Die Deutschen verfügten noch nie über so viel Vermögen wie Ende 2010. Ihr Bruttogeldvermögen steigerte sich im vergangenen Jahr um knapp 220 Milliarden Euro auf einen neuen Höchststand von 4,88 Billionen Euro (4,880000000000). Das geht aus einer Schätzung des Vermögensverwalters Allianz Global Investors hervor.
Die hohe Sparquote der Deutschen sowie ein per Saldo sehr gutes Börsenjahr hätten dazu geführt, dass jeder Bundesbürger zum Jahresende im Durchschnitt über 59900 Euro verfügte, so die Allianz. Ende 2009 waren es noch 57000 Euro pro Bürger gewesen.
Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hält diese Zahl jedoch nur für bedingt aussagekräftig: Hineingerechnet seien nicht nur Bargeldbestände, Sparguthaben und anderes Anlagevermögen, sondern auch Privatvermögen etwa von Gewerkschaften oder Kirchen, kritisiert er. Zudem würden Sparanteile wie die Anwartschaften bei privaten Krankenversicherungen berücksichtigt, auf die der Einzelne keinen Zugriff habe. Dagegen fehlten Verbindlichkeiten wie Konsumentenkredite sowie Immobilienwerte. Der von der Allianz verwendete Vermögensbegriff sei deshalb „fragwürdig“. Zudem gebe die Studie keinen Aufschluss über die entscheidende Frage, wie das Vermögen in der Bevölkerung verteilt ist. „Die Einkommensgruppe der oberen zehn Prozent hat zugelegt, die anderen nicht“, so Grabka. „Die wahren Gewinner des neuen Aufschwungs sind nur eine kleine Minderheit.“
Der Allianz-Studie zufolge machten die Deutschen ihrem Ruf als besonders eifrige Sparer 2010 wieder alle Ehre: zwei Drittel des Zuwachses, also rund 150 Milliarden Euro, haben sie gespart, nur ein Drittel (rund 70 Milliarden) ist auf Bewertungsgewinne wie Aktienkurssteigerungen zurückzuführen. Dafür verantwortlich war vor allem der der kräftige Anstieg des Deutschen Aktienindex Dax, der zum Jahresende einen Endspurt per Saldo um 16 Prozent hinlegte.
Das höhere Sparvolumen hat laut Allianz zwei Gründe: Zum einen erhöhte sich die Sparquote leicht von 11,3 Prozent (nach 11,1 Prozent im Jahr 2009). Zum anderen stiegen die verfügbaren Einkommen der Deutschen um etwa 2,6 Prozent. Das liege am Abbau der Kurzarbeit, mehr Arbeitsplätzen im Zuge der wirtschaftlichen Erholung sowie daran, dass Beiträge zur Krankenversicherung seit 2010 steuerlich voll abgesetzt werden können.
Das DIW kommt in einem Bericht zur Vermögensverteilung zu anderen Werten. Es berechnete das Nettovermögen, das auch Immobilienvermögen und Verbindlichkeiten berücksichtigt. Demnach lag der durchschnittliche Wert 2007 bei rund 88 000 Euro. Das mittlere Vermögen, der aussagekräftigere Wert, dagegen bei nur 15000 Euro. Dieser sogenannte Median sagt mehr aus, weil er die Bevölkerung in die ärmere und reichere Hälfte teilt.
Zwei Drittel der Deutschen ab 17 Jahren verfügen laut Grabka über kein oder nur sehr geringes Geld- oder Sachvermögen. Die vermögendsten zehn Prozent besäßen hingegen einen Anteil am Gesamtvermögen von mehr als 60 Prozent. Die obersten ein Prozent, also die Allerreichsten, nenn laut Grabka sogar knapp ein Viertel des gesamten Vermögens ihr Eigen.
DGB-Wirtschaftsexperte Mehrdad Payandeh sagte der Berliner Zeitung, ein Bruttogeldvermögen von 4,88 Billionen Euro sei vor dem Hintergrund einer Gesamtverschuldung aller öffentlichen Haushalte von 1,79 Billionen „doch beruhigend“. Die seit drei Jahrzehnten global laufende Umverteilung von oben nach unten habe in den letzten Jahren in Deutschland jedoch „eine besondere Dynamik gewonnen und gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt zunehmend“. Payandeh fordert deshalb von der Politik die Einführung einer wirkungsvollen Vermögens- und einer Finanztransaktionssteuer. Zudem müssten der Niedriglohnsektor und Armutslöhne unter anderem durch Mindestlöhne politisch eingedämmt werden.
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.
Am 31. Mai diskutiert FR-Redakteur Tobias Schwab mit Fernsehköchin Sarah Wiener und weiteren Gästen das Thema "Wer verdient am Kaffee?"
Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.