurde Geschütze auf.

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In den Hochburgen der Agro-Gentechnik wachsen die Zweifel an der Technologie. In Indien haben sich namhafte Experten für ein Freisetzungs-Moratorium ausgesprochen und ausgerechnet im Mutterland der Gentechnik, den USA, droht den Agro-Konzernen Ungemach von Verbraucherseite: Denn dort werden am Präsidentenwahltag die Wähler Kaliforniens darüber befinden, ob gentechnisch veränderte Lebensmittel als Genfood gekennzeichnet werden sollen.

Einer der Befürworter der von US-Verbraucherschützern initiierten Kampagne „We Have The Right To Know What’s In Our Food!“ (Wir haben ein Recht zu wissen, was in unseren Lebensmitteln steckt) müsste US-Präsident Barack Obama sein. „Die Amerikaner sollen wissen, wo ihre Nahrung herkommt“, hatte er gesagt und sich stark gemacht für die Kennzeichnung genetisch veränderter Organismen in Burgern, Nudeln oder Popcorn. Das allerdings war im Wahlkampf 2008.

Seither ist es ruhig um sein Versprechen geworden. Stattdessen tobt in Kalifornien seit Wochen eine Werbeschlacht: Millionen von Dollar fließen in Kampagnen, die mal für ein „Yes on Prop 37“ und mal für ein „No on Prop 37“ werben, also für oder gegen das Genfood-Label sind. Stimmen die kalifornischen Wahlbürger am kommenden Dienstag für die Gesetzesinitiative Proposition 37, dann müssen Lebensmittel, die genetisch veränderte Bestandteile enthalten, gekennzeichnet werden.

Was in Europa selbstverständlich ist und hierzulande Genfood praktisch unverkäuflich macht, würde dann in Kalifornien und damit erstmals in einem US-Staat vorgeschrieben. Nur, dass sich das Problem ganz anders stellt: Während es in Europa praktisch keinen Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen gibt, sind in den USA Mais und Soja fast immer gentechnisch modifiziert und finden sich zuhauf in den Lebensmitteln wieder. Zwar landen in Europa vor allem gentechnisch veränderte Futtermittel aus Übersee im Trog von Schwein, Huhn und Rind, doch der direkte Einsatz in Lebensmitteln kommt praktisch nicht vor.

Mächtige Gegner

US-Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Durchschnitts-Amerikaner 87 Kilogramm Genfood im Jahr konsumiert. Kommt das Label und damit die Wahlfreiheit im Supermarkt, dürfte dieser Anteil sinken, glaubt die Gentechnik-Expertin des Bundes für Umwelt und Naturschutz BUND, Heike Moldenhauer.

Nicht nur Monsanto, sondern auch die deutschen Konzerne BASF und Bayer haben je zwei Millionen US-Dollar locker gemacht, um das Gentechnik-Label zu verhindern. Monsanto ist mit sieben Millionen Dollar dabei, und auf den Sponsoren-Listen fehlt kein prominenter Konzernname: Kraft, Dow, Pepsico, Nestle, Syngenta, Unilever, alle Größen der Agrar- und Lebensmittelbranche haben gezahlt, um die Verbraucherinitiative zu stoppen. Die Konzerne befürchten, vermutet BUND-Aktivistin Moldenhauer, „einen auf andere Bundesstaaten übergreifenden Flächenbrand mit unkalkulierbaren Folgen für den Absatz von Genfood“, kommt die Kennzeichnung. Den rund 40 Millionen Dollar der Gegner von Prop 37 steht ein eher bescheidenes Budget der Verbraucherorganisationen von drei bis sieben Millionen Dollar gegenüber.

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Es sind Farmer, Mütter, Wissenschaftler und Schauspieler, die sich mal vor die eine, mal vor die andere Initiative stellen. Mal lustig, mal listig, meist aber oberflächlich geben sie ihre Statements ab: Dabei klingt die Botschaft der Befürworter des Labels mit ihrer Kernaussage, nämlich ein Recht auf Transparenz in der Küche zu haben, so simpel wie logisch.

Konstruierte Argumente

Die Gegner von Prop 37 hingegen agieren mit manchmal arg konstruiert wirkenden Argumenten. Etwa Ted Sheely, ein Farmer. Er behauptet in einem TV-Spot, das Essen würde wegen des Kennzeichnungsaufwandes um „Milliarden von Dollars“ teurer. Oder Laura Green, Mutter und Ärztin: Sie spricht einem Gen-Food-Label die Verlässlichkeit ab, da nur ein Aspekt der Inhaltsstoffe benannt werde. Bayer-Sprecher Utz Klages wirft der Initiative überdies vor, den „falschen Eindruck“ zu vermitteln, dass es „Unterschiede in der Sicherheit und den Ernährungseigenschaften gibt, obwohl diese de facto nicht existieren“. Und BASF-Sprecher Gert Lödden bezweifelt die Motive der Initiative: Es gehe ihr nicht darum, „Verbraucher zu informieren, sondern darum, Ängste zu schüren, Vorurteile zu festigen und den Einsatz der Pflanzenbiotechnologie zu diskriminieren“, sagte er der Frankfurter Rundschau. Argumente, wie man sie auch in der europäischen Gen-Debatte kennt.

Der massive Auftritt der Labeling-Gegner zeigt Wirkung: Vor wenigen Wochen lagen die Gentechnik-Kritiker bei Umfragen noch mit mehr als 60 Prozent vorne. Jetzt aber wird es ein Kopf-an-Kopf-Rennen, denn die aktuellste Umfrage der Los Angeles Times gibt den Gentechnik-Gegnern nur noch 44 Prozent, den Kontrahenten 42 Prozent.

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