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02. März 2016

Greenpeace-Studie: Palmöl frisst den Regenwald

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Verheerend für Mensch und Umwelt: Über Wochen brannten im Herbst 2015 in Indonesien Regenwälder und Torfland.  Foto: Getty Images

Eine Greenpeace-Studie zeigt: Hersteller legen Zulieferer nicht offen. Die Klimaschutzexperten sehen einen mangelnden Fortschritt beim Schutz der Regenwälder.

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Palmöl ist überall: In Margarine und Pizza, Waschmittel und Duschgels, Chips und Farben. Und als Beimischung findet sich das vielseitig verwendbare Fett auch im Biosprit. 60 Millionen Tonnen Palmöl werden jährlich produziert. Der globale Hunger nach dem Billig-Öl wächst und wächst – und frisst wertvollen Regenwald. Vor allem in Indonesien, wo im Herbst vergangenen Jahres wieder verheerende Feuer wüteten. Ursache waren in vielen Fällen Brandrodungen, auch um Flächen für neue Palmölplantagen zu schaffen.

Die Palmölbranche ist in Indonesien für ein Fünftel der Waldverluste allein zwischen 2009 und 2011 verantwortlich und steht wegen der katastrophalen Folgen für die Bevölkerung und das globale Klima seit Jahren massiv in der Kritik. Dennoch können namhafte Marken wie Colgate-Palmolive, Johnson & Johnson, Pepsico und Unilever noch immer nicht ausschließen, dass in ihren Produkten Palmöl steckt, für das Regenwald abgefackelt wurde. Das zeigt eine internationale Studie der Umweltschutzorganisation Greenpeace, die der Frankfurter Rundschau vorab vorliegt.

Versprechen nur auf Papier

Für die Untersuchung hat Greenpeace 14 globale agierende Konsumgüter-Giganten unter die Lupe genommen. Konzerne, die sich in den vergangenen zwei Jahren auf Druck von Umweltschutzorganisationen und Hilfswerken allesamt zu mehr Waldschutz und auf eine nachhaltigere Produktion von Palmöl verpflichtet haben.

Die Greenpeace-Analyse, die auf Selbstauskünften der Unternehmen beruht, fällt ernüchternd aus. Trotz der Selbstverpflichtung könne derzeit keiner der Konzerne nachweisen, „dass in seiner Lieferkette kein Palmöl aus fragwürdiger Herkunft steckt“, fasst Gesche Jürgens, Waldexpertin von Greenpeace, die Ergebnisse zusammen. „Das muss sich dringend ändern, die Hersteller dürfen sich nicht auf ihren Versprechen auf Papier ausruhen!“

Palmöl
Indonesien
Als Inhaltsstoff

Palmöl ist in etwa jedem zweiten Supermarktprodukt zu finden. In Deutschland werden jährlich rund 1,3 Millionen Tonnen Palmöl verbraucht.

Wichtigster Produzent von Palmöl ist Indonesien. Die Anbauflächen befinden sich zu etwa zwei Dritteln auf Sumatra und zu einem Drittel auf Kalimantan.

Als Inhaltsstoff in Lebensmitteln muss Palmöl EU-weit auf Verpackungen ausgewiesen werden. Zu vielen Produkten gibt es palmölfreie Alternativen. Mehr Informationen: zeropalmoel.de.

Für die Studie wollte Greenpeace von den Firmen wissen, ob sie ihr Palmöl bis zur Plantage zurückverfolgen können, ob sich die Zulieferer an die Vorgaben zum Schutz der Regenwälder halten, wie sie Verstöße sanktionieren und ob sich die Unternehmen für höhere Standards in der Branche engagieren. Keines der befragten Unternehmen war Greenpeace zufolge bereit, vollständige Listen seiner Lieferanten offenzulegen und Partner zu nennen, von denen sie aufgrund von Verstößen gegen Waldschutz-Verpflichtungen kein Palmöl mehr beziehen.

Die Performance der Firmen in Sachen Nachhaltigkeit und Transparenz bringt die Greenpeace-Analyse mittels eines Ampel-Signals auf den Punkt, das für Pepsico, Colgate-Palmolive und Johnson & Johnson Tiefrot anzeigt. Die drei Konzerne schnitten im Vergleich am schlechtesten ab. Orange signalisiert die Ampel beispielsweise für Danone, Ikea oder Mars. Will heißen: Diese Unternehmen kommen auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Beschaffung in Teilbereichen zwar voran, bleiben aber noch vieles schuldig.

Nur für zwei Unternehmen steht die Ampel auf Grün: Ferrero und Nestle attestiert Greenpeace tatsächlich echte Fortschritte und Engagement für die selbst gesteckten Ziele. So kann der italienische Süßwarenhersteller Ferrero nach eigener Auskunft immerhin bereits fast 100 Prozent des eingekauften Palmöls bis zur Plantage zurückverfolgen.

Ferrero („stark“) und Nestle („ordentlich“) bescheinigt die Studie darüber hinaus auch Engagement dabei, die Standards in der Palmölbranche weiterzuentwickeln und die Produktion nachhaltiger zu gestalten. Denn die bisherigen Ziele und Verpflichtungen halten Umweltschützer wie Greenpeace und Menschenrechtsorganisationen für längst nicht ausreichend, um die Entwaldung mit alle ihren katastrophalen Folgen zu stoppen.

Die meisten Konzerne sind Mitglieder des Runden Tisches für nachhaltiges Palmöl (RSPO) und orientieren sich an dessen Standards und Kriterien. Um das RSPO-Siegel für Produkte zu erhalten, müssen die Lieferanten von Palmöl beispielsweise bestimme Wälder erhalten und den Einsatz von Pestiziden reduzieren. Gleichzeitig ist es aber weiterhin erlaubt, Wälder und Torfmoore in Plantagen umzuwandeln und hochgiftige Pestizide einzusetzen.

Das RSPO-Siegel greife daher viel zu kurz, sagt Greenpeace-Expertin Gesche Jürgens. Zudem würden selbst die schwachen Kriterien oft nicht eingehalten. Auch der jüngst vorgestellte Standard „RSPO next“, auf den sich Unternehmen freiwillig verpflichten können, ist in den Augen von Umweltschützern noch viel zu schwach. So fordert „RSPO next“ nicht, die Entwaldung zu stoppen, sondern nur eine ausgeglichene Kohlenstoffbilanz. Rodungen können durch neue Plantagen „ausgeglichen“ werden.

Arbeiter sammeln Palmölfrüchte in Kuala Lumpur.  Foto: REUTERS

Regenwälder auf Torfmoorböden wie in Indonesien sind gigantische Kohlenstoffspeicher. Sie enthalten bis zu 50-mal mehr Kohlenstoff als eine ebenso große Fläche von Regenwald auf herkömmlichem Grund. Brennen Torfmoor-Regenwälder nieder, hat das fatale Folgen. Die Feuer im Herbst 2015 zerstörten nach offiziellen Angaben einige Millionen Hektar Land und setzten gigantische Emissionen frei. Nasa-Experten zufolge gelangten dadurch binnen weniger Wochen bis zu eine Milliarde Tonnen Treibhausgase in die Erdatmosphäre – was die jährlichen Emission von Deutschland weit übersteigt.

Der unmittelbare wirtschaftliche Schaden für Indonesien wird auf rund 16 Milliarden Dollar geschätzt. Ganz zu schweigen von langfristigen Klima-Effekten und den akuten gesundheitlichen Folgen für die Menschen, die wochenlang einem zähen Smog ausgesetzt waren und mit heftigen Atemwegserkrankungen zu kämpfen hatten.

Annisa Rahmawati, Waldexpertin von Greenpeace Indonesien, fordert von den Konsumgüter-Produzenten, Verantwortung zu übernehmen und Palmöl nur von Produzenten zu beziehen, die den Regenwald effektiv schützen. „Es muss Verbrauchern möglich sein, sich die Zähne zu putzen oder Snacks zu essen, ohne dadurch den Lebensraum von Menschen und Tieren wie den Orang-Utans zu bedrohen.“

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