Aktuell: Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

30. Dezember 2015

Hersteller von Feuerwerk: Stress pur vor dem Silvester-Tag

 Von 
Eine Mitarbeiterin von Comet in Bremerhaven sortiert Böller für den Versand.  Foto: C.Jaserpsen/dpa

Für die Mitarbeiter der Bremerhavener Firma Comet Feuerwerk GmbH ist die Weihnachtszeit nicht sehr besinnlich. Sie vertreibt das Feuerwerk für Silvester und hat deshalb alle Hände voll zu tun.

Drucken per Mail
Bremerhaven –  

„Beim Silvesterfeuerwerk bin ich eher der Typ ‚Adrenalin-Junkie’“, sagt Richard Eickel. „Es muss schon was am Himmel stattfinden.“ Natürlich nur mit hauseigener Ware, denn der 51-Jährige ist Geschäftsführer der Bremerhavener Firma Comet Feuerwerk GmbH, und da kommt ihm kein Fremdprodukt unters Feuerzeug. Das Sortiment ist ja auch groß genug: 3.000 verschiedene Artikel vertreibt das zweitgrößte Unternehmen der Branche, alles Importware aus China, von der Knallerbse bis zum „Batterieverbund“ mit 220 Schuss.

Wenn Eickel und seine Lebensgefährtin sich am Silvesterabend traditionell mit Freunden an seinem Hauptwohnsitz im Sauerland treffen, zündelt er als letzter. „Ich brenne ein paar Highlights ab. Und dann fällt die ganze Anspannung ab.“ Nicht nur bei ihm, sondern auch bei seinen 200 Stamm- und Saisonarbeitskräften. „Die kriechen ein bisschen auf dem Zahnfleisch“, erzählt er bei einem Firmenrundgang Mitte Dezember.

In einem riesigen Hallenkomplex, 216 Meter lang und 120 Meter breit, stapeln sich überall Kartons mit den importierten Böllern und Raketen. Ein scheinbar heilloses Durcheinander, aber die Männer und Frauen in der „Kommissionierungszone“ wissen genau, was zu tun ist: Sie müssen für 30.000 Läden in ganz Deutschland jeweils eine individuelle Sendung zusammenstellen - je nach Auftrag vielleicht fünf Kartons voller „Crazy Knall“, sechs mit „Trimaran“ und sieben mit „Crushed Ice“. Gabelstapler preschen durch die Gänge, Männer mit gelben Warnwesten kutschieren versandfertige Paletten per Hubwagen zu einem der 18 Ladetore. Hat ein Händler statt ganzer Kartons nur ein paar Einzelartikel bestellt, sammeln Frauen sie zunächst in einer Art Einkaufswagen aus Holz - „Handabpack“ nennt sich das.

So ähnlich läuft es auch in vier weiteren Lagern in Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, die zum Teil von Speditionen betrieben werden.

Lastwagen bringen dann das ganze Knall- und Leuchtgut bis in die hintersten Winkel der Republik, 1,3 Millionen Einzelkartons pro Saison.

+opengallery[0]

„Das ist eine große logistische Herausforderung“, sagt Firmenchef Eickel. Ein absolutes Saisongeschäft. Denn nur an den letzten drei Tagen des Jahres darf Comet richtig Geld machen, 95 Prozent des Jahresumsatzes. Schuld daran ist die „Erste Verordnung zum Sprengstoffgesetz“: „Pyrotechnische Gegenstände der Kategorie 2 dürfen dem Verbraucher nur in der Zeit vom 29. bis 31. Dezember überlassen werden; ist einer der genannten Tage ein Sonntag, ist ein Überlassen bereits ab 28. Dezember zulässig.“ Kategorie 2 - das sind die üblichen Silvesterfreudenspender. Und da die Läden die explosive Ware vor Verkaufsbeginn nicht beliebig lang horten können, wird sie möglichst erst auf den letzten Drücker angeliefert.

Also Stress pur. Von Anfang Dezember bis kurz vor Weihnachten wird rund um die Uhr gearbeitet. Die Verpacker schuften im Drei-Schicht-Betrieb sechs Tage am Stück, manchmal auch länger. In der Halle erzählt einer, ein Kollege habe mehrere Wochen ohne freien Tag gearbeitet. „Das kann nicht sein“, versichert Eickel der FR. „Wir reizen aus, was wir ausreizen dürfen“ - aber mehr auch nicht. Seine Pressesprecherin schickt am nächsten Tag noch extra ein schriftliches Dementi: „Wenn in Ausnahmefällen an sieben Tagen die Woche gearbeitet wird, dann ganz klar nur unter Beachtung von Ausgleichstagen nach den gesetzlichen Vorgaben.“

Dass die Schall- und Rauch-Waren rechtzeitig bei den Händlern landen, ist rund 15 Speditionen zu verdanken - und der zentralen Steuerung durch Comet. „Wir schauen jeden Tag: Brennt was an?“, erzählt Eickel. „Wenn bei einem etwas aus dem Ruder läuft, verteilen wir die Aufträge schnell auf andere.“ Etwa dann, wenn ein Laster ausgerechnet an Heiligabend in den Graben rutscht. Alles schon passiert. Es gab auch mal den Fall, dass ein großer Paketdienst mit dem Ausfahren nicht hinterherkam. Kurz vor dem Tag X musste schnell ein Plan B her: 40 Kleintransporter anmieten.

Aber nach Neujahr wird doch Däumchen gedreht, oder? Klar, das Gröbste ist erledigt. Zu tun gibt es trotzdem noch genug. Als erstes werden die Ladenhüter eingesammelt: Etwa ein Viertel der ausgelieferten Silvesterartikel geht zurück nach Bremerhaven, zur Sichtkontrolle: Ist noch alles in Ordnung für die nächste Verkaufsrunde? Feuerwerkskörper habe ja kein Verfallsdatum.  

Markt
Fernost

Der Markt für Feuerwerkskörper in Deutschland ist überschaubar: Neben einer Handvoll kleinerer Firmen versorgen nur noch drei große Unternehmen den Einzelhandel mit Raketen, Böllern und Wunderkerzen. Marktführer ist die Firma Weco in Eitorf (Nordrhein-Westfalen); auf Platz zwei steht Comet (Bremerhaven); danach kommt die Unternehmensgruppe Nico Feuerwerk (Wuppertal) und Nico Europe (Berlin).

Comet und Nico haben schon vor Jahren die heimische Produktion aufgegeben und vertreiben nur noch Artikel aus Fernost. Weco stellt einen Teil des Sortiments weiterhin selbst im Inland her. Laut Statistischem Bundesamt importierte Deutschland 2014 über 45 600 Tonnen Feuerwerkskörper für 104 Millionen Euro, davon mehr als 95 Prozent aus China. 2014/2015 lagen die Silvesterumsätze der deutschen Böllerindustrie bei 129 Millionen Euro. (stg)

Parallel dazu holt die Vertriebsabteilung schon die Aufträge für den kommenden Jahreswechsel herein. Und bei den Herstellern in China muss rechtzeitig die Ware geordert werden. Neues soll auch dabeisein - das macht aber mehr Arbeit: Die zündenden Ideen der Entwickler in Bremerhaven oder China müssen immer erst von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) zugelassen werden.

Im Mai legen dann die ersten Frachter in Bremerhaven an, die auch Pyrotechnik für Comet an Bord haben - bis November oder sogar Anfang Dezember insgesamt tausend Container.

Bei Importartikeln aus Fernost denkt man natürlich schnell an Sicherheitsmängel. Aber alles ist laut Eickel zertifiziert und wird mehrfach überprüft. „Wir machen Qualitätskontrollen während der Produktion und Ausgangskontrollen nach Stichprobenplänen.“ Und von jedem eingehenden Container werde auch noch mal eine Stichprobe überprüft. Comet-Experte Horst Krokowski ergänzt, es sei gar nicht so leicht, verpackte Feuerwerkskörper in die Luft zu jagen. „Wir haben das mal mit etlichen Paletten in einem Stahlwerk versucht. Das ging nur mit ganz viel Benzin.“

Bis 2004 produzierte Comet auch noch selbst, in Erdbunkern, falls doch mal etwas schiefgehen sollte. Zum Sortiment zählte auch Übungsmunition fürs Militär, denn damals gehörte die 1955 gegründete Firma zum Rüstungskonzern Diehl. Aber der verkaufte das Unternehmen Ende 2004 an den Handelskonzern Li & Fung (Hongkong).

Mit den Chinesen schrumpfte die Belegschaft, und es kam ein neuer Chef: Richard Eickel. Er führte bis dahin einen Kochgeschirrhersteller, wusste also: Klappern gehört zum Geschäft. Eickel investierte ins Marketing und ließ jedes Jahr möglichst viele Neuheiten entwickeln. 2008 wurde ein neuer Firmensitz gebaut, mit riesigen Lagerhallen und nur noch einem Erdbunker für Sicherheitskontrollen. Natürlich erst nach Hinzuziehung eines Feng-Shui-Harmonieberaters. 2013, nach einer kurzen Krise mit Kurzarbeit, schluckte Comet den Konkurrenten Keller, außerdem kamen Party- und Spaßartikel dazu: Kostüme, Zauberhüte, Girlanden, alles, was auch an Karneval und Halloween Geld bringt.

Viele Kunden nutzen den Werksverkauf von Comet.  Foto: dpa

75 Millionen Euro Jahresumsatz macht Comet inzwischen, gut doppelt so viel wie bei der Übernahme vor einem Jahrzehnt. Und laut Eickel sind aus den damals „heftigen Verlusten“ seit 2007 schwarze Zahlen geworden. Ein kometenhafter Aufstieg. Deutschlands Marktführer, wie noch bis 2001, sind die Bremerhavener aber nicht wieder geworden, trotz immerhin 38 Prozent Marktanteil, wie der Chef vorrechnet.

„Das Geschäft ist überhaupt kein Selbstläufer“, weiß Eickel, und er weiß das auch deshalb, weil er nebenbei noch eine Konzernschwester in England leitet. „Die ganz große Herausforderung in unserem Geschäft ist die Vorfinanzierung.“ Denn die Einzelhandelsketten zahlen erst im neuen Jahr, nach Rückgabe der Retouren. Da tut es gut, einen starken Konzern im Rücken zu haben.

Wer mit einem Feuerwerker über Silvester spricht, muss natürlich auch nach „Brot statt Böller“ fragen: lieber spenden als knallen? „Viele tun beides“, glaubt Eickel. Sein Wunsch: Wenn schon verzichten, dann „lieber eine Flasche Sekt weniger trinken“.

Er hält auch nichts von Verboten aus Rücksicht auf traumatisierte Kriegsflüchtlinge. Die würden schon verstehen, „dass das unsere Tradition ist“.

Wer weiß, vielleicht lässt sich ja auch manch Zugereister von jenem Einkaufsführer ansprechen, den Eickels Werbefachleute erfunden haben. Da gibt es „für jeden Männertyp das passende Feuerwerk“. Zum Beispiel für den „Angeber“, der eine Ultrapower-Batterie zündet. Oder den „einfühlsamen Romantiker“, der „Feuerwerk statt Blumen sprechen“ lässt. Oder eben den „Adrenalin-Junkie“, der das „dröhnende Finish mit gefächerten Salvenschüssen“ liebt. So einer wie Eickel.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Ungleichheit

Der Verlust der Mitte

Von  |

Wie die Gesellschaft in Schieflage geraten ist Mehr...

Hartz IV

In der Mühle des Förderns

Von Fabiola Rodriguez |

Aktive Arbeitsförderung nutzt oft nicht Mehr...

FRAX

Die Frankfurter Rundschau und das Forschungsinstitut Wifor präsentieren den FR-Arbeitsmarktindex, kurz FRAX. Er erlaubt einen genaueren Blick auf unsere Arbeitswelt als es die Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen tun.

Videonachrichten Wirtschaft

Anzeige

Forum Entwicklung

Recht auf Arbeit – auch für Kinder?

Das Forum Entwicklung ist eine Debattenreihe von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  

Weltweit arbeiten rund 150 Millionen Kinder – oft unter ausbeuterischen Bedingungen auf Plantagen, in der Teppichproduktion oder als Dienstmädchen. Darum geht es beim „Forum Entwicklung“ am Donnerstag, 23, April. Mehr...

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen