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30. September 2009

Ikea in der Innenstadt: Aufstand gegen Billy

 Von Oliver Ristau
Ikea-Markt in Hofheim-Wallau.  Foto: dpa

Hamburg wäre der erste deutsche Ort, wo Ikea in die Innenstadt zieht. Der Möbelkonzern folgt damit neuen Einkaufszentren. Anwohner fürchten einen Verkehrsinfarkt - und gehen auf die Barrikaden. Mit erstem Erfolg. Von Oliver Ristau

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Der Stadtteil

Hamburg-Altona ist ein Bezirk der Freie und Hansestadt Hamburg mit rund 250.000 Einwohnern. Das Zentrum grenzt an St. Pauli und gilt aufgrund der zentralen Lage innerhalb der Stadt, der Elbnähe und einer Vielzahl von Sanierungsprojekten als lukrativer Immobilienstandort der Zukunft.

Hamburg-Altona ist ein buntes Pflaster mit allerlei Plakaten an den Häuserwänden. Seit ein paar Wochen finden sich neben politischen Aufrufen und Kulturhinweisen im Altonaer Zentrum zahlreiche blau-gelbe Aufkleber mit Texten wie "Ikea, du wohnst hier nicht" oder der Aufforderung "Kill Billy".

Grund ist der Plan des schwedischen Ikea-Konzerns, in der ehemaligen Altstadt des Hamburger Stadtviertels eine Filiale zu bauen.

Es wäre das erste Mal, dass Ikea in eine deutsche Innenstadt zieht. Sprecherin Sabine Nold bezeichnet das Vorhaben als "Pilotprojekt" und hofft damit "neue Käufergruppen zu erreichen", nämlich innerstädtische Kundschaft, die Ikea vor den Toren der Stadt nicht besuchen kann oder will.

Damit folgt das Möbelhaus dem Trend neuer Einkaufszentren, die sich nicht mehr auf der grünen Wiese sondern verstärkt in zentralen Lagen ansiedeln. "Von den 15 Center-Neueröffnungen in 2009 stehen 14 in der Innenstadt", skizziert Marco Atzberger vom Forschungsinstitut des Einzelhandels EHI der Frankfurter Rundschau die neue City-Attraktivität.

Dazu kommt, dass es laut Olaf Petersen von der Konsumforschung GfK "zunehmend schwieriger wird, Genehmigungen für neue Standorte in den Randlagen zu bekommen." In Hamburg gebe es trotz zwei existierender Ikea-Märkte zudem noch Nachholbedarf. Insbesondere das Sortiment jenseits der Möbel - von Tellern bis Lampen - sei ideal für den innerstädtischen Bedarf.

Bisher kauft der typische Ikea-Kunde überwiegend mit dem Auto ein. Deshalb scheint fraglich, ob tatsächlich jeder zweite - wie von der Deutschlandszentrale Ikeas behauptet - mit Bus und Bahn kommen wird. Zumal sich Flächengröße und Sortiment nicht von anderen Märkten unterscheiden sollen.

"Ikea würde damit die bisherige auf das Auto fokussierte Logik des Verkaufens ändern", sagt Christine Weiske, Soziologieprofessorin an der Technischen Universität von Chemnitz.

Vor allem deshalb gehen Anwohner auf die Barrikaden. "Wir befürchten einen Verkehrsinfarkt, wenn mehrere tausend Fahrzeuge täglich zusätzlich in die Altonaer Innenstadt rollen", sagt Anna Bergschmidt von der Bürgerinitiative, die die Ansiedlung per Bürgerbegehren stoppen will. Der Verkehr rund um das historische Zentrum Altonas - nur wenige Minuten vom weltberühmten Fischmarkt entfernt - ist heute schon enorm.

Es geht um eine Einkaufsmeile nebst Wohnungen, die in den siebziger Jahren in die Altonaer Altstadt gepflanzt worden waren. Im Stile der damaligen Moderne wurde die "Neuen Große Bergstraße" möglichst hoch und mit viel Beton gebaut. Einen solchen monumentalen Betonklotz namens "Frappant", in dem früher Karstadt saß, hat sich Ikea für sein Vorhaben ausgesucht. "Das dürfte auch preislich für Ikea interessant sein", schätzt Konsumforscher Petersen, denn das Einkaufszentrum befindet sich seit Jahren im Niedergang.

"Ikea ist ein idealer Investor, um das Areal wiederzubeleben", sagt Jürgen Warmbke-Rose, Leiter des für die Genehmigungen zuständigen Bezirksamtes Altona. Die übrigen Geschäfte in der Einkaufszone freuen sich auf die Schweden. Sie hoffen, dass Ikea neue Kundschaft bringt.

"Ob Ikea tatsächlich ein Innenstadtviertel beleben kann, ist fraglich", sagt Stadtsoziologin Weiske mit Verweis auf das starke "Innenangebot" Ikeas mit Café, Restaurant und Kinderbetreuung. Die Bürgerinitiative fürchtet, dass das Möbelhaus das Sozialgefüge mit hohem Ausländeranteil und niedrigen Mieten im Zentrum Altonas zerstören werde.

Die Chancen, Ikea zumindest zu ärgern, sind nicht schlecht. 1800 Unterschriften reichen, um die Pläne mindestens für drei Monate auf Eis zu legen. Damit wären der avisierte Kauf und der Beginn der Bauarbeiten Anfang 2010 nicht zu halten. Ob Ikea das mitmacht, ist fraglich. "Wir werden das Haus jedenfalls nicht gegen Widerstand durchsetzen", sagt Sprecherin Nold.

Einen ersten Erfolg kann die Initiative feiern. Dank 2000 gesammelter Unterschriften liegen die Pläne mindestens für drei Monate auf Eis. In dieser Zeit müssen weitere 4.000 Unterzeichner für ein Bürgerbegehren gefunden werden. Dann würde Altona per Volksentscheid über Ikea befinden. Der Beginn der Bauarbeiten Anfang 2010 wäre damit nicht zu halten. Ob der schwedische Konzern das mitmacht, ist fraglich. "Wir werden das Haus jedenfalls nicht gegen Widerstand durchsetzen", sagt Sprecherin Settergren.

Ikea hat laut EHI in Deutschland einen Marktanteil am bundesweiten Möbelverkauf von rund acht Prozent. Mit 3,3 Milliarden Euro Umsatz setzt der Konzern nirgendwo so viel Ware ab wie in Deutschland.

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