München. Die Pappschachtel mit der Aufschrift "Tarifvertrag" schlägt Wellen. Hunderte erboster Beschäftigte des Münchner Halbleiterkonzerns Infineon stehen um einen Firmenteich in der Konzernzentrale, wo das Vertragswerk symbolisch versenkt wird.
"Was man euch zumutet, wird das Unternehmen nicht von seinen Problemen befreien," ruft IG Metaller Martin Kimmich ins Megafon. Ihm applaudieren mehrere hundert umstehende Infineon- Beschäftigte.
Personal und Gewerkschaft protestieren gegen die Manager, weil der Chipkonzern kurz nach einer Pilotvereinbarung zum Tarifvertrag in Baden-Württemberg aus dem bayerischen Arbeitgeberverband ausgetreten ist. Den gut 6000 tariflich Beschäftigten von Infineon wird damit von sofort an jede Lohnerhöhung vorenthalten.
"So geht das nicht, man hätte mit uns reden müssen", sagt ein Protestierender. Es gebe Öffnungsklauseln, die flexible Tarifvereinbarungen auf Firmenbasis möglich machen, sagen Gewerkschafter. Das Management habe aber nicht das Gespräch gesucht, sondern in einer Nacht- und-Nebel-Aktion Tatsachen geschaffen.
Die betroffenen Frauen und Männer wollen nun einen Haustarifvertrag erzwingen, um doch noch zu einer Gehaltserhöhung zu kommen. Für sie ist das Vorgehen ihrer Chefs eine Fortführung der der Erfahrungen aus den vergangenen Jahren.
"Never stop sinking" (höre niemals auf zu sinken), ist auf ein Plakat geschrieben, mit dem vor der Firmenzentrale protestiert wird. Das spielt auf den Infineon-Werbeslogan "Never stop thinking" (höre niemals auf zu denken) an. Vom Untergang wähnt das Management unter dem neuen Chef Peter Bauer das Unternehmen gleichwohl entfernt. Infineon durchlebe zwar keine rosigen Zeiten, sei aber liquide, betont er derzeit bei jeder Gelegenheit.
Wenn das stimmt, müsste das Haus eigentlich die bis zu zwölf Millionen Euro zahlen können, die eine Lohnerhöhung auf Basis des Pilotabschlusses kosten würde, kontert das Personal. Einige Beschäftigte glauben nun, dass die Lage des Konzerns weit schlimmer ist, als behauptet. Andere fühlen sich abgezockt. Bauer nutze die Gunst der Stunde, um Beschäftigte zu schröpfen.
"Die wissen nicht wohin", sagt eine Infineon-Frau in der Menge der Protestierenden. "Das kann eigentlich nicht gutgehen", ergänzt ein Kollege neben ihr. Verärgerung und Verunsicherung spiegeln sich abwechselnd auf den Gesichtern.
"Die Situation ist heikel", räumen Gewerkschafter ein
Klar ist, dass Infineon im Anfang Oktober beendeten Geschäftsjahr 2007/08 einen Milliardenverlust erlitten hat. Nur die Höhe ist noch offen. Klar ist auch, dass dafür vor allem die ungeliebte Speicherchiptochter Qimonda verantwortlich ist, deren Talfahrt die Infineon-Bilanzen belastet. Bei Qimonda wird mittlerweile offen über eine Pleite spekuliert. Die sei von Infineon noch weit entfernt, sagen Manager und Betriebsräte. Zweifel bleiben.
"Die Situation ist heikel", räumen Gewerkschafter ein. Man sei durchaus gesprächsbereit. Der Austritt aus dem Arbeitgeberverband sei aber nicht akzeptabel und ein Affront, der nicht Schule machen dürfe. Deshalb werde nötigenfalls wochenlang an allen Infineon-Standorten protestiert. Wenn ein Haustarifvertrag verweigert werde, könne es schnell zu einem Arbeitskampf kommen.
Man sehe keine Alternative zur Flucht aus der Tarifbindung, beteuert Infineon-Vorstand Marco Schröter. In wirtschaftlich erfolgreichen Zeiten werde seien künftig überdurchschnittliche Gehaltserhöhungen möglich, stellt er in Aussicht.
Erfolg hat Infineon aber schon seit Jahren nicht mehr, wofür IG Metall und Betriebsräte nicht nur Qimonda und die Branchenkrise verantwortlich machen. "Infineon ist durch eine beispiellose Kette von Managementfehlern in die Krise geführt worden", kritisiert Bayerns IG Metall-Chef Werner Neugebauer. Die jetzige Tarifflucht sieht er als neues Zeichen unternehmerischer Hilflosigkeit.
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