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26. November 2012

Globalisierung: Wenn Kontrolle nicht hilft

 Von Jutta Maier

Bangladesch produziert Kleidung und Wäsche für die ganze Welt. Die Löhne sind niedrig, der Arbeitsschutz wird missachtet. Die Industrie ist eng verwoben mit der Politik, Gewerkschafter werden bedroht.

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Wer verstehen will, wie es zu Unglücken wie dem am Wochenende in Bangladesch kommen kann, für den lohnt sich ein Blick in den Nachhaltigkeitsbericht von C&A. Auf Seite 76 geht es um Verstöße gegen den Verhaltenskodex, den die 800 Zulieferer des Düsseldorfer Modekonzerns unterschreiben müssen. Verstöße gegen den Brandschutz haben im Jahr 2011 gegenüber dem Vorjahr fast durchgängig zugenommen: Entflammbare Stoffe wurden unzulässig gelagert, Treppenhäuser waren versperrt, Notausgänge verriegelt, elektrische Kabel ungesichert und nicht genug Feuerlöscher vorhanden.

Wenig Lohn, lange Arbeitszeit

Bangladesch ist einer der größten Textilhersteller der Welt – Kleider und Wäsche machen 78 Prozent des Exports aus. Dessen Wert beläuft sich auf jährlich 20 Milliarden US-Dollar. Die Gehälter in der Textilbranche sind schlecht. Der Mindestlohn für die klassische Frauenarbeit liegt in Bangladesch bei umgerechnet 30 Euro im Monat.

Die Arbeitszeiten in den Textilfabriken können sehr lang sein – bis zu 14 Stunden. Die Löhne sind oftmals zum Leben viel zu niedrig. Auch der Zwang zu Überstunden, Kinderarbeit und andere Formen der Ausbeutung sind ein Problem.

Auch die Sicherheit für die Arbeitskräfte darf nicht viel kosten. In vielen Textilfabriken in Bangladesch fehlt es selbst an ganz einfachen Brandschutzvorkehrungen wie Feuerlöschern. Sprinkler-Anlagen sind dort unbekannt, Notausgänge sind oft versperrt: entweder, weil der Platz anderweitig benötigt wird, oder damit die Belegschaft während der Schicht nicht den Arbeitsplatz verlässt.

Beauftragt werden die Kontrolleure von der Service Organisation for Compliance Audit Management (SOCAM). C&A hat sie 1996 ins Leben gerufen , der Sitz ist in Düsseldorf und Singapur. 2011 ließ SOCAM 1724 Kontrollen durchführen. Bei 65 Prozent der Betriebe hatten gab es Beanstandungen. Teils mussten sie sofort nachbessern, teils wurden auch „verbindliche Korrekturpläne“ vereinbart.

Das allerdings muss nichts heißen. Auch die Fabrik in Pakistan, die unter andere für den deutschen Textildiscounter Kik fertigte und bei der im September bei einem Brand mehr als 250 Menschen starben, soll nach Informationen der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) mehrfach durch Audit-Firmen kontrolliert worden sein. Bei ersten Überprüfungen wurden Mängel festgestellt, die beseitigt werden sollten. Offensichtlich ist das nicht passiert.

„Zertifizierungen und Audits geben eine Momentaufnahme, die gut sein kann“, sagt Jan Eggert, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands AVE, dem Handelskonzerne wie Adidas, Esprit, Lidl und Otto angehören. „Man hat allerdings nicht immer Kontrolle darüber, was in den Wochen danach in dem Betrieb passiert“, räumt er ein. Auch für Lars Stubbe, Sprecher der CCC-Kampagne, ist klar: „Auf Zertifizierungen und Kontrollen zur Überprüfung der Arbeitssicherheit kann man sich nicht verlassen.“

Offenbar stoßen die Modekonzerne an ihre Grenzen, wenn es um die Kontrolle ihrer Lieferanten in Niedriglohnländern wie Bangladesch, Pakistan oder Kambodscha geht. „Die Lieferkette wird immer komplexer und die Anzahl der beteiligten Parteien immer höher“, heißt es etwa in dem C&A-Bericht. Zudem würden „die verschärften Wettbewerbsbedingungen auf den weltweiten Zuliefermärkten, eine zunehmende Auslagerung sowie das Erscheinen immer neuer Marktteilnehmer“ zu Missständen beitragen. Doch verzichten auf Bangladesch als Produktionsstandort können oder wollen die westlichen Modemarken offensichtlich nicht. Die dortige Bekleidungsindustrie ist vor allem dank der Niedriglohnstrategie der Regierung seit den späten 90er Jahren sprunghaft gewachsen. Immer mehr Einkäufer wandern dorthin ab, während China als Produktionsstandort zunehmend teurer wird. „Das Preis-Leistungs-Verhältnis wird in Bangladesch derzeit optimal erfüllt“, sagt AVE-Hauptgeschäftsführer Eggert. Mittlerweile ist das Land zum zweitgrößten Textillieferanten nach China aufgestiegen. Die Infrastruktur konnte mit dieser Entwicklung jedoch vielerorts nicht mithalten. So seien Wohnungen zu Fabriken umgewandelt worden, deren Elektrik nicht für Industrieproduktion ausgerichtet ist, so CCC-Sprecher Stubbe. Oder man stockte bestehende Gebäude auf, ohne auf die Statik zu achten.

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Die nationalen Behörden in Bangladesch, die geltende Arbeitsschutz-Normen nicht durchsetzen und Löhne kaum anheben, sind das eine. Aus Sicht von Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften müssen sich aber die westlichen Modekonzerne endlich ihrer Verantwortung stellen. So fordert die Gewerkschaft Verdi C&A nachdrücklich auf, sich einem internationalen Brandschutzabkommen anzuschließen, dass von NGOs und nationalen Gewerkschaften unterstützt wird. Das zweijährige Programm zielt vor allem darauf ab, unabhängige Inspektionen in den Fabriken zu gewährleisten, die nicht von den Auftraggebern – also den Modekonzernen – bezahlt werden. Dadurch würden endlich Gewerkschaften Zugang zu den Fabriken erhalten, der ihnen oft verwehrt wird. Zudem soll Arbeitern ermöglicht werden, Arbeitsschutz-Komitees zu bilden und sich über Sicherheitsmängel zu beschweren.

Den Beschäftigten Filme zum Brandschutz zu zeigen, wie es etwa H&M praktiziert, hält Stubbe für wenig hilfreich: „Was nutzt das, wenn die Arbeiter hinausgeworfen werden, wenn sie den Mund aufmachen?“ Bislang haben sich nur der US-Branchenriese PVH (Tommy Hilfiger, Calvin Klein) und der deutsche Textilhersteller Tchibo zu dem Abkommen bekannt. PVH hat bis zu eine Million US-Dollar zugesagt. Andere Modeketten schreckten wohl zurück, weil die Umsetzung höhere Produktionskosten nach sich ziehen könnte, vermutet Stubbe. Beispiel Notausgänge: Wenn Stoffballen dort nicht mehr geparkt werden, müssen Lagerkapazitäten aufgebaut werden.

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