Im Internet bestellte Pillen, die ohne Beipackzettel im Plastiktütchen geliefert werden und leicht zerbröseln, sind ein eindeutiges Indiz für eine Fälschung. Diese ist im besten Fall wirkungslos, im schlimmsten Fall gefährdet sie die Gesundheit. Doch solche "Hinterhoffälschungen" werden seltener. Immer mehr Imitate sind so perfekt, dass "ein Laie keine Chance hat", sagt Harald Schweim, Arzneimittelexperte und Professor an der Uni Bonn.
Seit etwa fünf Jahren, so der Experte, steige die Zahl der entdeckten Fälle von Medikamentenfälschungen um jährlich etwa 30 bis 50 Prozent. Am häufigsten werden Lifestyle-Medikamente wie das Potenzmittel Viagra gefälscht: Sie sind teuer und verschreibungspflichtig, weshalb sich schamhafte Kunden lieber im Netz damit eindecken.
Nicht wenige Kriminelle nutzen auch die Panik vor der Schweinegrippe, um illegale Medikamente zu verkaufen. So warnt der Bundesverband der Verbraucherzentralen vor illegalem Handel mit dem Grippemittel Tamiflu: Testkäufe zeigten, dass das Arzneimittel problem- weil rezeptlos im Internet erhältlich ist.
Jüngster Fall von illegalem Medikamentenhandel: Bei einer weltweit angelegten Aktion von Polizei, Zoll und Arzneimittelüberwachungsbehörden in dieser Woche ist das Bundeskriminalamt in Deutschland auf sechs Websites gestoßen, deren Betreiber nicht zugelassene oder gefälschte Medikamente verkauft haben. Weltweit wurden 995 Postsendungen beschlagnahmt und 72 Internetseiten abgeschaltet. Ziel der Aktion sei es, die Öffentlichkeit für die Risiken des Medikamentenkaufs von unkontrollierten Websites zu sensibilisieren, so das BKA.
Das Bewusstsein scheint in Deutschland durchaus vorhanden zu sein: Einer Studie des auf Patientensicherheit spezialisierten Kommunikationsunternehmens Aegate zufolge wissen zwei Drittel der Deutschen, dass verschreibungspflichtige Medikamente gefälscht werden können. Elf Prozent haben den Verdacht, gefälschte Arzneimittel erhalten zu haben, ein Prozent davon ist sich sicher. Die Zahlen sind höher als in den anderen untersuchten Ländern Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien.
Das Problem ist, dass viele Fälle nie bekannt werden: Nur 33 Prozent der Befragten, die ein vermeintlich gefälschtes Präparat erhalten haben, würden sich damit an eine Apotheke wenden, um die Zusammensetzung prüfen zu lassen. Dahinter stecke die "Angst, selbst der Strafverfolgung zu unterliegen", so Professor Schweim. Er fordert ein Verbot des im Jahr 2004 legalisierten Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Damit sei der Kriminalität Tür und Tor geöffnet worden. Für die Zollbehörden sei es "ein Riesenaufwand", zwischen legalen und illegalen Importen zu unterscheiden.
Auch die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände fordert seit geraumer Zeit von der Politik, mit schärferen Sanktionen gegen illegale Internetapotheken vorzugehen. Die Bundesverbraucherzentrale rät Verbrauchern, nur bei seriösen Arzneimittelversendern zu bestellen.
Eine Liste registrierter Anbieter ist einsehbar unter: www.dimdi.de/static/de/amg/var/apotheken
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