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12. Dezember 2014

Indonesien: Palmöl als Waldvernichter Nummer eins

 Von Kathrin Hartmann
Palmölfabriken wie diese in Indonesien beanspruchen immer mehr Fläche – oft wird dafür wertvoller Regenwald gerodet.  Foto: REUTERS

Die Frankfurter Rundschau gibt Einblicke in die Palmöl-Konflikte im Urwald von Indonesien. Aktivisten kämpfen seit Jahren gegen das Zerstörungswerk der Palmölindustrie.

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Sattgrüne Nipapalmen und Urwaldriesen fliegen vorbei, als uns das Schnellboot über das braune Wasser trägt, hinter einem im schlammigen Wasser treibenden Ast gähnt ein Krokodil. Der Sekonyer-Fluss fließt am Rande des Nationalparks Tanjung Puting in Zentralkalimantan im indonesischen Teil von Borneo ins Meer. Plötzlich stoppt das Boot so abrupt, wie die Idylle endet. Am Ufer sehen wir ein Massaker aus zerfurchter schwarzer Erde und Baumresten, ein blauer Bagger frisst sich durch den Rest von Grün, bis fast an den Horizont nichts als Verheerung.

Udin springt auf und hält seine Kamera auf den Bagger. Der Aktivist von „Save our Borneo“, kämpft seit Jahren mit indigenen Gemeinden und Kleinbauern gegen das Zerstörungswerk der Palmölindustrie. Aber auch hier wird bald eine Monokultur aus Ölpalmen wachsen. Dabei ist die Rodung von Wald in der Pufferzone des Nationalparks verboten. Doch das Unternehmen, das hier am Werk ist, Bumitama Gunaya Agro (BGA) ignoriert die Gesetze und rodet sogar im Nationalpark Wald für Palmölplantagen.

Riesige Monokulturen

Palmöl ist mit rund 60 Millionen Tonnen pro Jahr das meistverwendete Pflanzenöl der Welt, es steckt in jedem zweiten Supermarktprodukt, in Fertiggerichten, Süßigkeiten, Margarine, Kerzen, Kosmetik, Putz- und Waschmitteln oder Biodiesel. Der Verbrauch hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. Fast 90 Prozent stammen aus Indonesien und Malaysia, Indonesien ist der größte Palmölproduzent der Welt: auf 13,5 Millionen Hektar – einer Fläche drei Mal so groß wie die Schweiz – wachsen Ölpalmen, bis 2020 soll sich die Fläche verdoppeln. Palmölplantagen sind die am schnellsten wachsenden Monokulturen der Welt und dafür verantwortlich, das Indonesien Brasilien als Waldvernichter Nummer eins abgelöst hat. Eine nationale wie globale Katastrophe: der Raubbau heizt das Klima an, zerstört die Artenvielfalt und hat wegen Vertreibung indigener Gemeinden Tausende Landkonflikte ausgelöst.

Seit bekannt ist, dass wegen der wachsenden Nachfrage nach dem billigen Fett in Südostasien Regenwald gerodet wird, ist es in Verruf geraten. Wer sich Sorgen macht, ob für sein Essen Regenwald gerodet wird, wird ab Samstag Klarheit haben. Dann müssen Lebensmittelhersteller auf ihren Produkten angeben, ob sie Palmöl enthalten. Nebulöse Begriffe wie „pflanzliches Öl“ sind nicht mehr zulässig, denn dahinter verbirgt sich meist Palmöl. Doch die Lebensmittelhersteller verbreiten beruhigende Botschaften. Unilever, Nestlé, Rewe & Co kündigen an, bald ausschließlich nachhaltig zertifiziertes Palmöl zu beziehen. 18 Prozent des weltweit gehandelten Palmöls ist zertifiziert.

Seit 2008 gibt es für den Problemrohstoff ein Nachhaltigkeitssiegel, das vom Roundtable on Sustainable Palmoil (RSPO) vergeben wird, dem Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl. Als Reaktion auf die verheerenden Folgen des Palmölbooms gründete die Naturschutzorganisation WWF mit Unilever und Palmölunternehmen 2004 den RSPO. Er ist dominiert von der Industrie: Von den 991 Vollmitgliedern sind 951 Palmölfirmen, Konsumgüterhersteller und Banken und nur 40 NGO. Nicht mit am Tisch sitzen Indigene, Kleinbauern und Arbeiter. Die Mitglieder streben ein Zertifikat für „nachhaltiges Palmöl“ an und sollen sich freiwillig an Kriterien halten, die sie zusammen ausgehandelt haben. Dabei geht es nicht darum, die Expansion der Plantagen zu stoppen, wie das viele NGO fordern – sondern um „nachhaltiges Wachstum.“

Die Vorgaben sind lasch: Waldrodung ist nicht verboten, nur das Abholzen von Primärwald und Wald mit hohem Schutzwert. Auf Land, das vor 2005 gerodet wurde, dürfen Plantagen wachsen. Der Anbau auf Torfböden sowie hochgefährliche Pestizide wie Paraquat sind nicht verboten, es wird nur geraten, sie nicht zu benutzen. Paraquat-Hersteller Syngenta sitzt mit am Tisch und hat Stimmrecht. Auch BGA, das Unternehmen, dem wir bei der Abholzung zusehen konnten, ist Mitglied. RSPO-Präsident ist Biswaranjan Sen, Manager bei Unilever, mit 1,5 Millionen Tonnen der größte Einzelverbraucher von Palmöl der Welt. Zeitweise war Jeremy Goon Vizepräsident, Manager bei Wilmar, Hauptlieferant von Unilever und größter Palmölkonzern der Welt. Allein Wilmar werden mehr als 100 Landkonflikte vorgeworfen. Wilmar wird von BGA beliefert.

Ein Indonesischer Arbeiter auf einer Plantage.  Foto: REUTERS

Der RSPO ist fast so umstritten wie Palmöl selbst. 2008 unterzeichneten 256 NGO eine Resolution, die den RSPO als Greenwashing bezeichnet. Er legitimiere Raubbau, denn unter grünem Deckmäntelchen expandierten Monokulturen, die nie nachhaltig sind. Noch dazu verstoßen RSPO-Mitglieder oft gegen die eigenen Vorgaben. Für die Studie „Certifying Destruction“ untersuchte Greenpeace die Ursachen der schlimmsten Waldbrände seit 16 Jahren, im Juni 2013 auf der indonesischen Insel Sumatra. Ein Drittel der Feuer entstand durch Brandrodung auf Konzessionen von RSPO-Mitgliedern. Den Firmen drohen kaum Sanktionen, in zehn Jahren wurden nur zwei RSPO-Mitglieder ausgeschlossen.

Im September 2013 gründeten die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ), WWF, Henkel, Rewe und Unilever das deutsche Forum für nachhaltiges Palmöl (FONAP). Von den 30 Mitgliedern – darunter Bahlsen, Beiersdorf, DM, Edeka, Lidl und Nestlé – sind die meisten RSPO-Mitglied. Auch hier soll nicht der Verbrauch gesenkt, sondern Mitglieder unterstützt werden, freiwillig zertifiziertes Palmöl zu beziehen. Das FONAP-Budget beträgt gut 700 000 Euro für zwei Jahre. Der größere Teil, über 400 000 Euro, stammt vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

Forum will Druck machen

Zwar will FONAP den RSPO verbessern und Mitgliedern helfen, die Lieferkette so verfolgen zu können, dass nicht nachhaltige Flächen ausgeschlossen werden können. Damit ließe sich „breitenwirksamer Druck“ auf Palmöl-Erzeuger aufbauen. Doch was nützt das, wenn sich RSPO-Mitglieder nicht mal an bestehende Kriterien halten? Wie viel Druck können Firmen aufbauen, die an steigenden Mengen Palmöl interessiert sind?

Für ein Gespräch steht FONAP-Generalsekretär Daniel May nicht zur Verfügung. Die GIZ antwortet schriftlich: „Das FONAP ist überzeugt davon, dass zertifiziertes Palmöl besser ist als nicht zertifiziertes Palmöl. Es steht jedoch außer Frage, dass es sowohl bei den Zertifizierungsstandards als auch bei deren Umsetzung weiteren Verbesserungsbedarf gibt.“

Ein Spiel auf Zeit. Dabei konnte der RSPO binnen zehn Jahren nicht Entwaldung oder soziale Konflikte stoppen. Erfolge im Kampf gegen die Waldzerstörung haben lokale NGO, Aktivisten und Indigene erreicht – mit Widerstand und Gerichtsverfahren gegen Palmölkonzerne, denen sie Zerstörung und Landraub nachwiesen. So hat etwa „Save our Borneo“ den Mutterkonzern von BGA, Bumitama Agri, 2012 wegen illegaler Rodung von 7000 Hektar Wald angezeigt. Im August bestätigte der Oberste Gerichtshof in einem Urteil die illegale Rodung, die Firma muss das Land an die Regierung zurück geben. Doch das Unternehmen ist weiter RSPO-Mitglied.

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