Die IG Metall wird demnächst ihre Lohnforderung beschließen. Wie laufen denn die Debatten?
Ich bin zurzeit in vielen Betrieben und erlebe eine tiefe Unzufriedenheit der Menschen über ihre Bezahlung. Das hat nichts mit der Höhe der zurückliegenden Tarifabschlüsse zu tun, sondern mit der exorbitanten Preissteigerung. Ein Facharbeiter verdient beispielsweise um die 35 000 Euro im Jahr, ein ungelernter Arbeiter beginnt mit 25 000. Die Leute spüren jeden Preisanstieg bei Energie oder Lebensmitteln sofort. Deswegen sagen sie uns: Ihr müsst mehr tun.
Welche Teuerungsrate legen Sie bei Ihrer Forderung zugrunde?
Wir erwarten fürs nächste Jahr einen Preisanstieg von 2,5 Prozent. Die Zielinflationsrate der EZB von knapp zwei Prozent ist unrealistisch und politisch festgesetzt. Und bedenken Sie, dass wir in Deutschland zurzeit bei 3,3 Prozent liegen.
Ist das nicht genau der Zweitrundeneffekt, vor dem die Europäische Zentralbank (EZB) warnt? Zuerst steigen die Preise, dann die Löhne, und das treibt wieder die Preise in die Höhe. Am Ende haben die Beschäftigten nichts von ihrem Zuschlag.
Die EZB hat ja schon vor zu hohen Tarifabschlüssen gewarnt, bevor wir mit der Diskussion begonnen haben. Das ist doch absurd. Die Notenbank sollte erst mal schauen, wie die Abschlüsse insgesamt ausfallen. Im Übrigen hat sich die EZB nicht gerührt, als es in den letzten Jahren in Dienstleistungsbranchen gar keinen realen Lohnzuwachs gab und viele Beschäftigte sogar Einbußen hinnehmen mussten. Der Aufschwung ist an Millionen von Menschen vorbeigegangen. Das ist gefährlich. Hier wird eine einigermaßen funktionierende Gesellschaft aufs Spiel gesetzt.
Was halten Sie von der Politik der EZB?
Die europäische Geldpolitik will in erster Linie die Inflation bekämpfen und betrachtet Wachstum und Beschäftigung nur am Rande. Die Folge: Das Zinsniveau ist zu hoch, seit mindestens zwei Jahren. Die EZB bremst damit Wachstum und Jobaufbau. Sie sollte umdenken und die Zinsen senken, sie könnte sich dabei die US-Notenbank zum Vorbild nehmen.
Sie wollen in Ihrer Lohnforderung das "Ungerechtigkeitsempfinden" der Menschen aufgreifen. Wie soll das funktionieren?
Unsere Basis sind wirtschaftliche Daten. Eine Gewerkschaft muss aber auch das Empfinden der Menschen berücksichtigen - und das beruht ja auf Fakten. Die Lohnstückkosten sind in den letzten fünf Jahren in Deutschland deutlich gesunken. Vom jüngsten Aufschwung haben vor allem die Unternehmen profitiert, die Gewinne sind enorm gestiegen. Die Metall- und Elektroindustrie machte voriges Jahr Gewinne von 47,7 Milliarden Euro. Das ist eine Verdreifachung seit 2003. Deswegen erwarten die Leute einen höheren Lohnabschluss als im vorigen Jahr. Und das wollen wir auch durchsetzen. Ein deutlicher Zuschlag ist dank der guten Lage der Branche finanzierbar und keine Überforderung für die Unternehmen und auch keine Gefahr für die Preisstabilität.
Die Arbeitgeber warnen vor einem "Desaster" für Betriebe, wenn sich die Tarifparteien von Gefühlen leiten lassen.
Es ist Quatsch zu sagen, dass wir es nur mit einer gefühlten Ungerechtigkeit zu tun haben. Die Leute wissen, was ihr Laden verdient und wie viel Überstunden sie gekloppt haben. Wenn sich bei Beschäftigten der Eindruck festsetzt, dass sie nicht fair bezahlt werden, ist das ein ökonomischer Faktor: Die Leistungsbereitschaft sinkt.
Wie wäre es mit einer Gewinnbeteiligung, damit die Leute vom Erfolg des Betriebs profitieren?
In der IG Metall ist das eine offene Diskussion. Ich persönlich denke, dass wir das tariflich regeln müssen. Ansätze gab es ja schon: 2006 haben wir einen Einmalbetrag von 310 Euro vereinbart, der nach unten und oben gehen kann. Im letzten Jahr haben sich die Arbeitgeber einer solchen Lösung verweigert - nicht die IG Metall.
Gibt es in der kommenden Tarifrunde eine Gewinnbeteiligung?
Die Arbeitgeber haben daran kein Interesse. Sie werden wahrscheinlich hohe Einmalbeträge bieten, damit wollen sie die langfristige Lohnerhöhung nach unten drücken. So kann das aber nicht laufen. Die IG Metall wird auf Strukturerhöhungen bestehen. Hohe Einmalzahlungen sehen erst mal schön aus, sind aber ziemlich schnell verfrühstückt.
Die IG Metall hat sich bislang an volkswirtschaftlichen Daten - Produktivität und Inflation - orientiert. Sie selbst beziffern den gesamtwirtschaftlichen Spielraum auf vier Prozent. Trotzdem wollen Sie mehr als 2007 rausholen, also mehr als 4,1 Prozent. Läuten Sie damit eine Wende Ihrer Lohnpolitik ein?
Wir stehen vor folgendem Problem: Die Kluft zwischen Gesamtwirtschaft und Metall- und Elektroindustrie hat sich enorm vergrößert. Insgesamt wächst die Produktivität in diesem Jahr um 1 bis 1,5 Prozent. In der Metallbranche beträgt der Zuwachs 4,5 bis 5,5 Prozent. Es wird immer schwieriger, das auszutarieren.
Das heißt?
In diesem Jahr hat sich viel angestaut: Die hohe Inflation drückt die Beschäftigten, gleichzeitig sehen sie die Gewinne ihrer Betriebe. Deswegen ist diesmal eine Korrektur nötig - und möglich.
Verabschieden Sie sich von der solidarischen Lohnpolitik?
Nein. Ich plädiere dafür, dass wir die gesamtwirtschaftliche Orientierung in der Substanz beibehalten. Wir wollen so zu einer gleichmäßigen Lohnentwicklung in dieser Republik beitragen. Fest steht aber auch: Das Auseinanderdriften der Gesellschaft - hohe Gewinne, mäßige Lohnentwicklung insgesamt, Unterschiede zwischen den Branchen - ist sozialer Sprengstoff. Dies müssen wir entschärfen. Die IG Metall trägt dazu bei, sie schafft das aber nicht allein.
Mit welcher wirtschaftlichen Entwicklung rechnen Sie 2009?
Wir haben immer noch Wachstum. Nur die Zuwachsraten werden nicht mehr so hoch sein wie 2007. Das Bruttoinlandprodukts wird um ein bis zwei Prozent steigen. Von einer Rezession zu reden, ist Unfug. Problematisch ist, dass unsere Wirtschaft nur auf einem Bein steht: Der Export floriert, der private Konsum ist voriges Jahr zurückgegangen. Auch deswegen steht die ökonomische Vernunft auf unserer Seite, wenn wir spürbare Lohnzuschläge verlangen.
Ist die Zeit für ein Konjunkturprogramm gekommen?
Ich plädiere eher dafür, dass die kalte Progression eingedämmt wird. In anderen Ländern, etwa den USA, wird der Steuertarif regelmäßig an die Inflation angepasst. Das heißt: Arbeitnehmer kommen nur dann in eine höhere Steuerprogressionsstufe, wenn sie auch real mehr verdienen.
Interview: Eva Roth
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