kalaydo.de Anzeigen

Griechenland: Umschuldung wird immer wahrscheinlicher

Deutsche Regierungskreise gehen davon aus, dass Griechenland ohne eine Umschuldung nicht über den Sommer kommt. Angeblich soll die Regierung in Athen bereits Gespräche mit der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds geführt haben.

Athen –  

Griechenland kommt nach Einschätzung von Teilen der deutschen Bundesregierung nicht ohne Umschuldung über den Sommer. Teile der Regierung gingen davon aus, dass ein solcher Schritt unvermeidlich sei, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters Koalitionskreisen. Das bedeute aber nicht, dass die Bundesregierung dies anstrebe. Die griechische Zeitung „Eleftherotypia“ berichtete unter Berufung auf einen hochrangigen IWF-Vertreter, die Regierung in Athen habe bereits mit der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über einen derartigen Schritt beraten. Gespräche dazu dürften demnach im Juni beginnen. Der Euro gab nach.

Die EU-Kommission wies die Spekulationen über Umschuldungs-Verhandlungen zurück. „Es gibt keine Diskussionen auf keinem Niveau zu diesem Thema“, sagte eine Sprecherin. Auch die griechische Regierung schloss eine Umstrukturierung erneut aus. Ein derartiger Schritt wird nicht vorher angekündigt und Berichte dazu deswegen stets zurückgewiesen. Zuletzt hat der Druck auf Griechenland am Finanzmarkt deutlich zugenommen, seine Schulden neu zu strukturieren.

Die Finanzkrise - wie alles begann

Bildergalerie ( 27 Bilder )

Doch eine Umschuldung hätte katastrophale Auswirkungen auf das Land, warnte die Notenbank. Der Zugang zum Finanzmarkt wäre abgeschnitten, die Banken und Pensionsfonds des Landes wären stark betroffen. „Die Bank von Griechenland hat seit vergangenem Oktober deutlich gemacht, dass eine Umstrukturierung weder notwendig noch wünschenswert ist“, sagte Notenbankchef Giorgos Provopoulos. Am Finanzmarkt erreichen die Risikoaufschläge für griechische Staatsanleihen in jüngster Zeit wieder Rekordstände, trotz der Dementi zu den Umschuldungsplänen.

Investoren müssen Abschreibungen hinnehmen

Der Kurs griechischer Anleihen liegt derzeit bei gut 60 Prozent - Investoren haben also bereits einen Gutteil abgeschrieben. Sogar US-Finanzminister Timothy Geithner habe der Regierung in Athen dazu geraten, Gespräche mit den Gläubigern aufzunehmen, berichtete „Eleftherotypia“. Auch in Griechenland selbst wurden zuletzt Stimmen laut, die sich für einen derartigen Schritt stark machen. Im Gespräch ist dabei weniger ein Schuldenschnitt, sondern weniger drastische Maßnahmen wie eine Verlängerung der Laufzeiten der Anleihen oder niedrigere Zinsen. Damit würden dennoch die privaten Gläubiger auf einem Teil ihrer Investitionen sitzen bleiben. Ende 2010 hatte Griechenland Schulden im Volumen von 325 Milliarden Euro in den Büchern stehen. Bis 2013 dürfte der Schuldenberg auf 160 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen - er wäre dann fast doppelt so hoch wie das Niveau, das Experten als tragbar ansehen. Argentinien ging 2001 zudem mit einer deutlich niedrigeren Verschuldung pleite.

Wie könnte Umschuldung aussehen
HAIRCUT
BRADY-BONDS
LÄNGERE LAUFZEITEN
PARISER CLUB

Trotz heftiger Dementis wird an den Finanzmärkten hartnäckig auf eine Umschuldung Griechenlands spekuliert. Koalitionskreisen zufolge gehen auch Teile der Bundesregierung davon aus, dass Griechenland ohne Schuldenschnitt nicht über den Sommer kommt. Dabei müssten die Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Nachfolgend ein Überblick, wie eine Umschuldung aussehen könnte.

Die griechische Regierung erklärt sich für zahlungsunfähig und handelt mit ihren Gläubigern einen Forderungsverzicht (Haircut) aus. Für die Geldgeber kann das sehr teuer werden: Bei den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) untersuchten Staatspleiten zwischen 1998 und 2005 musste sie zwischen 13 Prozent (Uruguay) und 73 Prozent (Argentinien) ihres Investments abschreiben. Griechenland könnte seine Schuldenlast von mehr als 340 Milliarden Euro auf diese Weise zwar mit einem Schlag deutlich reduzieren, würde aber seine Kreditwürdigkeit am Finanzmarkt auf Jahre verspielen und sich den Zugang zu frischem Geld verbauen. Auch andere Sorgenkinder wie Irland und Portugal würden dann noch größere Probleme haben, sich neues Geld am Markt zu leihen. Ein weiteres Problem: Die Gläubiger sind vor allem Banken aus Griechenland und anderen Euro-Ländern, denen milliardenschwere Verluste drohten, was wiederum eine neue Finanzkrise auslösen könnte.

Diese Lösung hat in den achtziger Jahren Schule gemacht. Der damalige US-Finanzminister Nicholas Brady handelte einen nach ihm benannten Plan aus, der etliche lateinamerikanische Staaten vor der Pleite rettete. Übertragen auf Griechenland würde er wie folgt funktionieren: Banken und andere private Gläubiger tauschen die riskanten griechischen Staatsanleihen zum Marktpreis gegen Papiere ein, die von der Euro-Zone mit einer Garantie versehen werden. Die Gläubiger müssten damit auf einen Teil ihrer Ansprüche verzichten, denn am Markt werden die griechischen Bonds wegen des hohen Ausfallrisikos derzeit mit großen Abschlägen zum Ausgabepreis gehandelt - bei zehnjährigen Bonds sind es fast 40 Prozent. Der Vorteil: Die neuen Papiere sind gesichert, die Gläubiger haben damit Planungssicherheit. Griechenland würde auf diese Weise seine Schuldenlast drücken.

Eine mildere Form der Umschuldung wäre eine längere Laufzeit der vom IWF und der Europäischen Union gewährten Kredite von 110 Milliarden Dollar - verbunden womöglich mit einer erneuten Absenkung des Zinssatzes, den Griechenland für die Hilfen zahlen muss. Nach einem Bericht des „Wall Street Journals“ hält der IWF die Schuldenlast für Griechenland intern für untragbar und soll daher eine Laufzeitverlängerung der Finanzhilfen auf bis zu 30 Jahre erwägen. Der IWF dementierte dies allerdings.

Die Experten der Großbank UniCredit halten auf mittlere Sicht Verhandlungen zwischen Griechenland und dem Pariser Club für wahrscheinlich. Ihr Argument: Durch bilaterale Kredite und den Ankauf griechischer Anleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB) wird der Anteil der öffentlichen Gläubiger an den Verbindlichkeiten Griechenlands auf mindestens 40 Prozent steigen. Im Pariser Club haben sich 1956 die wichtigsten Gläubigerstaaten zusammengeschlossen und seither 421 Umschuldungsabkommen mit 88 Staaten - von Afghanistan bis Vietnam - im Wert von 553 Milliarden Dollar getroffen. Von 1985 und 1993 stand dem Pariser Club ein Mann vor, der auch in der Schuldenkrise eine zentrale Rolle spielt: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet.

Griechenland wurde als erster Euro-Staat im Frühjahr 2010 mit einem milliardenschweren Kredit vor der Pleite gerettet, Irland schlüpfte im Herbst unter den Euro-Rettungsschirm EFSF. Angesichts der Spekulationen um eine Umschuldung Griechenlands warb nun der irische Ministerpräsident Enda Kenny um Vertrauen. Er habe nicht vor, mit einer Umschuldung zu drohen, um günstigere Kredite zu erhalten, sagte er: „Wir haben nicht die Absicht, Chaos zu stiften.“
In Lissabon begannen unterdessen die Gespräche über ein Hilfspaket für das hoch verschuldete Land. Vertreter der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank und des IWF verhandelten mit Vertretern der Übergangsregierung über Details. Es wird damit gerechnet, dass das Hilfspaket ein Volumen von etwa 80 Milliarden Euro haben wird. Die Wahl in Finnland hat jedoch für Unsicherheit gesorgt: Der Aufstieg der europakritischen Wahren Finnen in die Regierung kann den Euro-Rettungsfonds EFSF in schweres politisches Fahrwasser bringen und das Rettungspaket für Portugal gefährden. (rtr)

Datum:  18 | 4 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.


Faktencheck
Zurück zur Drachme um den Euro zu retten?

Griechenland steht im Ruf, über seine Verhältnisse gelebt zu haben. Mythen über die Ursachen der Krise.

Fotostrecke
Forum Entwicklung
Das Forum Entwicklung ist eine Veranstaltungsreihe von FR, Giz und HR-Info.

Am 31. Mai diskutiert FR-Redakteur Tobias Schwab mit Fernsehköchin Sarah Wiener und weiteren Gästen das Thema "Wer verdient am Kaffee?"

Faktencheck
Steigende Beiträge zur Sozialversicherung - die Zukunft?

Was würde passieren, wenn Deutschland ein Sparpaket bewältigen müsste wie Griechenland? Ein erschreckendes Szenario.

Ressort

Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.


Anzeige

Tops und Flops in der Wirtschaft

Anzeige

 

Video

  • 6.339,94 Pkt. +24,05 (+0,38%)
  • 10.196,44 Pkt. -35,08 (-0,34%)
  • 752,47 Pkt. +0,62 (+0,08%)
  • 8.580,39 Pkt. +17,01 (+0,20%)
  • 1,2512 USD -0,0003 (-0,02%)
in Zusammenarbeit mit Finanzen100.de
Atommüll-Endlager
Schacht Konrad - Das ehemalige Erzlager soll 2019 den Betrieb als Endlager für Atommüll aufnehmen. Geplant ist, 90 Prozent des gesamten Volumens der radioaktiven Abfälle in Deutschland zu lagern.

Der Bau des Endlagers für Atommüll wird voraussichtlich erst 2019 fertig. Es drohen Zusatzkosten von bis zu einer Milliarde Euro. Zur Grafik...

 Mehr...

Brutto / Netto Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Anzeige

Finden Sie jetzt gezielt den richtigen Partner für eine glückliche Beziehung. So wird Ihre Partnersuche ganz einfach.

ANZEIGE
- Business
- sonstiges
- Kauftipps!