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Höllenfahrt nach Dresden: Bahnpersonal erträgt wütende Kunden

Es mag viele unangenehme Berufe geben, aber Zugchefin zu sein an diesem Tag in Frankfurt, das ist die böse brodelnde Hölle. Von Matthias Thieme

Ein Zug wird kommen, nur wann?
Ein Zug wird kommen, nur wann?
Foto: ap

Es mag viele unangenehme Berufe geben, aber Zugchefin zu sein an diesem Sonntag in Frankfurt am Main, das ist die böse brodelnde Hölle. Nennen wir die mutige junge Frau in blau-roter Uniform, die sich um 11.19 Uhr ins Fegefeuer der Fahrgäste begibt, zu ihrem eigenen Schutz Gudrun Krämer. Hier auf Gleis 6 soll sie heute den Notfahrplan der Bahn umsetzen. Soll die Passagiere im Ersatzzug von Frankfurt nach Leipzig bringen. Soll lächeln und freundlich sein. Doch überall wo Krämer auftaucht, schlägt ihr Aggression entgegen.

Der Bahnsteig ist brechend voll. Genervte Reisende, deren Reservierungen nicht mehr gelten, drängen mit ihren Koffern in den Zug. Alle wollen von Krämer wissen, warum Schluss ist in Leipzig und wie sie denn bitteschön weiterkommen nach Dresden.

Gut zu wissen

Von den Behinderungen sind vier ICE-Linien betroffen: Hamburg-Berlin-Leipzig-München; Wiesbaden-Frankfurt-Leipzig-Dresden; Stuttgart-Singen-Zürich; Dortmund-Koblenz-Mainz-Frankfurt-Nürnberg-Passau-Wien.

Der Ersatzfahrplan gilt bis einschließlich Freitag. Wer seine Reise nicht antreten kann, kann die Fahrkarte bis 30. November 2008 kostenlos umtauschen oder erstatten lassen. DB Zeitkarten werden anteilig erstattet. Hinfällige Reservierungen werden erstattet. Wenn anstelle eines ICE mit einem Intercity gefahren werden muss, wird der Differenzbetrag ausgezahlt.

Die Bahn hat eine kostenlose Service- Hotline unter 08000 99 66 33 einge- richtet. Internet: www.bahn.de.

Aber die Zugchefin hat erstmal andere Probleme. "Wir haben kein Personal", ruft sie verzweifelt in ihr Mobiltelefon, "wer macht die Freigabe?" Die Leitstelle scheint heillos überfordert zu sein. "Schickt mir wenigstens Einen", bittet Krämer, "ich habe elf Wagen, bin hier ganz alleine und kann nicht einmal eine Durchsage machen!"

Bahnmitarbeiter laden derweil hektisch Thermoskannen mit Kaffee und Snacks durch ein Zugfenster. "Hier, noch die Zeitungen für die erste Klasse", ruft ein Mitarbeiter. "Lass mal, die kriegen wir eh nicht durch den vollen Zug", kommt es von drinnen.

Für die Zugchefin naht Hilfe: Ein Zugbegleiter nähert sich - und teilt der Bedrängten mit, er sei krank, er könne nicht fahren. Die Verspätung des Zuges nimmt zu. "Ach", schnaubt Krämer. "Dann fahre ich eben alleine." Steckt den Schlüssel in den Schaltkasten und los geht die Fahrt.

Im Dienstabteil klingelt schon das Telefon. Die Fahrdienstleitung. "So geht das nicht", versucht die Zugchefin zu erklären. Vor ihrem Abteil baut sich derweil ein junger Mann auf, reißt die Abteiltüre zur Seite und brüllt: "Isch hab ICE-Karte und Reservierung, was soll der Scheiß hier?" Zugchefin Krämer bleibt freundlich, sagt: "Ich telefoniere gerade" und schließt die Tür wieder. "Du alte Fotze", schreit der Mann, fuchtelt mit der Fahrkarte und bleibt vor dem Abteil stehen. Die Zugchefin beendet das Telefonat und öffnet die Tür. "Isch hab ICE-Karte, was soll der Scheiß, wo ist Dein Chef?", schreit er.

"Hier ist der Chef", sagt Krämer und deutet auf sich selbst. "Sehen sie die roten Streifen an meiner Uniform?" Der Mann sieht und gröhlt dann: "Scheiße, Scheiße, Scheiße, Deutsche Bahn!!" Erst dann platzt der Zugchefin der Kragen: "Dann kaufen Sie sich eben ein Auto, da haben Sie auch einen Sitz für sich alleine", sagt sie. "Oder Sie warten bis Ende des Jahres - dann fahren auch wieder ICEs." Ein muskulöser Service-Mitarbeiter legt dem aufgebrachten Jungmann die Hand auf die Schulter und führt ihn in sein Abteil. "Komm Junge, hör auf, sonst müssen wir Dich irgendwo rausschmeißen."

Im Lautsprecher knarzt es: "Hier spricht der Lokführer, ähm, wie sie merken fahren wir heute unter besonders schwierigen Bedingungen". Es folgt eine längere Pause. "Aber wir versuchen trotzdem, das Beste daraus zu machen", sagt der Lokführer trotzig.

Das Beste heißt Gudrun Krämer und quält sich nun durch den überfüllten Zug. Lächelt, macht Späße, gibt Tipps zur Weiterfahrt, hört sich geduldig Beschwerden an. Die Klimaanlage fällt aus. Die Zugchefin hantiert am Sicherungskasten. Gleichzeitig rufen die Bahn-Disponenten auf dem Handy an: Wie viele Fahrgäste sind im Zug? Können wir auf der Strecke noch welche dazuplanen? "Wie soll ich das wissen, ich bin doch erst beim dritten Abteil", sagt Krämer. Sie ist schweißgebadet. "Ich krieg hier noch den Föhn."

Viele Bahn-Mitarbeiter haben sich heute krank gemeldet, sagt sie. Weil sie wissen was sie erwartet. Szenen wie diese: "Ach, das ist also der Speisewagen", spottet ein Reisender mit Blick auf zwei Mitarbeiter, die in einem Abteil behelfsmäßig ein Bistro betreiben. "Zehn Snickers für den ganzen Zug? - na super!" Bahnmitarbeiter ist ein Höllenjob an diesem Tag. Hoffentlich sieht das wenigstens jemand im Himmel.

Autor:  MATTHIAS THIEME
Datum:  27 | 10 | 2008
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