kalaydo.de Anzeigen

Gewerkschaften: IG Metall bootet Verdi aus

Die Industriegewerkschaft will die Tarife übertrumpfen, die Arbeitgeber ziehen vor Gericht.

        

Begehrte Ware: Stahlcoils  aus Salzgitter.
Begehrte Ware: Stahlcoils aus Salzgitter.
Foto: REUTERS/Christian Charisius

Industrie-Unternehmen gliedern immer mehr Arbeiten aus, um Personalkosten zu sparen. Die IG Metall will das nicht länger hinnehmen und höhere Löhne für industrielle Dienstleister durchsetzen. Damit treten die Metaller in direkte Konkurrenz zu ihrem Schwester-Verband Verdi. Unternehmen beschränken sich längst nicht mehr darauf, die Kantine oder die Reinigung auszulagern. Inzwischen werden „wesentliche Teile der Vorleistungen ausgegliedert“, sagte IG-Metall-Vizechef Detlef Wetzel der Frankfurter Rundschau.

Dies gelte für Entwicklungsarbeiten ebenso wie für die Instandhaltung, Logistik und Vormontage von Autoteilen. Solche industriellen Dienstleistungen würden oft „außerordentlich schlecht bezahlt“. Seine Gewerkschaft habe diese Entwicklung jahrelang verschlafen, doch damit soll nun Schluss sein: „Wir erklären uns zuständig für die gesamte Wertschöpfungskette“, sagte der IG-Metall-Vizechef.

Wachsender Sektor

Jobs: Inzwischen arbeiten 74 Prozent der Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor, berichtet der Sachverständigenrat. Besonders Unternehmens-Dienstleister haben mit fast 13 Prozent an Bedeutung gewonnen. Dazu zählen Leiharbeit, Call-Center, Wachdienste und Ingenieurbüros. Ein Teil dieser Jobs ist aus Industriebetrieben ausgelagert worden. Das produzierende Gewerbe beschäftigt nur noch 17 Prozent der Erwerbstätigen.

Lohnkosten: In Deutschland ist die Kluft zwischen den Einkommen in der Industrie und dem Dienstleistungssektor viel größer als in anderen EU-Staaten. Im produzierenden Gewerbe betragen die Lohnkosten pro Arbeitsstunde rund 33 Euro, bei Unternehmensdienstleistern sind es nur 22,40 Euro. Für den Bereich Handel, Gastgewerbe und Verkehr nennt der Sachverständigenrat einen Durchschnittswert von 21,30 Euro.


Die Metaller wollen nicht nur tariffreie Unternehmen in die soziale Verantwortung nehmen. Sie wollen außerdem solche Tarifverträge übertrumpfen, die die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi abgeschlossen hat, zum Beispiel in der Logistikbranche.

Erster Erfolg in einem sächsischen Betrieb

Damit klinkt sich die IG Metall in den gewerkschaftlichen Wettbewerb um bessere Tarifverträge im Dienstleistungssektor ein. Den kleinen Spartengewerkschaften für Lokführer, Ärzte und Piloten ist es inzwischen bereits gelungen, mehr Geld als zum Beispiel die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi durchzusetzen. Das Gleiche strebt nunmehr auch die IG Metall an. Anders als die Berufsverbände will sie jedoch für die gesamte Belegschaft eines Betriebs mehr herausholen, und nicht nur für eine kleine Berufsgruppe – wie das etwa bei der Lokführergewerkschaft GDL oder dem Marburger Bund der Fall ist.

Einen ersten Erfolg kann Wetzel bereits vorweisen: Bei dem Logistiker Schnellecke in der sächsischen Stadt Zwickau habe es die Industriegewerkschaft bereits geschafft, mehr als 80 Prozent der rund 1200 Beschäftigten als Mitglieder zu gewinnen – und einen „außerordentlich guten Tarifvertrag“ durchzusetzen, sagte der Vizechef der IG Metall in einem Interview mit dem Mitbestimmungs-Magazin der Hans-Böckler-Stiftung. Das Abkommen löst einen Verdi-Tarif ab, der insbesondere längere Arbeitszeiten vorgeschrieben hatte. Insidern zufolge wollte sich Verdi aber zunächst nicht verdrängen lassen, lenkte später allerdings dann doch ein. Auch das Schnellecke-Management habe den Konflikt nicht eskalieren lassen wollen.

In anderen Unternehmen dürfte die IG Metall aber vermutlich auf massiven Widerstand stoßen. Bei der Firma Rudolph in Leipzig gibt es bereits einen heftigen Konflikt. Der Logistiker beliefert das sächsische BMW-Werk mit Autoteilen. Derzeit gilt dort noch ein Verdi-Tarifvertrag, den die IG Metall jedoch schlecht findet. Für einen Vollzeit-Job gebe es gerade einmal 1500 Euro.

„Es gibt Spielregeln, an die sich alle halten sollten“

Offenbar sind auch viele Beschäftigte des Unternehmens mit der Bezahlung unzufrieden. Jedenfalls sind inzwischen 80 Prozent der IG Metall beigetreten, erzählt Bernd Kruppa von der IG Metall Leipzig. In Warnstreiks hätten sie dafür demonstriert, dass seine Gewerkschaft für den Betrieb zuständig wird. Doch das wollen die Arbeitgeber unbedingt verhindern.

Rudolph ist Mitglied im Landesverband Thüringen des Verkehrsgewerbes (LTV). Der Arbeitgeberverband geht juristisch gegen die IG Metall vor: Beim Arbeitsgericht Leipzig beantragte er, die Warnstreiks zu verbieten. Begründung: Bei Rudolph gelte wegen des Verdi-Tarifvertrags Friedenspflicht. Doch das Gericht sah das anders: Verdi dürfe nicht streiken, die IG Metall schon. Dagegen legten die Arbeitgeber Berufung ein, erläutert der Sprecher des Sächsischen Landesarbeitsgerichts. In Frankfurt ist ein zweites Verfahren anhängig: Hier will der Verkehrsverband feststellen lassen, dass die IG Metall für Rudolph nicht tarifzuständig ist. Eine Entscheidung wird im Januar erwartet.

Der Arbeitgeberverband selbst will zu alldem gar nichts sagen. Auf eine Anfrage reagiert ein Sprecher gereizt: „Sie kriegen keine Auskunft, weil das rechtsanhängig ist. Tut mir leid“, sagt der Sprecher am Telefon – und legt grußlos auf.

Auch Verdi gibt sich wortkarg. Zu den Einzelfällen könne er nichts sagen, erklärt ein Sprecher der Verdi-Zentrale in einer schriftlichen Stellungnahme. Generell gebe es bei Konflikten zwischen DGB-Gewerkschaften klare Spielregeln, an die sich jeder halten sollte. Gewerkschaften sollten „in der Öffentlichkeit nicht den Eindruck eines zerstrittenen Haufens hinterlassen“. Das stimmt. Wenn Verdi und IG Metall jetzt übereinander herfallen, freuen sich die Arbeitgeber. Wie sie auf die Expansionsstrategie der Metaller reagieren, darauf sollte Verdi aber schon eine Antwort haben.

Autor:  Eva Roth
Datum:  5 | 12 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.


Faktencheck
Zurück zur Drachme um den Euro zu retten?

Griechenland steht im Ruf, über seine Verhältnisse gelebt zu haben. Mythen über die Ursachen der Krise.

Fotostrecke
Forum Entwicklung
Das Forum Entwicklung ist eine Veranstaltungsreihe von FR, Giz und HR-Info.

Am 31. Mai diskutiert FR-Redakteur Tobias Schwab mit Fernsehköchin Sarah Wiener und weiteren Gästen das Thema "Wer verdient am Kaffee?"

Faktencheck
Steigende Beiträge zur Sozialversicherung - die Zukunft?

Was würde passieren, wenn Deutschland ein Sparpaket bewältigen müsste wie Griechenland? Ein erschreckendes Szenario.

Ressort

Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.


Anzeige

Tops und Flops in der Wirtschaft

Anzeige

 

Video

  • 6.339,94 Pkt. +24,05 (+0,38%)
  • 10.196,44 Pkt. -35,08 (-0,34%)
  • 752,47 Pkt. +0,62 (+0,08%)
  • 8.580,39 Pkt. +17,01 (+0,20%)
  • 1,2512 USD -0,0003 (-0,02%)
in Zusammenarbeit mit Finanzen100.de
Insolvenz
Hunderte von Filialen hat Schlecker bereits geschlossen.

Der Insolvenzverwalter ist bestellt, jetzt beginnt die harte Zeit der Neuordnung von Schlecker. Wir erklären, wie es mit der Kette weitergeht.

Brutto / Netto Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Anzeige

Finden Sie jetzt gezielt den richtigen Partner für eine glückliche Beziehung. So wird Ihre Partnersuche ganz einfach.

ANZEIGE
- Business
- sonstiges
- Kauftipps!