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29. Oktober 2015

Glyphosat: Forscher werfen Kontrolleuren Vertuschung vor

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Mit Glyphosat wird auch im Hopfenanbau gespritzt.  Foto: dpa

Glyphosat ist weltweit das beliebteste Unkrautvernichtungsmittel - und krebserregend, wie einige Studien zeigen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht das nicht so. Hat die Behörde Untersuchungen absichtlich ignoriert?

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Glyphosat ist weltweit das Unkrautvernichtungsmittel Nummer eins. Über 750.000 Tonnen des Pflanzengifts werden jährlich in der Landwirtschaft, auf öffentlichen Grünflächen und in Hausgärten ausgebracht. Mitte 2016 soll der Wirkstoff, den der US-Agrar-Konzern Monsanto erstmals 1974 auf dem Markt brachte, in der EU für weitere zehn Jahre zugelassen werden. Doch sind in den vergangenen Monaten ernste Zweifel an der Unbedenklichkeit der Substanz laut geworden.

Die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation IARC stufte Glyphosat im Frühjahr als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. Auch Schädigungen des Erbguts sind laut IARC nicht auszuschließen. Demgegenüber vertritt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) die Ansicht, von fachgerecht ausgebrachtem Glyphosat gingen keine Gesundheitsgefahren für den Menschen aus. Allerdings werfen renommierte Forscher dem BfR vor, zahlreiche Studien nicht berücksichtigt zu haben, die auf eine krebserregende Wirkung hindeuten.

Der Epidemiologe Eberhard Greiser von der Universität Bremen kritisiert, das BfR habe wichtige Untersuchungen zur Giftigkeit des Wirkstoffs absichtlich außen vor gelassen. So habe das BfR 31 von 92 vorliegenden Studien, die sich mit Krebsrisiken durch Glyphosat befassen, nicht in die Bewertung einbezogen. Dabei zeigten gerade einige dieser Untersuchungen, wie schädlich sich das Herbizid auf die menschliche Gesundheit auswirken kann. Stattdessen habe das BfR unter anderem zehn Studien berücksichtigt, die von der Pflanzenschutzindustrie finanziert worden waren. Greiser unterstellt dem BfR bewusste Manipulation. Auch der Toxikologe Peter Clausing glaubt, „dass Absicht im Spiel war“.

BfR: Alle "relevanten" Studien berücksichtigt

Ökoverbände und Grünenpolitiker fordern Konsequenzen. „Die Vorgänge am Bundesinstitut für Risikobewertung sind untragbar. Das muss Folgen haben. Jetzt ist die Bundesregierung am Zug, die Zulassungsverlängerung zu stoppen“, sagte die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Bärbel Höhn (Grüne), der Frankfurter Rundschau. Um weitere Risiken abzuwenden, müsse bis zum Vorliegen einer umfassenden, unabhängigen Neubewertung ein Anwendungsmoratorium für Glyphosat verhängt werden. Ähnlich äußert sich der Geschäftsführer des Bundes der ökologischen Lebensmittelwirtschaft, Peter Röhrig: „Eine Zulassung kann nur erfolgen, wenn Gesundheitsrisiken ausgeschlossen werden können“.

Laut BfR können sie aber genau das. Das Bundesinstitut verweist darauf, dass alle relevanten Studien und Untersuchungen berücksichtigt worden seien. Man habe sowohl Versuche an Tieren wie auch Untersuchungen an Menschen, die intensiv mit Glyphosat in Kontakt kommen, in die Gesamtbewertung einbezogen, sagte ein Sprecher der FR. Krebserregende oder erbgutverändernde Wirkungen von Glyphosat auf den Menschen seien nicht belegt.

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Diese Stellungnahme ist von großer Bedeutung, weil Deutschland für Glyphosat gegenüber den EU-Behörden als berichterstattendes Land dafür zuständig ist, wissenschaftliche Erkenntnisse zu möglichen Risiken zusammen zu tragen, zu bewerten und der zuständigen EU-Behörde EFSA zu übermitteln. Die EFSA nimmt eine zweite Bewertung vor, auf deren Grundlage die EU-Kommission dann über die Zulassung entscheidet, die jeweils für zehn Jahre ausgesprochen wird.  Dem BfR kommt mithin eine Schlüsselrolle zu, die die Behörde am Donnerstag allerdings herunter zu spielen versuchte.  „Wir sind nur ein kleines Rädchen und haben lediglich die Vorarbeiten geleistet. Die Entscheidung, ob Glyphosat weiter zugelassen wird, fällt die EFSA, für uns ist das Kapitel abgeschlossen“, sagte ein BfR-Sprecher dieser Zeitung.

Grenzwerte überschritten

Für die Verbraucher gilt das nicht. Denn Glyphosat wurde mittlerweile sowohl in Lebensmitteln als auch im menschlichen Körper nachgewiesen. Die Zeitschrift „Ökotest“ ließ 2013 Mehl, Backwaren und Haferflocken auf Glyphosat-Rückstände untersuchen. In 14 von 20 Proben wurde das Labor fündig. Der BUND stellte 2013 in einer Stichprobe in 18 EU-Ländern bei etwa der Hälfte der städtischen Bevölkerung Glyphosat-Rückstände im Urin fest. In Deutschland lag der Anteil sogar bei 70 Prozent. In einer Analyse der Muttermilch von 16 stillenden Frauen aus neun Bundesländern, die die Grünen im Frühsommer vornehmen ließen, wurden in allen Proben Glyphosat-Rückstände gefunden, die den zulässigen Grenzwert für Trinkwasser um das Zwei- bis Vierfache übertrafen.

Zwar war die Zahl der Probanden in beiden Fällen viel zu gering, um zu repräsentativen Ergebnissen zu gelangen. Besorgniserregende Hinweise auf die Verbreitung der Substanz liefern sie gleichwohl.

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