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IG Metall: Manager des Klassenkampfs

Der Warnstreik der IG Metall trifft heute die Kölner Ford-Werke. Die Gewerkschaft hat ihre Organisation umgebaut, um stark und stolz zu bleiben - und nutzt dabei Instrumente des Gegners. Von Eva Roth

Mehr als 6000 Opel-Beschäftigte streiken in Rüsselsheim.
Mehr als 6000 Opel-Beschäftigte streiken in Rüsselsheim.
Foto: Getty

Trillerpfeifen, rote Fahnen, Aufmärsche: Die Metaller streiken mal wieder. Heute hat die IG Metall mehrere tausend Beschäftigte in gut 150 Betrieben in Nordrhein-Westfalen dazu aufgerufen, die Arbeit niederzulegen. Mit den Warnstreiks will die Gewerkschaft den Druck auf die Arbeitgeber erhöhen, ein höheres Einkommensangebot in den Tarifverhandlungen vorzulegen.

Die IG Metall zeigt sich unbeeindruckt von beängstigenden Wirtschaftsprognosen - und das, obwohl sie inzwischen vom Reformerduo Berthold Huber und Detlef Wetzel geführt wird, von dem viele mehr Verständnis für die Sorgen der Unternehmen erwartet haben. Die Gewerkschaft ist halt doch die Alte geblieben, so scheint es. Doch es scheint nur so. Sie hat sich neu ausgerichtet - nur eben anders als von manchem erwartet.

Warnstreik, Tag 6
Die Anhängerschar

Der Ausstand trifft heute vor allem die Kölner Ford-Werke. Dort soll über 24 Stunden roulierend in allen Schichten und Werken vorübergehend die Arbeit ruhen.

Um 4 Uhr hätten sich rund 2500 Beschäftigte der Nachtschicht mit einem Fackelzug zu einer Kundgebung mit dem IG-Metall-Bezirksleiter von Nordrhein-Westfalen, Oliver Burkhard, versammelt, berichtet die IG Metall. Bei Ford in Köln-Merkenich beteiligten sich den Angaben zufolge 2200 Beschäftigte am Warnstreik.

Weitere Protestaktionen sind unter anderem in Gevelsberg und Gütersloh geplant.

Zwischenbilanz: Laut IG Metall beteiligten sich bis Mittwochabend mehr als 80.000 Metaller in 652 Betrieben an den Warnstreiks in Nordrhein-Westfalen. Die Friedenspflicht in der Metall- und Elektroindustrie war am 1. November ausgelaufen.

Stabile Mitgliederzahl: Zum ersten Mal seit Jahrtausendwende hat die IG Metall ihre Mitgliederzahl fast stabilisiert. Im Oktober hatte sie 0,4 Prozent weniger Mitglieder als ein Jahr zuvor. Unter Beschäftigten verzeichnet sie sogar einen Zuwachs von 1,6 Prozent.

Viel Nachwuchs: Bei jungen Menschen bis zu 27 Jahren war das Plus noch größer - 5,7 Prozent. Insgesamt hat die größte Gewerkschaft Deutschlands jetzt knapp 2,3 Millionen Anhänger.

Als Huber und Wetzel vor genau einem Jahr an die Spitze der IG Metall gewählt wurden, gaben sie die Losung aus: Oberstes Ziel ist es, Menschen für die Gewerkschaft zu erwärmen. Vizechef Wetzel wurde mit der Aufgabe betraut. Damals wie heute ist er überzeugt: "Die IG Metall muss mitgliederorientierter werden, sie muss beteiligungsorientierter werden und konfliktorientierter."

Die Schicksalsfrage

Bei der Gewerkschaft werden sich nur dann mehr Menschen engagieren, wenn sie ihre Vorstellungen einbringen können, sagt Wetzel. "Beteiligung ist für mich die Schicksalsfrage der IG Metall." Und wenn sich die Gewerkschaft energisch für die Belange der Menschen einsetzt, muss sie jederzeit bereit sein, Konflikte einzugehen.

Einfach ist das alles nicht. In der laufenden Metall-Tarifrunde muss sie nämlich höchst unterschiedliche Erwartungen der Beschäftigten unter einen Hut bringen - und natürlich ihre eigene Kompetenz einbringen und erkunden, was geht. Funktionäre haben schon angedeutet, dass sie sich beispielsweise erfolgsabhängige Zahlungen vorstellen können.

Ein Riesenfortschritt ist es für die IG Metall, dass sie Tarifabweichungen von einzelnen Betrieben nicht mehr klammheimlich akzeptiert und sich dafür ein wenig schämt, sondern offensiv für die beste Lösung kämpft. Beispiel Vacuumschmelze im hessischen Hanau: Das Unternehmen ist im Sommer aus dem Arbeitgeberverband ausgetreten und wollte anstehende Lohnzuschläge nicht zahlen. "Wir sind nicht einfach losmarschiert, sondern haben die Beschäftigten gefragt: Sollen wir handeln?", erzählt der hessische IG-Metall-Chef Armin Schild.

Die Belegschaft votierte für einen Streik - und das Unternehmen kehrte in den Flächentarif zurück. Jetzt ist das Management bereit, mit der IG Metall zu verhandeln, jetzt wird es Einschnitte nur mit Gegenleistungen geben. Seit Beginn des Konflikts sei der Organisationsgrad unter den 1000 Arbeitern von knapp 70 auf 99 Prozent gestiegen, berichtet Betriebsratschefin Conny Gramm.

Auch in anderen Betrieben hat die Gewerkschaft Mitglieder gewonnen - selbst dann, wenn Lohnabschläge akzeptiert wurden. Warum? Weil die Leute mitentscheiden und mit ihrer Fachkenntnis an neuen Unternehmenskonzepten mitwirken können, sagt Wetzel. "Für manche ist es geradezu eine Befreiung, dass sie sich endlich einbringen können." Die IG Metall lockt die Leute freilich auch mit Boni: Bei Tarifabweichungen vereinbart sie Trostpflaster für Mitglieder, in einen Betrieb gab es zum Beispiel 100 Euro pro Jahr.

Um die Organisation auf die Mitgliederorientierung einzuschwören, hat der Vorstand verbindliche Vorgaben gemacht und Jahresziele beschlossen. Alle Hierarchieebenen - Vorstandsverwaltung, Bezirksleitungen und Verwaltungsstellen - müssen Geschäftspläne machen und erklären, wie sie die Ziele erreichen wollen.

Auch das Finanzsystem wurde umgestellt: Je mehr Mitglieder eine Region hat, desto mehr Geld erhält die Bezirksleitung. Für dieses Jahr kann die Gewerkschaft ganz zufrieden sein: Sie hat ihre Mitgliederzahl fast stabilisiert (Kasten).

Der neue Führungsstil

Fragt man in der Organisation nach, wie der neue Führungsstil ankommt, hört man wenig Kritik und viel Stolz: Die IG Metall sei professioneller geworden. Funktionäre können jetzt nicht mehr einfach ihre Vorlieben pflegen: "Sie werden jetzt gefragt: Was ist der Nährwert?", erzählt ein Gewerkschafter.

Klar: Eine demokratische Organisation begibt sich mit einem strammen Management auf eine Gratwanderung. Mit ihrer bundesweiten Leiharbeiter-Kampagne hat es die IG Metall geschafft, wie geplant rund 10.000 neue Mitglieder zu gewinnen und etwa 400 Vereinbarungen abzuschließen, die Zeitarbeitern höhere Löhne bescheren.

Die erste zentrale Kampagne für prekär Beschäftigte hat freilich den Freiraum der regionalen Verwaltungsstellen eingeschränkt. Die Gewerkschaft müsse eben noch lernen, den richtigen Mittelweg zu finden, sagt ein Funktionär. Für dieses Jahr ist jedenfalls schon die nächste zentrale Kampagne geplant, und zwar für junge Menschen.

Unterm Strich ist es jedenfalls nicht dumm, was die IG Metall da macht, meint der Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder, der früher selbst dort gearbeitet hat. Die Gewerkschaft nutzt "die Instrumente der Unternehmen, um den demokratischen Klassenkampf zu optimieren".

Autor:  EVA ROTH
Datum:  6 | 11 | 2008
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