München. Der Elektrokonzern Siemens verschärft seinen Sparkurs und streicht weitere knapp 2000 Arbeitsplätze in Deutschland. Betroffen sind die Antriebstechnologie und das Geschäft mit Großanlagen für die Industrie. Mit dem neuerlichen Stellenabbau will das Unternehmen seine Gewinne sichern.
Die Planungen seien den Betriebsräten im Wirtschaftsausschuss vorgestellt worden, hieß es in München. In Bad Neustadt, wo Siemens Niederspannungsmotoren herstellt, sollen bis 2012 rund 840 der knapp über 2000 Arbeitsplätze abgebaut werden. Die Produktion soll vor allem am Standort Mohelnice in der Tschechischen Republik konzentriert werden. In Erlangen, wo die Elektronik für die Motoren gefertigt wird, sollen 300 Stellen wegfallen.
Der Streit über Millionen-Zahlungen an Topmanager hat zu einem neuen Gesetz geführt: Seit August 2009 gilt in Deutschland für Aktiengesellschaften das "Gesetz zur Angemessenheit der Vorstandsvergütung".
Was eine angemessene Vergütung ist, ist in dem Gesetz etwas genauer formuliert als bisher, erläutert der Jurist Sebastian Sick von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. So heißt es dort: Die Gehälter der Vorstände dürften "die übliche Vergütung nicht ohne besondere Gründe übersteigen". Man könne nun schauen, wie viel andere Topmanager in der Branche verdienen oder prüfen, ob die Vorstandsbezüge in die Gehaltsstruktur der Firma passen. Im Streitfall müsse ein Richter die Angemessenheit nachvollziehen können.
Variable Zahlungen sollen eine "mehrjährige Bemessungsgrundlage" haben. Aktienoptionen dürfen frühestens nach vier Jahren eingelöst werden.
Der gesamte Aufsichtsrat muss die Vorstandsvergütung festlegen, früher hat das oft ein kleiner Ausschuss des Kontrollgremiums getan.
Die Hauptversammlung der Aktionäre kann über das Vergütungssystem befinden. Eine Ablehnung habe aber keine bindende Wirkung, erläutert Sick. Dadurch könne aber politisch Druck gemacht werden. (rt)
Darüber ist der Abbau von 850 Arbeitsplätze im Bereich Industry Solutions an verschiedenen Standorten in Deutschland geplant. Hier baut Siemens Anlagen für die Stahl-, Zement- und Papierbranche. Doch wegen des schwachen Geschäfts gibt es auch hier Überkapazitäten.
Insgesamt hat Siemens zurzeit noch rund 400.000 Beschäftigte, davon 128.000 in Deutschland. Seit Mitte 2008 hat der Konzern bereits 18.000 Stellen abgebaut.
Die IG Metall kritisierte die Arbeitsplatzverluste angesichts des Rekordergebnisses im ersten Quartal 2010 als einfallslos und unnötig. "Stellenabbau und Standortschließungen sind weder intelligent noch verantwortungsvoll und passen nicht zum größten Technologiekonzern in Deutschland", sagte Gewerkschafterin Sibylle Wankel, die Mitglied im Siemens-Aufsichtsratsmitglied ist.
Der Siemens-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Lothar Adler kritisierte, die Trennung von Geschäftsbereichen passe nicht zur vom Vorstand erwogenen Anhebung der Prognosen für das Gesamtjahr. "Die imageträchtig skizzierte strahlende Zukunft verwirklicht Siemens nicht, indem man ständig Beschäftigte vor eine ungewisse Perspektive stellt. Solche Ziele erreicht man nur mit einer motivierten Belegschaft, die nicht fortwährend an irgendeiner Ecke verkleinert wird", sagte Adler.
Am Dienstag hatte Konzernchef Peter Löscher nach einem überraschenden Ergebnisanstieg im ersten Geschäftsquartal auf der Hauptversammlung Personaleinschnitte angekündigt.
Im Auftaktquartal des zum Oktober endenden Geschäftsjahrs 2009/10 wuchs der Siemens-Gewinn nach Steuern um fast ein Viertel auf gut 1,5 Milliarden Euro - obwohl der Umsatz um acht Prozent auf 17,3 Milliarden Euro sank. Bis Ende September kalkuliert Löscher bei etwa fünf Prozent Umsatzminus mit einem Gewinnsprung von einem Fünftel.
"Kurzarbeit reicht nicht"
Trotz dieser für Siemens "erfreulichen Momentaufnahme" hält er einen Stellenabbau für unvermeidlich. Viele Geschäfte mit Industriekunden bräuchten noch Jahre, um wieder auf das Niveau von vor der Weltwirtschaftskrise zu kommen. Zudem tauche das Energiegeschäft als zweiter von den drei großen Siemens-Sektoren derzeit ins Konjunkturtief. Nur die Medizintechnik als drittes Standbein bleibe sorgenfrei.
"Die Krise ist noch lange nicht vorbei", begründete Löscher die Rotstiftpläne. Kurzarbeit als Brücke über Nachfragetäler reiche nicht mehr aus. Zudem werde die Welt der Wirtschaft nach der Krise nicht mehr wie vorher aussehen. Nachfrage verlagere sich sprunghaft und anhaltend von Industrie- in Schwellenländer.
Gegenüber Bankanalysten machten Löscher und Siemens-Finanzchef Joe Kaeser klar, dass sie vor allem in den industrienahen Geschäften mit Antriebstechnik und der Anlagensparte Industry Solutions große Probleme sehen. Im gesamten Industriesektor von Siemens lägen derzeit die Auftragseingänge um ein Viertel unter dem Vorkrisenniveau von 2008.
Kritisch reagierten Aktionäre beim Thema Vorstandsgehälter, das seit August 2009 hierzulande gesetzlich neu geregelt ist. Das aktuelle Siemens-System entspreche nicht allen gesetzlichen Anforderungen, rügten mehrere Eigner.
Kritik an Vorstandsgehältern
Löschers Gehalt betrug im Vorjahr gut sieben Millionen Euro - das sei zu hoch, mahnte Aktionärsschützerin Daniela Bergdolt. Insgesamt kassierte der komplette Siemens-Vorstand für 2009 rund 27 Millionen Euro. Davon entfielen etwa 19 Millionen auf Siemens-Aktien und Boni, was der IG Metall ein Dorn im Auge ist. Sie sieht darin einen Anreiz zu kurzfristiger Gewinnoptimierung statt zu nachhaltigem Wirtschaften.
Belegschaftsvertreter und Gewerkschafter wollen die Entlohnung von Löscher & Co. auch an die Entwicklung der Arbeitsplätze koppeln. Aufsichtsräte dürften zudem nur ein Fixgehalt kassieren, um Zockerei in dieser Ebene vorzubeugen. Ähnlich argumentierten Fondsgesellschaften, die Siemens-Aktien halten. Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme sagte zu, das Vergütungssystem noch im Frühjahr auf den Prüfstand zu stellen.
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