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23. Dezember 2013

Hunger : Armutszeugnis für die Politik

 Von 
Schulspeisung in Madagaskar – ein Projekt des Welternährungsprogramms.  Foto: REUTERS

Der Kampf gegen Hunger macht Fortschritte, aber der Durchbruch bleibt aus. Dabei könnte die schlimmste Not mit relativ wenig Geld besiegt werden.

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So viel Wohlstand wie heute hat die Menschheit nie zuvor in ihrer Geschichte produziert. Und doch leben noch immer 1,2 Milliarden Kinder, Frauen und Männer in extremer Armut – sie müssen mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen. Dabei wäre es vergleichsweise billig, dieses wahnsinnige Unrecht zu beenden. Um allen Menschen über die Schwelle der extremen Armut von 1,25 Dollar zu helfen, wären im Jahr rund 169 Milliarden Dollar erforderlich gewesen, wie die Weltbank errechnet hat.

Das klingt nach viel, ist aber weniger als die Hälfte eines Bundeshaushaltes, macht einen Bruchteil dessen aus, was an einem normalen Tag an den Börsen verdient oder verspielt wird. Vor drei Jahrzehnten hätte diese Aufgabe doppelt so viel gekostet. Doch seitdem haben China, Indien, aber auch viele Staaten in Lateinamerika einen Aufschwung in beispiellosem Tempo hingelegt. Vor allem deswegen leben 700 Millionen Menschen weniger als noch 1980 unterhalb der Armutsschwelle.

Für eine kleine Analyse hat die Weltbank den Hunger in Zahlen gefasst. Sie selbst weist darauf hin, dass dieser Ansatz seine Grenzen hat und das vielschichtige Problem nicht voll erfassen kann. Der Kampf gegen die extreme Not ist eine hoch komplexe Aufgabe, die sich nicht auf eine Summe reduzieren lässt. Immer wieder haben renommierte Experten wie etwa der US-Ökonom Jeffrey Sachs betont, dass es nicht allein um Dollar, Euro oder Yuan geht, wenn die Welt bis heute auf den Sieg im Kampf gegen den Hunger wartet. Eine Rolle spielen die Verteilung der Mittel, die politischen Systeme der Welt und in den einzelnen Ländern, Korruption und natürliche Hindernisse ebenso wie die Bildungssysteme.

Lage in China und Indien deutlich verbessert

Große Bedeutung kommt den sozialen und politischen Strukturen zu, die armen Bauern helfen oder es ihnen unmöglich machen, ihr Auskommen zu finden. Hinzu kommt: Die 169 Milliarden Dollar sind berechnet nach der Kaufkraft des Jahres 2005. Sie geben nicht die tatsächlichen Kosten wieder, die zur Überwindung der Armutsfalle anfielen.

Dennoch lehrt die Studie viel über das Wesen des Hungers. Sie zeigt, wie nah die Menschheit daran ist, die extreme Armut innerhalb einer Generation zu überwinden und die entsprechenden Millenniumsziele bis 2030 zu erreichen. Das hat mit den gewaltigen Veränderungen auf globaler Ebene in den vergangenen Jahrzehnten zu tun. Deutlich gebessert hat sich dank des rasanten Aufstiegs der Schwellenländer die Lage in Staaten mit niedrigen und mittleren Einkommen, ganz besonders in China und Indien.

In den ärmsten Staaten sieht es dagegen anders aus. Zwar ist auch dort der Anteil der in Not Lebenden an der Gesamtbevölkerung gesunken. Doch die absolute Zahl ist zwischen 1981 und 2010 sogar um 103 Millionen gestiegen, weil die Einwohnerzahl noch schneller zunahm. Und in diesen Nationen hat auch der Finanzbedarf zugenommen, um alle Bürger über die Schwelle der extremen Armut zu heben. Die sogenannte Dritte Welt, von der früher als Einheit die Rede war, gibt es nicht mehr. Auch in diesen Regionen sind die Unterschiede größer geworden.

Die abgeschlagenen Länder ballen sich in Afrika. Nur wenige asiatische Staaten wie Nordkorea und Afghanistan und Bangladesch sind darunter. China schreibt trotz aller sozialen Verwerfungen, trotz der Not zig Millionen rechtloser Wanderarbeiter die Erfolgsstory. „Erstaunlich“ seien die Fortschritte, schreibt die Weltbank. 1981 hätte die Volksrepublik noch ein Drittel ihrer gesamten Wirtschaftsleistung aufwenden müssen, um alle Einwohner aus der extremen Armut zu holen. Heute müsste die Regierung dafür 0,2 Prozent, ein Fünfhundertstel des Bruttoinlandsprodukts, bereitstellen.

Vor allem Kinder betroffen

Auch das offenbaren die Statistiken: Die meisten Armen leben in ländlichen Gegenden. Am stärksten betroffen sind Kinder. Jeder dritte Betroffene in den Entwicklungsländern ist ein Mädchen oder Junge bis zwölf Jahre. Auf die Geschlechter verteilt sich das Schicksal gleichmäßig. Allerdings leiden die betroffenen Frauen stärker noch als die Männer unter einem Mangel an Schulbildung.

Immerhin zwei Milliarden Euro zusätzlich wollen Union und SPD laut Koalitionsvertrag für Entwicklungshilfe in den nächsten vier Jahren bereitstellen. Doch das wird nicht reichen, um das Versprechen einzuhalten, 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts dafür zu verwenden, kritisiert die Nichtregierungsorganisation Oxfam. Derzeit liege die deutsche Quote bei 0,38 Prozent, was zehn Milliarden Euro entspricht.

Heute müsse kein Mensch mehr an Hunger oder einer durch Mangelernährung ausgelösten Krankheit sterben, erklärt Poverty.com, ein internationale Verbund von Entwicklungsorganisationen. Dafür müssten nur die reichen Länder Wort halten und von jeden 100 Euro 70 Cent für Hilfe ausgeben.

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