Zurzeit lohnt sich ein Blick auf den Zertifikatemarkt, aus zweierlei Gründen: Zum einen jährt sich die Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers bald zum dritten Mal, zum anderen haben die Börsenturbulenzen der letzten Wochen auch viele Zertifikateanleger empfindlich getroffen.
Von den Boomzeiten ein Jahr vor der Lehman-Insolvenz ist der Zertifikatemarkt noch weit entfernt. Ende September 2007 lag das Marktvolumen bei 139 Milliarden Euro, bei 109,3 Milliarden Euro war es im Juni dieses Jahres. Doch der Trend zu Zertifikaten ist ungebrochen. Das ist dem Trendbarometer Zertifikate 2011 zu entnehmen, das die DZ-Bank zusammen mit der Steinbeis-Hochschule Berlin jährlich ermittelt. So erwarten die befragten Bankberater und Vermögensverwalter, dass die privaten Anleger bis 2014 den Anteil an Zertifikaten in ihren Depots von derzeit zehn auf zwölf Prozent steigern. Diese Befragung wurde jedoch im Frühjahr erhoben, die aktuellen Börsenturbulenzen waren da noch nicht absehbar. Und die haben ihre Spuren hinterlassen, vor allem für die Besitzer von Bonuszertifikaten.
Risiken: Seit Lehman weiß man: Wenn der Emittent eines Zertifikats ausfällt, ist das Geld verloren. Verluste gibt es aber auch, wenn das zugrunde liegende Produkt an Wert verliert. Außerdem besteht ein Preisrisiko. Da häufig der Emittent den Preis festlegt, werden höhere Risiken nicht unbedingt mit einer höheren Ertragschance belohnt.
Information: Anleger sollten sich detailliert informieren und nachfragen, bis sie die Funktionsweise von Zertifikaten verstanden haben. Auch angeblich einfache Produkte sind ziemlich kompliziert.
Diversifikation: Niemals auf eine Art von Zertifikat konzentrieren.
Bei fast der Hälfte aller Bonuszertifikate auf Aktien und Indizes, die von der Ratingagentur Scope in ihrer Datenbank geführt werden, riss bis zum 22. August die Schwelle, die Bonus-Chance ist durch den Kurssturz nun also verloren. Denn den Bonus, erhält der Anleger ja nur, wenn die zugrundeliegende Aktie eine Schwelle nicht berührt oder unterschreitet, die zu Beginn der Laufzeit festgelegt wurde. Geschieht dies aber, dann verwandelt sich das Bonuszertifikat in ein einfaches Partizipationsprodukt. Meist wird die Schwelle mit einem ausreichenden Abstand zum Niveau des Auflagezeitpunkts eingezogen. Doch ein Einbruch des DAX um 25 Prozent innerhalb weniger Tage, damit hatten wohl weder Emittenten noch Anleger gerechnet. Diese Entwicklung zeige aber, wie notwendig eine gute Aufklärung über die Risiken sei, meint Sasa Perovic, Leiter Zertifikate bei Scope Analysis. Er plädiert deshalb dafür, nicht nur generell auf das Risiko hinzuweisen, dass die Schwelle oder Barriere gerissen werden kann und dann der Bonus entfällt. Auf diese allgemeinen Angaben beschränkt sich nämlich der Deutsche Derivate-Verband in seinem Produktinformationsblatt. Von den Emittenten aber sollten die Anleger vor dem Kauf eines solchen Produkts die konkrete Wahrscheinlichkeit erfragen, mit der die Barriere reißt, rät Perovic.
Grundsatzurteil im September
„Die Aufklärung ist zwar besser als vor drei Jahren“, sagt Perovic. Allerdings seien seit der Lehman-Pleite auch die Ansprüche an Information gestiegen. Noch sind einige Verfahren von geschädigten Anlegern, die mit Lehman-Zertifikaten einen Totalverlust erlitten haben, bei verschiedenen Gerichten anhängig. „Wir hoffen, dass der Bundesgerichtshof im September ein Grundsatzurteil fällt, in dem er verstärkte Aufklärungspflichten von Banken auch hinsichtlich Zertifikate feststellt“, sagt Peter Gundermann von der Kanzlei TILP Rechtsanwälte.
Auch wenn sich die Zertifikatebranche von den Folgen der Lehman-Pleite weitgehend erholt hat, könnte das Vertrauen in sie wegen der jüngsten Börsenturbulenzen nachhaltig geschädigt werden, glaubt Analyst Perovic. Der Zusammenbruch von Lehman habe den Anlegern zwar schmerzhaft das Emittentenrisiko deutlich gemacht: Fällt der Emittent des Zertifikats aus, erleidet der Anleger einen Totalverlust. Diesmal schlägt jedoch das Aktienrisiko, mit dem fast jedes Zertifikat verbunden ist, durch.
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