Trotz des vielfach beschworenen Fachkräftemangels besteht für höherqualifizierte Arbeitskräfte das ernstzunehmende Risiko eines Jobverlustes. Zu diesem Ergebnis kommt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in einer Untersuchung des Arbeitsmarkts im ersten Halbjahr 2011, die am Montag auf dessen Internetseite veröffentlicht wurde. Demnach büßten in dieser Zeit rund 908.000 betrieblich Ausgebildete und rund 110.000 Akademiker ihre Arbeit ein.
Trotz der Klagen der Unternehmen dürfe die Gefahr des Arbeitsplatzverlusts für Fachkräfte auch bei derzeit anziehender Konjunktur und insgesamt sinkender Arbeitslosigkeit „keinesfalls klein gerechnet werden“, heißt es in der Analyse für den DGB-Bundesvorstand. Dies gelte außer für die Angestellten mit einer betrieblichen Ausbildung auch für Akademiker. Für diese Berufsgruppe habe das Risiko des Jobverlusts ebenfalls „größere Bedeutung als vielfach vermutet“.
Offensichtlich „können oder wollen“ die Unternehmen viele qualifizierte Arbeitskräfte derzeit weiterhin nicht halten. Es stelle sich die Frage, ob bei der Ausbildung in Betrieben und Schulen in den vergangenen Jahren ausreichend auf Zukunftsfelder und langfristige Anforderungen des Arbeitsmarkts gesetzt worden sei. Insgesamt liege die Zahl der ausgebildeten Fachleute, die sich im ersten Halbjahr neu arbeitslos meldeten, allerdings auch um 8,6 Prozent unter der des gleichen Vorjahreszeitraums, heißt es in der Untersuchung weiter.
Bei Akademikern reduzierte sich die Zahl im Vergleich zum ersten Halbjahr 2010 demnach allerdings nur um 1,4 Prozent. Mutmaßlich hängt dies laut Untersuchung stärker als bei anderen Personengruppen mit dem schwierigen Übergang vom Studium in den Beruf zusammen. Offenbar verfolgten auch längst nicht alle Firmen „eine längerfristig orientierte Personalplanung“, heißt es dort.
Weniger Jugendliche ohne Lehrstelle
Fachkräfte, insbesondere Akademiker sehen sich nach Angaben des DGB aber trotz der vorliegenden Erkenntnisse weiterhin mit einem wesentlich niedrigeren Arbeitslosigkeitsrisiko konfrontiert als Geringqualifizierte. Während in der Gruppe der Menschen ohne Berufsabschluss im ersten Halbjahr 2011 exakt 10,2 Prozent der Beschäftigten ihren Arbeitsplatz verloren, waren es unter denen mit betrieblichem beruflichen Abschluss statistisch lediglich 5,7 Prozent. Bei den Beschäftigten mit Fachhochschul- oder Hochschulabschluss lag die Quote sogar nur bei 3,7 Prozent - und betrug damit beinahe nur ein Drittel derjenigen bei den Ungelernten. Nach wie vor gilt der Untersuchung zufolge die Regel, dass mit einem steigendem Qualifikationsniveau die Gefahr von Arbeitslosigkeit sinkt.
Auf dem Ausbildungsmarkt werden dieses Jahr nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) voraussichtlich weniger Jugendliche ohne Lehrstelle bleiben als in den vergangenen Jahren. Es werde in diesem Herbst weit weniger unversorgte Bewerber geben als früher, sagte BA-Vorstandmitglied Heinricht Alt der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Montagsausgabe). Die gute Konjunktur und die demografische Entwicklung führten dazu, dass es den Betrieben immer öfter an Nachwuchs mangele.
Der Vizechef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Volker Treier, warnte im ARD-Morgenmagazin vor einer Nachwuchslücke. „Man kann sagen, den Lehrstellen gehen die Bewerber aus.“ Er forderte vor diesem Hintergrund eine bessere Ausbildung von Jugendlichen an Schulen. 20 Prozent eines Jahrgangs seien laut PISA-Studie nicht oder nur eingeschränkt ausbildungsfähig, sagte er. (afp)
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