Die Entscheidung der Deutschen Bahn, fast die gesamte Flotte der Neigezüge vom Typ ICE T vorübergehend aus dem Verkehr zu ziehen, weitet sich zu einem handfesten Streit zwischen den beteiligten Industrieunternehmen Siemens, Alstom sowie Bombardier und dem Transportunternehmen aus. Bahnchef Hartmut Mehdorn hat den Firmen mit Regressansprüchen gedroht: "Wir werden Schadenersatzforderungen gegen die Industrie prüfen, denn wir sind auf absolut verlässliche Garantien angewiesen", sagte Mehdorn der Bild am Sonntag. Zuvor hatte Mehdorn den Firmen bereits "Inkompetenz" vorgeworfen. Mehdorn kritisierte, die Probleme mit den ICE-Achsen seien für den Wirtschafts- und Technologiestandort "sehr unerfreulich".
Nach Informationen der Frankfurter Rundschau kam die Entscheidung der Bahn, den Großteil der 70 Züge umfassenden Flotte vom Netz zunehmen, nicht so überraschend, wie zunächst dargestellt: So hatte das Eisenbahnbundesamt der Bahn auferlegt, die ICE-T-Züge vom 1. November an alle 45 000 Kilometer zur Ultraschallprüfung in die Werkstatt zu schicken, bestätigte ein Bahnsprecher. Die Umsetzung dieser Vorgabe hatte die Bahn dann am Freitag nach negativ den verlaufenen Gesprächen mit der Industrie um eine Woche vorgezogen.
Zunächst hatte die Bahn, nach dem in einer Achse des Neigezugs ICE T bei einer Routinekontrolle ein zwei Millimeter tiefer Riss entdeckt worden war, das Wartungsintervall für diesen Zugtyp von ursprünglich 240 000 Kilometer auf 100 000 Kilometer verkürzt. Diese erste Verschärfung der Kontrollen sei "in Abstimmung" mit dem Eisenbahnbundesamt geschehen, hieß es. Die zweite Verringerung sei vom Eisenbahnbundesamt "vorgegeben" worden.
Dass der Engpass im Netz nun eine Woche früher stattfindet, soll seinen Grund in unbefriedigenden Garantien der Hersteller haben: Die Industrie habe keine verlässlichen Angaben zum sicheren Betrieb der ICE-T-Fahrzeuge machen können. "Da mussten wir handeln", sagte der Bahnsprecher. Dies liege in "unserer Betreiberverantwortung", da die Sicherheitsfrage nicht gelöst worden seien.
Dem widersprach das Herstellerkonsortium. Alstom-Sprecher Immo von Fallois sagte der Frankfurter Rundschau, "selbstverständlich halten wir die Fahrzeuge für sicher". Es sei allerdings noch unklar, wie der zwei Millimeter-Riss zustande kam. Dies werde gemeinsam von Industrie, Bahn und Eisenbahnbundesamt in einer "Fallanalyse" beurteilt. Die Industrie halte Wartungsintervalle von 200 000 bis 300 000 Kilometern weiter für ausreichend. Alstom ist Lieferant der aus italienischer Produktion stammenden Drehgestelle und Radsatzwellen des ICE T.
In den Bahnausbesserungswerken "wird es eng": Statt in zwei, arbeiten die Fachleute jetzt in drei Schichten rund um die Uhr. Das war vor allem wegen der für den ICE 3 verkürzten Wartungsintervalle erforderlich geworden: Denn bereits vor den Änderungen für den Neigezug war das Wartungsintervall der ICE-3-Züge von üblichen 300 000 Kilometern erst auf 60 000 und dann auf 30 000 Kilometer verkürzt worden. Inzwischen hat die Bahn weitere Ultraschallanlagen geordert. Die freilich seien so bald nicht lieferbar, "das dauert", sagte ein Sprecher. Zudem werde zusätzliches Personal geschult.
Die Industrie steht nicht zum ersten Mal vor Regressforderungen: So musste sie die Achsen der 20 Diesel-ICE auf eigene Kosten austauschen, nach dem 2002 ein Zug wegen eines Achsbruchs entgleist war, heißt es bei der Bahn.
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