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06. Februar 2015

German Food Partnership: Kartoffelchips für Afrika

 Von 
Afrikanischer Markt: Ein Mädchen verkauft Kartoffeln.  Foto: REUTERS

Für Entwicklungsorganisationen sind öffentlich-private Partnerschaften bei der Hungerbekämpfung ein Ärgernis. Dass die Bundesregierung nun auch die Produktion von Kartoffelchips in Nigeria und Kenia fördert, zeigt nach Ansicht der Kritiker die Absurdität solcher Hilfsprogramme.

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Für Entwicklungsorganisationen sind öffentlich-private Partnerschaften bei der Hungerbekämpfung schon lange ein Ärgernis. Dass die Bundesregierung im Rahmen der German Food Partnership (GFP) nun auch die Produktion von Kartoffelchips in Nigeria und Kenia fördert, zeigt nach Ansicht der Kritiker die ganze Absurdität solcher Hilfsprogramme.

Wie aus einer der Frankfurter Rundschau vorliegenden Antwort auf eine Anfrage der Linken-Fraktion hervorgeht, hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) im Frühjahr 2014 die Potato Initiative Africa (PIA) gestartet. Partner sind dabei unter anderem die Unternehmen Europlant, Solana, Bayer, K+S sowie Syngenta. Die Bundesregierung begründet die Initiative mit dem Hinweis, dass mehrere Studien „einen Anstieg der nationalen Nachfrage nach verarbeiteten Kartoffelprodukten“ in Kenia und Nigeria belegten.

Was das konkret bedeutet, offenbart eine EU-Untersuchung, auf die PIA Bezug nimmt. Darin heißt es: In Nigeria und Kenia bestehe zwar kein Bedarf an Kartoffeln als Grundnahrungsmittel, „da günstigere Substitute reichlich verfügbar“ seien. Allerdings gebe es einen großen Markt für die Verarbeitung der Knollen zu „Chips und Crisp“. Der Bundesregierung sind diese lukrativen Aussichten immerhin ein finanzielles Engagement von 600 000 Euro wert, die in PIA fließen.

Hilfe für Fast-Food-Industrie

„Glaubt die Bundesregierung wirklich, sie kann den Hunger in Afrika mit Chips und Pommes besiegen?“, kommentiert Niema Movassat, Sprecher für Welternährung der Linken, die Initiative im Rahmen der German Food Partnership. Ziel der 2012 vom damaligen Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) ins Leben gerufenen GFP ist es nämlich eigentlich, einen „substanziellen Beitrag zur Bekämpfung von Hunger und Armut im ländlichen Raum“ zu leisten, wie das Ministerium in seiner Antwort an die Linken noch einmal betont.

Beispiele wie die „Potato Initiative Africa“ belegen für Movassat indes, dass „Entwicklungspolitik immer mehr zur Unternehmensförderung verkommt“. Unter dem Deckmantel der Hungerbekämpfung unterstütze das von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) geführte BMZ „schamlos die Expansionsbestrebungen des deutschen Agrobusiness“, kritisiert der Bundestagsabgeordnete. Nicht hungernde Afrikaner riefen nach mehr Kartoffeln, sondern die Fast-Food-Industrie.

Deutlich wird die Verknüpfung von staatlicher Entwicklungspolitik und Unternehmensinteressen auch bei einem von der Bundesregierung geförderten Projekt zur Bekämpfung der Mangelernährung in Indonesien. Mit 2,8 Millionen Euro ist das BMZ dabei in der Better Rice Initiative (Bria) engagiert, um Speiseöl und Reis mit Vitaminen, Mineralstoffen und Mikronährstoffen anzureichern. Mit im Boot sind Bayer, BASF und DSM Nutritionale Products.

„So wird selbst der Mangel noch zu einem, Geschäft“, kritisiert Entwicklungspolitiker Movassat die Allianz. Zudem sei die Wirkung von angereicherten Nahrungsmitteln im Kampf gegen den versteckten Hunger höchst umstritten. Erst im Sommer 2014 hatten Terre des hommes und Welthungerhilfe mit einer Studie auf die Problematik aufmerksam gemacht.

Kritik an Nahrungsergänzung

Darin kommt die britische Ernährungswissenschaftlerin Judith Hogde unter anderem zu dem Schluss, dass Entwicklungshilfeprogramme mit Nahrungsergänzungsmitteln in armen Ländern Abhängigkeit von großen Konzernen schaffen und finanzielle und personelle Ressourcen binden, die dann nicht mehr für den Aufbau nachhaltiger Ernährungssysteme unter Einbeziehung von Kleinbauern zur Verfügung stünden.

Insgesamt fließen derzeit in die German Food Partnership nach Angaben der Bundesregierung Budgetmittel von 9,4 Millionen Euro. Auch wenn die GFP nur vergleichsweise geringe öffentliche Mittel binde, so steht sie nach Ansicht der Linken doch für einen Paradigmenwechsel weg von der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit hin zur Aufwertung öffentlich-privater Partnerschaften, deren entwicklungspolitischer Nutzen höchst fragwürdig sei.

Projekte wie Potato Initiative Africa stillten jedenfalls vor allem den Hunger der beteiligten Unternehmen nach neuen Geschäftsfeldern, statt die grundlegenden Bedürfnisse schlecht ernährter Menschen zu befriedigen, so Movassat.

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