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Hitzekoller im ICE: Bahn gibt Klimawandel die Schuld

Die Züge sind für die hohen Temperaturen dieses Sommers von bis zu 39 Grad nicht konstruiert, sagt der Konzern. Eine Generaluntersuchung der ICE-2-Baureihe stehe erst nach 15 Jahren Dauereinsatz an.

SOS, uns ist zu heiß: Die Hitze in einigen ICE-Zügen der Deutschen Bahn hat Reisende fast zur Notbremse greifen lassen.
SOS, uns ist zu heiß: Die Hitze in einigen ICE-Zügen der Deutschen Bahn hat Reisende fast zur Notbremse greifen lassen.
Foto: AFP

Bahn-Reisende müssen auch in den kommenden Tagen damit rechnen, in überhitzten Zügen zu reisen. Die Probleme bei den Klimaanlagen sind nach Angaben der Deutschen Bahn noch nicht behoben. „Wir sind gerade dabei, die Gründe zu analysieren, die Ursachenforschung ist aber noch nicht abgeschlossen“, sagte ein Bahn-Sprecher auf Anfrage der Frankfurter Rundschau.

Betroffen seien bislang nur ICE-Züge der zweiten Generation (ICE 2) sowie Intercity-Züge (IC). Es handelt sich um Züge, die in den 80er und 90er Jahren geplant wurden und deshalb weit vom aktuellen Stand der Technik entfernt sind. Bei der Entwicklung der Züge wurde offenbar nicht mit derartig heißen Sommern gerechnet, wie er derzeit in Deutschland herrscht. Die Bahn macht dafür den Klimawandel verantwortlich. Das Unternehmen musste gestern einräumen, dass die Klimaanlagen in den betroffenen Zügen nur für Außentemperaturen bis zu 32 Grad ausgelegt sind. In einzelnen Regionen Deutschlands wurde es in den vergangenen Tagen aber bis zu 39 Grad heiß. Der Bahn-Sprecher versicherte, dass die Klimaanlagen in den neuen Zügen der ICX-Baureihe, die die Nachfolge der ICE antreten sollen, auf bis zu 45 Grad Außentemperatur angelegt sein werden.

Wegen der Probleme mit den Klimaanlagen hat sich mittlerweile auch das Eisenbahnbundesamt eingeschaltet. In einem Schreiben forderte die Behörde die Bahn auf, sich ihrer Sicherheitsverantwortung zu stellen.

Der Präsident des Verbandes deutscher Kälte-Klima-Fachbetriebe, Werner Häcker, bezweifelte indes die Aussagen der Bahn: „Klimaanlagen, die bis zu 32 Grad ausgelegt sind, funktionieren auch bei höheren Außentemperaturen, aber mit etwas verminderter Leistung.“ Voraussetzung sei allerdings, dass „die Anlagen auch korrekt gewartet werden.“ Dies müsse mindestens einmal im Jahr vor dem Sommer geschehen. Es dränge sich der Verdacht auf, dass dies nicht immer erfolgte: „Überall wird gespart, und dann wundert man sich“, sagte Häcker.

Der Bahn-Sprecher wies diese Vorwürfe zurück: „Für die Wartung der Anlagen gibt es genaue Regeln, und die werden auch penibel eingehalten“, sagte er. Richtig sei aber, dass die Züge der ICE 2-Baureihe nach 15 Jahren Dauereinsatz im kommenden Winter einer Generaluntersuchung unterzogen werden sollen. Dabei würden die Sitze Toiletten und Teppichböden ausgetauscht sowie die Bordbistrots runderneuert – aber natürlich auch die Klimaanlagen eingehend untersucht. Bei den Zügen der ersten ICE-Generation (ICE 1) sei diese Generalüberholung bereits vor einigen Jahren erfolgt.

Experten wie Peter Mnich, Professor am Institut für Bahntechnik der TU Berlin, halten es für sehr wahrscheinlich, dass genau dies der Grund ist, warum von den drei ICE-Baureihen bislang lediglich die ICE-2-Züge von den Klimaanlagen-Problemen betroffen seien. Seiner Ansicht nach hätten die Züge längst technisch entsprechend nachgerüstet werden können.

Image im Ausland leidet

Mnich äußerte die Sorge, dass die Klimaanlagen-Probleme sich im Ausland negativ auf das Image der in Deutschland hergestellten ICE-Züge auswirken könnten. „Das wäre sehr schlecht im Hinblick auf die Chancen, bei künftigen Aufträgen den Zuschlag zu bekommen“, sagte Mnich. „Es geht hier um den Ruf der deutschen Ingenieurskunst und um viele Arbeitsplätze.“ Mnich äußerte die Überzeugung, dass der ICE „ein sehr gutes Produkt“ und den Zügen von Wettbewerbern in Frankreich (TGV) oder Japan überlegen sei. Doch warte die Konkurrenz nur auf image-schädigende Ereignisse wie dieses.

Die Fahrgast-Organisation Pro Bahn äußerte herbe Kritik am Krisenmanagement der Bahn: „Es ist völlig unsinnig, dass Lokführer sich erst eine Genehmigung holen müssen, um einen Zug zu stoppen“, sagte der Bundesvorsitzende des Fahrgastverbandes Pro Bahn, Karl-Peter Naumann. „Der Fahrplan darf nicht vor der Gesundheit stehen.“ Unverständnis zeigte Naumann auch für die geplante Entschädigungsregelung für hitzegeplagte Fahrgäste: „Es stünde der Bahn gut an, die Betroffenen mit Bargeld zu entschädigen, statt sie nur mit Reisegutscheinen zu versorgen“, forderte Naumann.

Autor:  Sebastian Wolff
Datum:  15 | 7 | 2010
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