Aktuell: Terror | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

08. Januar 2016

Gesundheitswesen : „Korruption findet ihren Weg“

 Von 
„Die Hörgeräteakustik ist eindeutig eine Wachstumsbranche“, sagt Jakob Stephan Baschab.

Hörakustiker-Lobbyist Jakob Stephan Baschab spricht im Interview mit der FR über Kriminalität im Gesundheitswesen - und nimmt dabei auch die eigene Branche nicht aus.

Drucken per Mail

Der erste Kontakt mit den Hörgeräteakustikern entstand, weil die Frankfurter Rundschau über die heftige Kritik von Krankenkassen an der Branche berichtet hatte. Der Hörgerätemarkt sei intransparent und werde von „kartellähnlichen Zusammenschlüssen in Form von Innungen“ bestimmt, erklärte der Branchenriese Barmer GEK. Die Innung wollte das so nicht stehen lassen und bot ein Gespräch mit ihrem Hauptgeschäftsführer Jakob Stephan Baschab an – auch über das Thema Korruption. Darüber wird im Gesundheitswesen nur selten gesprochen, schon gar nicht öffentlich.

Herr Baschab, als ich im Bekanntenkreis erzählt habe, dass ich einen Vertreter der Hörgeräteakustiker interviewe, war die erste Reaktion mehrfach: „Das ist doch eine Mafia.“ Haben Sie eine Erklärung dafür?
Das ist leider der Preis für unseren offenen Umgang mit dem Thema Korruption. Denn das was bei uns geschah, war für das deutsche Gesundheitswesen so ungewöhnlich nicht. Es gab eben nicht genügend gesetzliche Regelungen. Wir haben vor ungefähr sieben Jahren beschlossen, die Notbremse zu ziehen. Denn unsere Branche drohte, in diesem Sumpf zu versinken. Seitdem sind wir auf dem Weg der Selbstreinigung. So ein Prozess ist allerdings schmerzhaft. Denn zum einen haben wir nahezu kriminelle Strukturen offengelegt, die die Öffentlichkeit bis dahin gar nicht kannte. Zudem haben sich diejenigen, denen unser Antikorruptionskurs nicht passte, mit unlauteren Methoden gewehrt. Das zusammen hat in der Öffentlichkeit den von Ihnen beschriebenen Eindruck entstehen lassen. Aber ich versichere Ihnen, heute sind wir sauberer als viele andere Player im Gesundheitswesen.

Was spielte sich damals in der Branche ab?
Die Hälfte aller Hörgeräteakustiker hat den HNO-Ärzten Geld gegeben, damit die Patienten zu ihnen geschickt werden. Formal übernahm der Arzt Aufgaben, die der Akustiker auch hätte selbst machen können. Dafür floss dann Geld. Das war strafrechtlich oder steuerlich völlig legal, das musste nicht einmal schwarz gemacht werden. Aber es war trotzdem Korruption. Und wir reden hier nicht von Kleingeld. Wir reden hier von bis zu 20 000 Euro pro Arzt und Jahr.

Wer hat damit angefangen?
Im Jahr 2000 hatte der Bundesgerichtshof geurteilt, dass Ärzte für die Akustiker gewisse Dienstleistungen gegen Bezahlung erbringen dürfen. Danach kamen Ärzte auf die Akustiker zu und boten diese Leistungen an. Wer nein sagte, bekam oft keine Patienten mehr zugewiesen. Es gab natürlich auch Akustiker, die in dieser Sache aktiv auf die Ärzte zugingen. Am Ende wurden pro Ohr zwischen 50 und 100 Euro bezahlt – für Leistungen, die dieses Geld oft gar nicht wert waren. Und viele Krankenkassen schauten dabei einfach weg.

Der Gesetzgeber hat dann aber reagiert.
Ja, er untersagte diese Form der Geschäfte, nachdem auch wir sie publik gemacht hatten. Mittlerweile kann auch eine Krankenkasse derartige Versorgungen nicht mehr einfach hinnehmen.

Dann ist also heute alles in Ordnung?
Korruption ist wie Wasser, sie findet ihren Weg. So auch in unserem Fall. HNO-Ärzte haben unter anderem mit Unterstützung umtriebiger Firmen einen Weg gefunden, nach wie vor an einem Patienten doppelt zu verdienen. Sie kaufen sich ganz gezielt in die Geschäfte von Hörgeräteakustikern ein. Das geschieht in der Mehrzahl der Fälle verdeckt über Strohmänner, also zum Beispiel über Berater oder Verwandte der Mediziner. Der Patient erfährt davon nichts. Er weiß also nicht, dass der Arzt mitverdient, wenn dieser einen bestimmten Hörgeräteakustiker in den höchsten Tönen empfiehlt.

Wie viele von derartigen Beteiligungen gibt es bundesweit?
Wie gesagt, in der Mehrzahl der Fälle werden die Beteiligungen ganz gezielt verschleiert. Genaue Zahlen gibt es daher nicht. Wir haben aber recherchiert und eine Vielzahl von Beweisen zusammengetragen. Nach unseren Schätzungen werden diese Konstruktionen bei 200 bis 300 Fachgeschäften genutzt. Das ist bei der Gesamtzahl von 5500 Geschäften bundesweit zwar nur eine Minderheit. Es sind aber eben auch keine Einzelfälle, wie es von Ärzteseite dargestellt wird.

Kann man dagegen nicht vorgehen?
Doch. Im Anti-Korruptionsgesetz für das Gesundheitswesen, das gerade im Bundestag beraten wird, ist ein Verbot dieser Beteiligungsmodelle im Strafrecht verankert. Wir wissen aber, dass es von bestimmten Kreisen intensive Bemühungen gibt, dass der Passus wieder aus dem Gesetzentwurf gestrichen wird. Das muss unbedingt verhindert werden.

Zur Person

Jakob Stephan Baschab, 48, ist seit 2002 Hauptgeschäftsführer der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker in Mainz. Der studierte Volks- und Betriebswirt war zuvor bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände tätig, zuletzt als stellvertretender Abteilungsleiter und Geschäftsführer einiger Tochtergesellschaften. (tms)

Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber mir fehlt einfach der Glaube daran, dass Ihr Berufszweig nur der Gute ist, während insbesondere die HNO-Ärzte die geldgierigen Korrupten sind.
Das habe ich auch nicht gesagt. Ich habe Ihnen ja erläutert, dass es bei uns ebenfalls schwarze Schafe gibt, die sich für besonders clever halten und mit ihrem Verhalten die gesamte Branche in Verruf bringen. Deshalb haben wir uns für diesen Weg der Offenheit entschieden, der auch in den eigenen Reihen nicht unumstritten ist. Dass durch diese Offenheit etwas Negatives zurückbleibt – siehe Ihre Eingangsfrage – müssen wir in Kauf nehmen. Aber ich bin nach wie vor der Ansicht, dass es keine Alternative dazu gibt.

Die Unterstellung, in Ihrer Branche gebe es mafiöse Strukturen, hat möglicherweise auch mit den Preisen zu tun, die sie verlangen. Viele Patienten klagen über intransparente und vor allem hohe Kosten.
Von mafiösen oder intransparenten Strukturen darf man bei uns gerade nicht mehr sprechen. Jeder gesetzlich Versicherte hat bei Bedarf Anspruch auf ein hochwertiges Hörgerät ohne Zuzahlung. Dafür bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen je Ohr seit der Verdopplung der Pauschale 2013 bis zu 840 Euro. Für dieses Geld bekommen sie aber nicht nur ein hervorragendes Gerät, mit dem sie wieder gut hören können. In diesem Betrag sind auch sämtliche Anpassungen, und Wartungen für einen Zeitraum von immerhin sechs Jahren enthalten. Wenn sie davon ausgehen, dass allein die Erstanpassung eines Hörgerätes im Schnitt bis zu zehn Stunden dauert, dann sehen sie, wie viel Aufwand das ist.

Deshalb werden den Kunden ja auch oft teurere Hörgeräte aufgeschwatzt, bei denen pro Ohr mitunter weit über 1000 Euro zugezahlt werden müssen. Damit verdienen die Akustiker mehr.
Wir schwatzen das niemandem auf. Weit über die Hälfte unserer Kunden zahlt nichts dazu. Das, was sie brauchen, um bestmöglich zu hören, bekommen sie auch ohne Zuzahlung. Die Hörgeräte, die teurer sind, bieten mehr Komfort, also etwa mehr Programme oder eine Bluetooth-Verbindung zu anderen Elektronikgeräten.

Warum verraten Sie eigentlich nicht, was so ein Hörgerät tatsächlich im Einzelnen kostet? Das würde die Transparenz erhöhen. Stimmt es, dass ein Kassengerät eigentlich nur um die 100 Euro oder sogar weniger kostet?
Um das nochmal klarzustellen: Wir verkaufen keine Hörgeräte. Ein Gerät ohne individuelle Einstellung nützt ihnen gar nichts. Wir als Hörgeräteakustiker bieten ein Komplettpaket. Und das ist mit den erwähnten 840 Euro der Kassen nicht überbezahlt. Das Münchner Ifo-Institut hat ausgerechnet, dass der Akustiker im Einzelgeschäft im Schnitt einen Bruttojahreslohn von 60 000 Euro erzielt. Davon ernährt er sich und seine Familie. Das ist ordentlich, aber sicherlich nicht exorbitant.

Wie hat sich die kräftige Erhöhung der Kassenzuzahlung auf Ihr Geschäft ausgewirkt?
Die Nachfrage hat deutlich zugenommen. Gegenüber 2013 ist der Geräteabsatz 2014 um immerhin 30 Prozent gestiegen. 2015 konnte das erreichte Niveau aller Voraussicht nach gehalten werden. Der Markt hat allerdings noch einige Luft nach oben.

Wie viel?
Derzeit haben ungefähr drei Millionen Menschen ein Hörgerät. Wir gehen davon aus, dass weitere drei Millionen versorgt werden müssen. Doch Schwerhörigkeit ist noch immer stigmatisiert, die Hemmschwelle für ein Hörgerät ist groß. Viele Betroffene wollen einfach kein Hörgerät, egal, ob die was kosten oder nicht. Erst langsam gibt es hier einen Wandel, weil das Thema Schwerhörigkeit gesellschaftlich immer offener diskutiert wird. Und dann stellen die Patienten dank der Erfahrungen von Freunden und Bekannten fest, dass Hörgeräte heutzutage nicht mehr rosa, groß und unbequem sind, sondern klein und unauffällig. Und sie helfen sehr gut. Die Hörgeräteakustik ist eindeutig eine Wachstumsbranche.

Dazu passt, dass junge Firmen das Thema Hörgeräte für sich entdeckt haben. Die Berliner Internetfirma Audibene versucht gerade, den Markt aufzumischen. Macht Ihnen diese Entwicklung Sorgen?
Ganz und gar nicht. Das ist letztlich eine Internetplattform, mit der man diejenigen erreicht, die sich erstmal im Netz über das Thema Hörgeräte informieren. Der Weg führt dann immer zum niedergelassenen Hörgeräteakustiker. Diese bekommen also auf diesem Wege zusätzliche Kunden. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass die Gruppe der „Silver Surfers“ – also die älteren Internetnutzer – stark zunimmt und sie sogar mehr Zeit im Netz verbringt als die der Berufstätigen. Es macht also Sinn, die Kunden auch dort abzuholen.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Rente

Es hat sich ausgeriestert

Von Dorothea Mohn |

Wir brauchen bessere Altersvorsorge-Modelle Mehr...

Hilfe

Provozierte Katastrophen

Wie humanitären Krisen vorgebeugt werden kann Mehr...

FRAX

Die Frankfurter Rundschau und das Forschungsinstitut Wifor präsentieren den FR-Arbeitsmarktindex, kurz FRAX. Er erlaubt einen genaueren Blick auf unsere Arbeitswelt als es die Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen tun.

Videonachrichten Wirtschaft

Anzeige

Forum Entwicklung

Recht auf Arbeit – auch für Kinder?

Das Forum Entwicklung ist eine Debattenreihe von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  

Weltweit arbeiten rund 150 Millionen Kinder – oft unter ausbeuterischen Bedingungen auf Plantagen, in der Teppichproduktion oder als Dienstmädchen. Darum geht es beim „Forum Entwicklung“ am Donnerstag, 23, April. Mehr...

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen