Die Bauern der Erde haben in diesem Herbst eine Rekordernte eingefahren, doch unter dem Strich bleibt zur Bekämpfung des Hungers kaum etwas übrig. Nur um etwa ein Prozent der Weltgetreideernte von rund 1,75 Milliarden Tonnen Weizen, Gerste, Roggen oder Mais werden am Ende die globalen Lagerbestände zunehmen, den Reis nicht eingerechnet. Dies geht aus dem jüngsten Report des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) hervor.
Denn der Rekordernte steht nicht nur ein steigender Bedarf für die Ernährung gegenüber, sondern auch für die Ethanolproduktion in den USA. Der Internationale Getreiderat schätzt, dass sich die Lagerbestände aller Getreidearten um gerade 16 Millionen Tonnen (USDA: 17 Millionen) erhöhen werden. Der erhoffte Bestandsaufbau bliebe damit hinter den Erwartungen zurück.
In diese Rechnung geht die Ernte der südlichen Hemisphäre, die noch auf den Feldern steht, bereits mit ein. Doch gerade bei Weizen tragen Länder wie Argentinien oder Australien nur unwesentlich zum Weltergebnis bei. Die Ernte dieser Farmer wird selbst dann, wenn sie weiter von Dürre in Argentinien oder, wie in Australien, von Spätfrösten und Trockenheit geplagt werden, das Endergebnis nur unwesentlich beeinflussen.
Gleichzeitig rauschen die Preise für Getreide in den Keller: An den Rohstoff-Börsen in Chicago und Paris wurden parallel zum Kursverfall der Aktien 16-Monats-Tiefststände bei Weizen notiert. Die Spekulationsblase ist offenbar geplatzt, die Anleger haben ihre Engagements auch bei Nahrungsmittelrohstoffen gekappt.
Schon schließen Marktbeobachter wie Christian Bickert von der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) Tiefststände bei den Erzeugerpreisen nicht mehr aus, Minipreise, "wie wir sie seit Gründung der EU noch nicht gesehen haben". Ganz so weit ist es noch nicht: Aber nachdem die Rohstoffbörsen während der Hausse um die 250 Euro für die Tonne Backweizen notierten, fiel dieser Preis inzwischen auf unter 150 Euro. Für den Bauern kommen keine 130 Euro auf dem Hof an.
Allmählich nähern sich die Preise dem niedrigen Niveau von 2005, als es selbst für Qualitätsweizen nicht einmal zehn Euro und für Brotroggen nur acht Euro je Doppelzentner gab. Bickert erwartet eine Trendumkehr nur für Brotweizen, der wieder knapper werden könnte. Futtergetreide haben die Farmer der Erde hingegen reichlicher eingefahren, und zwar sowohl in Deutschland und Frankreich als auch am Schwarzmeer.
Nach USDA-Schätzungen haben die Bauern weltweit zwar die Weizenproduktion dank vergrößerter Anbauflächen von 611 Millionen Tonnen im Vorjahr auf 676 Millionen Tonnen erhöht. Doch der Anteil des Brotweizens entspricht mit 530 Millionen Tonnen ziemlich genau der Menge, die das US-Landwirtschaftsministerium als Verbrauch für die menschliche Ernährung angibt, so der DLG-Experte: "Damit ändert sich gegenüber dem vergangenen Jahr nichts an der engen Versorgung."
Die Experten des Hamburger Getreidehändlers Toepfer-International hingegen sprechen immerhin von einem "moderaten Wiederaufbau" der Getreidelagerbestände. Doch auch sie sagen, dass gerade beim Weizen der Rekordernte auch ein Rekordverbrauch gegenüberstehe. Laut Bickert gibt es nur zwei Möglichkeiten, an der globalen Versorgungslage grundlegend etwas zu ändern. Entweder, die Anbauflächen würden weiter ausgedehnt und die Bewirtschaftung nicht nur in Europa, sondern weltweit "optimiert". "Oder aber wir sparen beim Verbrauch", sagt Bickert. Und zwar am Ethanol-Verbrauch. Denn 120 Millionen Tonnen Getreide gehen in diesen Sektor, das meiste in den USA. Die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) forderte am Dienstag einen radikalen Politikwechsel im Umgang mit Biotreibstoff. Die Subventionierung der Agrosprit-Erzeugung der Industrieländer bedrohe die Nahrungsmittelsicherheit weltweit.
Deutsche Bauern haben derweil eine andere Sorge: Ihre finanzielle Bilanz wird trotz großer Ernte kaum besser ausfallen. Der Preis für Dünger hat sich zum Teil verdreifacht. Er sei inzwischen so hoch, dass der Weizen eigentlich 20 Euro je Doppelzentner kosten müsste, rechnet der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands, Helmut Born, vor. Doch von solchen Niveaus sind die Märkte wieder meilenweit entfernt.
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