Frankfurt. Die IG Metall warnt vor einem drastischen Anstieg der Leiharbeit - und stellt die bisherige Tarifpolitik der Gewerkschaften in Frage. Mittelfristig drohe die Zahl der Leiharbeiter auf 2,5 Millionen zu steigen, sagte IG-Metall-Vizechef Detlef Wetzel am Mittwoch in Frankfurt. Der Gewerkschafter begründete diese Prognose unter anderem mit dem starken Anstieg der Leiharbeiterjobs im letzten Aufschwung.
Tatsächlich ist die Zahl der Leiharbeiter bis Juli 2008 stark gestiegen, auf rund 772.000 Beschäftigte. Mit der Wirtschaftskrise haben dann viele Zeitarbeiter ihren Job verloren, im Mai zählte die Bundesagentur für Arbeit (BA) noch knapp 509.000 Beschäftigte - das ist ein Rückgang um 34 Prozent. Doch nun, da es erste Signale eines Aufschwungs gibt, berichtet der Arbeitgeberverband BZA von einem Plus: Im Juni habe es 20.000 Leiharbeiter mehr gegeben als im Mai.
Laut BA dauert die Hälfte der Arbeitsverträge von Leiharbeitern weniger als drei Monate. Das heißt: Für die Leute gilt der Kündigungsschutz nicht, der greift in der Regel erst nach sechs Monaten. Zudem sind die Löhne oft sehr niedrig. Der Tarifvertrag zwischen den DGB-Gewerkschaften, zu denen die IG Metall gehört, und dem Arbeitgeberverband BZA sieht einen Minimal-Lohn von 7,38 Euro pro Stunde vor.
Ansichts solch geringer Gehälter fordert Wetzel jetzt eine Grundsatzdebatte über Tarifverträgen in der Zeitarbeit: "Wir müssen den Flächentarifvertrag (in der Zeitarbeitsbranche) auf den Prüfstand stellen", sagte er. Derzeit sei das Vertragswerk "nicht in der Lage, die Zeitarbeit sinnvoll zu regulieren".
Die Einkommen, die die DGB-Gewerkschaften akzeptierten, seien auch deshalb so niedrig, weil die christlichen Gewerkschaften in ihren konkurrierenden Tarifverträgen noch geringere Standards hinnähmen.
Eine Alternative zu bisherigen Strategie könne sein, dass die IG Metall Regelungen für Leiharbeiter in die Tarifverträge für die Metallbranche einbaut. Er könne sich vorstellen, dass dies schon in der nächsten Tarifrunde eine Rolle spielt, betonte Wetzel. In der Textilbranche und bei VW sei es bereit gelungen, den Einsatz von Zeitarbeit zu begrenzen oder die gleiche Bezahlung für Leiharbeiter und Stammbeschäftigte vorzuschreiben.
Die Politik forderte Wetzel auf, wieder schärfere Regeln für Leiharbeiter einzuführen. Dazu gehöre der Gleichbehandlungs-Grundsatz und die Vorschrift, dass nach sechs Monaten Leiharbeits-Verhältnisse in reguläre Jobs umgewandelt werden müssten.
Wetzel nannte es unerträglich, dass Kanzlerin Angela Merkel zu diesem Thema schweige. CDU, CSU und FDP wollten den "Missbrauch" bei der Leiharbeit weiter ermöglichen. Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) sagte, die SPD plädiere für einen Mindestlohn in der Branche. Auch das Prinzips "Gleicher Lohn fur gleiche Arbeit" solle gestärkt werden: Nach einer Einarbeitungszeit solle für die Arbeit in derselben Firma "Equal Pay" uneingeschrankt gelten.
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