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12. Oktober 2012

Geplatzte Fusion mit BAE: EADS in der Defensive

 Von Thomas Magenheim
Tankflugzeug von Airbus mit Kampfjet im Schlepptau. Die Mutter EADS und BAE bandeln erst einmal nicht miteinander an. Foto: EADS

Nach der gescheiterten Fusion von EADS und BAE steht der europäische Luftfahrtriese vor harten Zeiten und die Rüstungsbranche vor einer Konsolidierung.

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München –  

Die Fusionsgegner jubeln. Die Manager lecken sich die Wunden. Letzte Schuldzuweisungen für das Platzen der Fusion des europäischen Luftfahrtriesen EADS mit dem britischen Rüstungskonzern BAE werden hin- und hergeschoben. Spätestens jetzt dürfte auch EADS-Chef Thomas Enders dämmern, dass aus dem von ihm geführten Konzern nie ein normales, von politischer Kontrolle befreites Unternehmen wird. Klar ist aber auch, dass es mit der europäischen Einheit nicht weit her ist. Es herrscht Misstrauen unter befreundeten Staaten.

Angst vor Kontrollverlust

Die deutsche Politik hat die Fusion vor allem deshalb zu Fall gebracht, weil sie Angst vor einem Kontrollverlust hatte. Zudem bestanden Bedenken, aus Deutschland könnten Rüstungstechnologien und damit Arbeitsplätze in Richtung Großbritannien abwandern. Eine berechtigte Frage ist, ob nicht gerade durch das Scheitern der Fusion hiesige Arbeitsplätze in der Wehrtechnik unsicherer geworden sind.

Der europäische Heimatmarkt bröckelt für EADS wegen sinkender Wehretats immer stärker. In den USA, dem weiterhin weltgrößten Rüstungsmarkt, konnte EADS im Gegensatz zur britischen BAE nie richtig Fuß fassen. Auf Drittmärkten konkurriert man gegen politisch massiv gestützte US-Rüstungsfirmen mit begrenzten Erfolgsaussichten. Die wären im Schulterschluss mit BAE ungleich höher gewesen. Die Briten verbuchen zudem die Hälfte ihrer Umsätze in den USA, was EADS diesen lukrativen Markt über Nacht geöffnet hätte.

Enders’ Ankündigung, die unter der EADS-Tochter Cassidian mit ihrer Münchner Zentrale firmierenden Rüstungsaktivitäten nun auf den Prüfstand zu stellen, sind gemessen an den Realitäten keine Boshaftigkeit, sondern eine logische Konsequenz. Zwar hat sich der EADS-Verwaltungsrat soeben demonstrativ hinter Enders gestellt. Leicht wird es für ihn aber nicht. Großprojekte wie der Eurofighter laufen absehbar aus. Was danach an personalintensiven Standorten wie dem bayerischen Manching für Beschäftigung sorgen wird, steht in den Sternen. Immerhin 12.000 der hierzulande 49.000 EADS-Beschäftigten arbeiten in der Wehrtechnik.

Die Zukunft bei allem, was fliegt, gehört dort unbemannten Drohnen. Für das entsprechende EADS-Projekt Talarion konnte sich Europa nicht erwärmen. Die Technologie wird derzeit und vielleicht für immer außereuropäisch zugekauft. EADS verliert gerade bei einem wichtigen Technologiestrang den Anschluss. Das könnte sich ohne ein Bündeln der Kräfte noch häufen.

Italien bietet Konzern

Wie angespannt die Lage der Rüstungsindustrie ist, zeigt Finmeccanica. Kaum ist die Fusion EADS-BAE geplatzt, dient der zu einem Drittel an diesem Rüstungskonzern beteiligte italienische Staat diesen EADS an, obwohl er bislang als unverkäuflich galt. Ein strategischer Ersatz für BAE wäre die weit kleinere Finmeccanica nicht. Bedenklich stimmen sollte aber, dass BAE als drittgrößter Rüstungskonzern der Welt die Nähe zu EADS gesucht hat, die mit ihren Rüstungsaktivitäten global auf Rang sieben steht. Die kriselnde Branche steuert auf eine Konsolidierung zu. Die könnte unter anderem so aussehen, dass BAE von einem US-Rivalen geschluckt wird und die Konkurrenz für EADS dann noch härter wird.

Die moralisch besetzte Grundsatzfrage ist, wie viel Rüstungsindustrie sich eine Nation wie Deutschland leisten will. Eine Fusion von EADS und BAE wäre primär auf Exportmärkte gerichtet gewesen. Wer andererseits mangels Marktzugang und Aufträgen technologisch den Anschluss verliert, muss im Ausland zukaufen, wie das Beispiel Drohnen zeigt.

Nicht übersehen darf man außerdem, dass militärische und zivile Luft- und Raumfahrttechnik nicht strikt getrennt existieren. Über diesen Dualismus laufen versteckt große Teile staatlicher Subventionierung in den USA. Boeing ist das Paradebeispiel dafür, dass über staatliche Militäraufträge angeschobene Technologien später in den Passagierflugzeugbau Einzug halten und dort für große Kostenvorteile sorgen. Das ist ein zumindest wirtschaftliches Argument dafür, bei EADS nicht alles auf die Karte Airbus zu setzen, das vier Fünftel der Umsätze trägt. Momentan ist das zwar vorteilhaft, weil die Rüstungsmärkte schwächeln und Airbus boomt. Weder das eine noch das andere ist aber ein Naturgesetz.

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