Herr Härlin, Sie haben gestern den Weltagrarbericht an Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner überreicht. Warum?
Weil dies die bisher umfassendste und gründlichste wissenschaftliche Analyse der Landwirtschaft der letzten 50 Jahre und ihrer Herausforderungen in den kommenden 50 ist - und sie von der Bundesregierung bisher nicht zur Kenntnis genommen wurde. Die 400 Wissenschaftler, die etwa von Weltbank und der UN ausgewählt wurden, kamen wohl zu Ergebnissen, die nicht in das klassische Bild industrieller Landwirtschaft und Entwicklung passen.
Was sind die Essentials?
Dass heute mehr Menschen als je zuvor auf dieser Welt hungern, liegt daran, dass sie keinen Zugang zu Lebensmitteln beziehungsweise zu Land und Produktionsmitteln haben. Die Verdoppelung der Produktion in den letzten 40 Jahren wurde um den Preis einer Vervierfachung des Kunstdüngereinsatzes und Wasserverbrauchs sowie einer Verdreifachung des Pestizideinsatzes erkauft. Die Landwirtschaft ist auch einer der größten Klima-Killer. Die Welternährung gewährleisten zwei Milliarden Kleinbauern - ihr Know-how und ihre Selbstbestimmung sind der Schlüssel zur Überwindung des Hungers und zur Nachhaltigkeit.
Welche Auswirkungen hat die weltweite Finanzkrise auf die Landwirtschaft?
Der Welthandel, auch mit Agrarprodukten, geht zurück. Die Preise für Öl fallen, auch die Lebensmittelpreise könnten nach der Explosion 2008 eher stabil bleiben. Das hat in den Weltregionen sehr unterschiedliche Auswirkungen. Wer vom Export abhängt, wird verlieren; wer von Entwicklungshilfe abhängt, ebenfalls.
Könnten durch die Krise Agrarrohstoffe bald knapp und teuer werden?
Bei weiteren Subventionen für Agrar-Sprit und entsprechenden Spekulationen auf den Weltmärkten bei gleichzeitig sinkender Kaufkraft vor allem der Ärmsten dieser Welt wird es gerade für die vom Hunger Betroffenen und Bedrohten noch enger werden. Wenn in den südlichen Ländern die Investitionen in die Landwirtschaft zurückgehen, führt dies ebenfalls zu einer Verknappung.
Bietet die Wirtschaftskrise Chancen für die Landwirtschaft?
Eine Chance besteht darin, den Grad der Selbstversorgung sowohl in Entwicklungsländern als auch in Europa zu steigern. Eine andere Chance könnte darin liegen, dass wir Lebensmittel mehr wertschätzen. Heute werden etwa 30 Prozent aller Lebensmittel in Deutschland weggeworfen.
Was bedeutet die Krise für Entwicklungsländer?
Die FAO befürchtet, dass weniger Investitionen in die Landwirtschaft fließen, die Importkosten steigen und zudem die Hungerhilfe und Krisenunterstützung das Erste sein wird, wo in den Staatshaushalten der Industrieländer gespart wird, die jetzt gewaltige Lasten zur Rettung der Konjunktur auf sich nehmen.
Können Industrieländer helfen?
Sie können Subventionen abbauen, die die Märkte im Süden zerstören und Existenzen dort vernichten. Sie müssen weniger Agrarprodukte verbrauchen und verschwenden, dafür aber faire Preise zahlen. Und sie müssen aufhören, ihr gescheitertes Modell der industriellen, öl- und chemieabhängigen Landwirtschaft, der Monokulturen und der Vernichtung kleinbäuerlicher Existenzen in den Süden zu exportieren.
Interview: Boris Schlepper
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.