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03. Januar 2013

Herbizid Glyphosat: Ein gefährliches Wundermittel

 Von Stephan Börnecke
Herbizide für den Acker sind ein Milliardengeschäft.  Foto: Reuters

Das in den USA populäre Total-Herbizid Glyphosat wird in Deutschland immer beliebter. Für die Branche ist das Mittel ein Milliardengeschäft. Doch neue Studien stellen die bislang attestierte Unbedenklichkeit für Mensch und Tier in Frage.

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Das in den USA populäre Total-Herbizid Glyphosat wird in Deutschland immer beliebter. Für die Branche ist das Mittel ein Milliardengeschäft. Doch neue Studien stellen die bislang attestierte Unbedenklichkeit für Mensch und Tier in Frage.

Bequem, billig und brutal: Das Total-Herbizid Glyphosat, unter den Namen Weedkill, Dominator oder Roundup im Handel, ist auch auf deutschen Äckern auf dem Vormarsch. Doch weil neue Studien die bislang attestierte Unbedenklichkeit des Mittels für Mensch, Tier und Umwelt in Frage stellen, geht die Industrie in die Offensive. Sie rührt über eine eigens eingerichtete Internetseite die Werbetrommel für das Gift, denn der auf die Felder versprühte Stoff steht in der EU vor seiner Wiederzulassung.
Bleibt die Bestätigung der bereits um drei Jahre bis 2015 verlängerten Zulassung versagt, droht den Agro-Konzernen ein Milliarden-Geschäft durch die Lappen zu gehen. Allein der US-Multi Monsanto setzt mit Roundup zwei Milliarden US-Dollar im Jahr um.

Unkraut zunehmend resistent

Dass Glyphosat heute das weltweit meistverkaufte Herbizid ist, hängt mit der Gentechnik zusammen. 95 Prozent des gentechnisch veränderten Sojas und 75 Prozent der anderen Genpflanzen, ob Mais oder Baumwolle, sind gegen den Wirkstoff immun gemacht worden. Roundup-Pflanzen sterben nicht ab, wenn das Gift versprüht wird – sondern nur das Unkraut. Anders als von der Industrie versprochen, hat aber der Pestizid-Verbrauch keineswegs ab-, sondern zugenommen.

Verseuchte Felder

Untersuchungen in Brandenburg:

Tests der Umweltorganisationen Nabu und BUND in Brandenburg sowie der Initiative „Verseuchte Felder in der Uckermark“ haben gezeigt: Bei elf Wasserproben aus Feldsöllen (kleine Gewässer, die in der Eiszeit entstanden sind) waren nur drei frei von Pflanzenschutzmitteln.

Enorme Überschreitungen:

Vor allem bei Ampa, einem Abbauprodukt von Glyphosat, waren die Grenzwertüberschreitungen in den Test enorm: Bis zum 19-Fachen der erlaubten Menge spürten die Umweltschützer in den Kleingewässern auf.

Im Kleingarten erlaubt:

75 Mittel mit dem Wirkstoff Glyphosat sind in Deutschland zugelassen. 44 davon können auch im Kleingarten benutzt werden.

Allein 2011 seien, so der US-Experte Charles Benbrook, in den USA 35000 Tonnen mehr Pestizide auf Gen-Äckern verteilt worden als im Vorjahr. In einer Studie für den Europaabgeordneten der Grünen, Martin Häusling, zitiert der Münchner Wissenschaftler Christoph Then Berechnungen der US-Firma Dow Agro Sciences, nach denen Bauern bis zu doppelt so viel Geld als zuvor für die Unkrautbekämpfung ausgeben müssen.

Hauptgründe laut Then, der Geschäftsleiter des gentechnikkritischen Instituts Testbiotech ist: Ein zu sorgloser Umgang der Landwirte mit Glyphosat und das wachsende Problem resistenten Unkrauts. Die Folge: Mehr Glyphosat und andere Pestizide kommen in zusätzlichen Arbeitsgängen auf die Äcker. 13 Unkrautsorten gelten heute in den USA als resistent gegen Glyphosat, weitere werden hinzukommen. Häusling: „Das sind die Folgen einer von kurzfristigen, von finanziellen Interessen gesteuerten Landwirtschaft.“
Wiederholt sich dieser „Wahnwitz“, wie Häusling sagt, in Deutschland? Denn auch hierzulande wird der Stoff immer häufiger eingesetzt, macht 30 bis 40 Prozent am Herbizidmarkt aus – auch ohne Gentechnik. Seit 1993, so die Gentechnik-Expertin des BUND, Heike Moldenhauer, habe sich der Glyphosat-Einsatz in Deutschland verfünffacht, und in den vergangenen zehn Jahren immer noch um 36 Prozent zugenommen, und zwar auf 5000 Tonnen pro Jahr. Längst wird Glyphosat nicht mehr nur als einfaches Unkrautbekämpfungsmittel, sondern, so Forscher der Uni Göttingen, als „Ackerbauinstrument“ eingesetzt.

Glyphosat statt Pflug

Das geht so: Bauern sparen sich die mechanische Stoppelbearbeitung, verzichten auf Pflug oder Grubber, vernichten restlichen Aufwuchs mit Glyphosat und wenden später die „Direktsaat“ an. Oder sie spritzen das Getreide im Sommer. Dadurch beseitigen sie bei der Ernte störendes Unkraut, beschleunigen die Reife und können das Korn trockener einfahren. Diese „Sikkation“ genannte Praxis, die in Großbritannien auf 40 bis 80 Prozent der Weizen- und Rapsfelder üblich ist, gilt im Osten der Republik auf bis zu einem Fünftel der Felder als Usus. Ostdeutschland ist die „Glyphosat-Region schlechthin“, so die Deutsche Landwirtschaftliche Gesellschaft in ihrem DLG-Magazin.
Auf drei Vierteln der Äcker wird Glyphosat eingesetzt, anstatt Unkraut mechanisch, durch angepasste Fruchtfolge oder bessere Sortenwahl in Schach zu halten. Das DLG-Magazin warnt: Wegen der aktuellen Diskussion um den Stoff „sollte die Anwendung auf das notwendige Maß beschränkt bleiben“. Und rät: „Mehr guten Ackerbau, bitte!“

Der Appell ist aus vielen Gründen überfällig: Denn Studien aus Argentinien und Frankreich – die zum Teil nicht ganz unumstritten sind – legen nahe, dass der „konkurrenzlose Wirkstoff“ (DLG) auch gesundheitliche Folgen für Menschen sowie Nutztiere und -Pflanzen hat. Menschliche Zellen werden zerstört, die Embryonal-Entwicklung gestört, heißt es.

Im Menschen nachweisbar

Auch chronischer Botulismus, eine gefährliche Rinderkrankheit, könnte mit dem Gift zu tun haben. Leipziger Forscher fanden heraus, dass Glyphosat gesundheitsfördernde Bakterien abtötet, das Gleichgewicht im Magen-Darm-Trakt durcheinanderbringt und krankmachenden Keimen den Weg ebnet.
Die Quelle dafür ist Kraftfutter aus Übersee: Denn Gen-Soja aus Südamerika enthält Glyphosat-Rückstände. Selbst im Menschen sind Glyphosat-Reste nachweisbar: Nicht nur bei Landwirten, sondern auch im Urin „normaler“ Bürger, wie die Forscher der Uni Leipzig laut der ARD-Sendung Fakt bei Eigentests überrascht feststellten.

Kein Wunder: Das Magazin Öko-Test hatte im September 2012 offenbart, dass in 14 von 20 Lebensmittelproben Glyphosat enthalten ist – in Mehl, in Haferflocken und auch in Brötchen. Glyphosat übersteht den Backprozess locker.

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