Pune. Wenn Sudhir Waghmare wieder einmal zur Behörde pilgert, um endlich einen Wasseranschluss für sein neues Haus zu erhalten, präpariert er seine Unterlagen und legt ein paar Hundert-Rupien-Scheine bereit. Aus Erfahrung weiß er, dass er dem zuständigen Beamten ein Bakshish zustecken muss, damit seine Akte nicht "aus Versehen" liegen bleibt. "Ohne Schmiergeld läuft gar nichts in dieser Behörde", stellt der Kleinunternehmer aus einem Vorort von Mumbai (früher Bombay) resigniert fest.
Sudhir Waghmare ist kein Einzelfall. Nach einem im März 2006 veröffentlichten Bericht der Vereinten Nationen zur Welt-Wasser-Entwicklung zahlen zwölf Prozent der Verbraucher in Indien Schmiergelder für neue Wasseranschlüsse, 30 Prozent für Reparaturen. 41 Prozent der Befragten gaben zu, den Kontrolleur der Wasserbehörde bestochen zu haben, um die Wasserrechnung zu senken. "Die indische Wasserwirtschaft wird von Geheimniskrämerei beherrscht und kennt kaum Verantwortungsbewusstsein", kritisiert Himanshu Thakkar, Ingenieur und profilierter Wasserexperte in Delhi. "Fehlende Transparenz bereitet den Nährboden für Korruption, die bereits tief verwurzelt ist."
Die Verwaltungen für Indiens zahlreiche Bewässerungssysteme stehen nicht besser da. Wenn es um die Zuteilung von Wasser für die Felder geht, um Anschlüsse an ein Kanalnetz oder um Bauaufträge halten viele Beamte unter dem Tisch die Hand auf. Himanshu Thakkar und seine Organisation South Asian Network on Dams, Rivers and People wiesen anhand offizieller Dokumente nach, dass im Zeitraum von 1992 bis 2005 fast 1000 Milliarden Rupien, nach heutigem Wechselkurs rund 15 Milliarden Euro, in Bewässerungsprojekte flossen. Der Effekt: Die bewässerte Ackerfläche ging im selben Zeitraum um drei Millionen Hektar zurück.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass beim Bau großer Staudämme und Kanalnetze 20 bis 25 Prozent der Bausumme in dunklen Kanälen versickern. Vor wenigen Wochen, am 11. Juni 2008, brach der Hauptkanal des umstrittenen Sardar Sarovar-Dammes im westindischen Gujarat und überflutete sieben Dörfer. "Massive Korruption und technische Mängel haben die Katastrophe verursacht", behauptet Medha Patkar, die seit mehr als fünfzehn Jahren eine Widerstandsbewegung gegen das Großprojekt führt.
Angesichts schwindender Ressourcen und steigendem Bedarf steuert Indien auf einen massiven, hausgemachten Wassernotstand zu. Doch die allgegenwärtige Korruption raubt dem Land und den Menschen die Möglichkeit, die drohende Krise zu entschärfen. Schon heute zahlen Slumbewohner an private Lieferanten einen höheren Preis fürs Trinkwasser, als die Reichen und Wohlhabenden, die sich einen Anschluss ans städtische Versorgungssystem "kaufen" konnten.
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