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16. Mai 2014

Gesellschaft Vermögen: Der neue Sinn für Gerechtigkeit

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Im Gleichgewicht ist die Wage schon lange nicht mehr: Manager und Arbeiter in Justitias Waage.  Foto: imago stock&people

Ungleichheit galt unter Ökonomen lange Zeit als etwas Gutes. Doch die Stimmung hat sich gedreht. Jetzt plädieren Ökonomen für mehr Gleichheit: Die unterschiedliche Vermögensverteilung schade der Gesellschaft.

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Im Kampf gegen die Krise hatte die amerikanische Zentralbank vor einigen Jahren eine einfache Idee: Pumpt sie nur viele Milliarden Dollar in den Finanzsektor, so fließt ein Teil davon an die Finanzmärkte und treibt dort Aktienkurse, Anleihe- und Immobilienpreise in die Höhe. Das macht die Amerikaner reicher, sie geben mehr Geld aus und die Wirtschaft zieht sich selbst am Schopf aus dem Sumpf. Hat das geklappt? Nicht ganz, so Michael Feroli von der US-Investmentbank J.P. Morgan. Zwar sei das Vermögen der Amerikaner seit 2009 um 25 Billionen Dollar gestiegen, ihr Konsum jedoch kaum. Wie kann das sein? Ganz einfach, erklärt Feroli, denn der Vermögenszuwachs kam vor allem den Reichen zu Gute, und die legen ihr Geld lieber an als es auszugeben. Der Internationale Währungsfonds (IWF) zieht daraus einen einfachen Schluss: „Die wachsende Ungleichheit schadet der Wirtschaft.“

Nicht nur in den USA, auch in Europa beschäftigt das Thema Ungleichheit wieder die Experten. War sie früher die Domäne linker Ökonomen, so kommt die Kritik inzwischen von allen Seiten. Der IWF plädiert für mehr Gleichheit bei den Einkommen, selbst wirtschaftsliberale Denkfabriken wie die OECD oder die Bertelsmann-Stiftung warnen vor der wachsenden sozialen Kluft. „Ungleichheit schwächt unsere Gesellschaften und unsere Volkswirtschaften“, mahnt OECD-Generalsekretär Angel Gurria. Experten-Runden in Amerika und Europa diskutieren aufgeregt das neue Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty, in dem er versucht zu beweisen, dass die Reichen notwendig immer reicher werden – und die Armen bloß zahlreicher.

Die neue Mode überrascht altgediente Armuts- und Ungleichheits-Kritiker wie den Kölner Soziologen Christoph Butterwegge. „Früher fühlte ich mich oft als einsamer Rufer in der Wüste“, sagt er, „heute ist es in dieser Wüste ganz schön voll geworden.“ Diese Entwicklung sei zwar gut, gleichzeitig aber rätselhaft. Schließlich sei die wachsende Ungleichheit kein neuer Trend, sondern Jahrzehnte alt.

Der Durchschnittsamerikaner hat nichts vom Wirtschaftswachstum

Besonders krass ist die Entwicklung in den USA: Dort verfügt das reichste Prozent der Einwohner mittlerweile über mehr Vermögen als die danach folgenden 99 Prozent. Das mittlere Haushaltseinkommen hingegen ist seit den achtziger Jahren nicht gestiegen – der Durchschnittsamerikaner hat vom Wirtschaftswachstum nichts. Doch ist dies kein amerikanisches Phänomen. „Seit den achtziger Jahren nimmt in allen Industrieländern die Ungleichverteilung bei Einkommen und Vermögen zu“, stellt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fest. Vom Wachstum der vergangenen Jahre hätten vor allem die ohnehin schon Wohlhabenden profitiert, die ärmsten Haushalte fallen zurück. Auch in Deutschland. So sind die Vermögen in keinem Land der Euro-Zone so ungleich verteilt wie hier zu Lande.

Lange galt Ungleichheit in Ökonomen-Kreisen als etwas Gutes. Denn, so hieß es, sie motiviere zur Leistung. Die Chance zum Aufstieg mache die Menschen leistungsbereiter. Daher wurde die Ungleichheit politisch gefördert: In fast allen Industrie-Ländern sind laut OECD die Steuern auf Spitzen- und Kapitaleinkommen in den letzten 30 Jahren gesunken. Gleichzeitig wuchs der Druck auf die Löhne, um die Wirtschaften wettbewerbsfähiger zu machen.

Doch inzwischen hat die Stimmung gedreht. Ungleichheit gilt als schlecht. Woher kommt diese Wende? „Bestimmte Erkenntnisse brauchen einfach eine Weile, bis sie sich durchsetzen“, meint Gustav Horn, Chef des gewerkschaftsnahen Instituts IMK. Zudem hat die globale Krise einerseits Armut und Ungleichheit verschärft und gleichzeitig die herrschenden Theorien fragwürdig gemacht. „Der Neoliberalismus hat ein Glaubwürdigkeitsproblem“, so Butterwegge. Und das, warnt die OECD, unterminiert den sozialen Zusammenhalt.

Mit derartigen Warnungen will sich die OECD jedoch eher selbst schützen, meint Professor Gerhard Bosch von der Universität Duisburg-Essen. „Die OECD plädiert seit Jahrzehnten dafür, dass der Staat Produkt- und Arbeitsmärkte weniger reguliert“, so der Volkswirt. Die meisten Industrieländer hätten dies seit den 1990er-Jahren getan – und die Kluft zwischen Arm und Reich sei gewachsen. „Jetzt hat die OECD Angst, dass die soziale Ungleichheit zu groß wird.“ Damit vollziehe die OECD keinen Kurswechsel. Vielmehr dienten die Korrekturen dazu, die bisherige Strategie im Wesentlichen fortsetzen zu können, ohne dass sie grundsätzlich infrage gestellt wird.

Auch der IWF scheint nicht sein Herz für die Armen entdeckt zu haben. Er fürchtet die Folgen der Ungleichheit für die Wirtschaft. „Einkommensungleichheit“, warnt der Fonds „kann zu nicht-nachhaltigem Wachstum führen.“ Grund: Es sind gerade die ärmeren Schichten, die ihr Geld komplett ausgeben, so Einkommenszuwächse zurück in den Wirtschaftskreislauf geben und darüber die Konjunktur stützen. Da aber gerade die unteren Einkommensschichten in den vergangenen Jahren abgehängt wurden, haben sie vielfach Kredite aufgenommen, um ihr Konsumniveau beizubehalten oder zu steigern. „Steigende Ungleichheit hat zu exzessiver Schuldenaufnahme der ärmeren Haushalte geführt“, so der IWF.

Ganz anders die Wohlhabenden: Sie werden reicher, geben das Geld aber nicht aus, sondern legen es an. Dadurch wächst das Volumen an Anlagekapital immer weiter, die Suche nach rentablen Investments treibt das Geld in immer riskantere Anlageformen. Im Ergebnis „akkumulieren die Wohlhabenden immer mehr Finanzanlagen, die durch Kredite an die Armen gedeckt sind“, erklärt der IWF, „das erhöht die Wahrscheinlichkeit von Finanzkrisen.“

Während die Experten die Gefahren wachsender Ungleichheit diskutieren, tut die Politik bislang wenig. Im Gegenteil: „Der Befund von IWF und OECD hat sich in der Politik gegenüber den südeuropäischen Krisenländern noch gar nicht niedergeschlagen“, meint Volkswirt und Arbeitssoziologe Bosch. „Hier klaffen Worte und Taten weit auseinander.“

Diese Untätigkeit, vermutet Horn, könnte ein Ergebnis der gewachsenen Ungleichheit sein: „Reichtum bringt eben auch politische Macht mit sich“, sagt er, „warum sonst sollte es so schwierig sein, in Deutschland eine Vermögenssteuer einzuführen?“

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