Hansheinz Schwalm ist Waldbauer im nordhessischen Leuderode. Das Forstgebiet in der Gemeinde gehört einer Kooperative mit 24 Anteilseignern. "Unser Ziel ist es, den Wald zu erhalten", erklärt Schwalm. In Versammlungen wird über Holzeinschlag oder Neupflanzung diskutiert - jedes Mitglied hat eine Stimme. Gearbeitet wird gemeinsam, die Verkaufserlöse kommen in eine Kasse. Gezahlt wird nach geleisteter Arbeitszeit.
Der so genannte Interessenwald mit seinen kollektiven Nutzungsrechten stammt aus dem Jahr 1880 und ist damit eine der ältesten Formen selbstverwalteter Wirtschaft. Daneben gibt es in der "strukturschwachen" Region Nordhessen auch zahlreiche neue Ansätze für kollektive Betriebsgründungen. Sie sind eine Reaktion auf das viel beklagte "Ausbluten der Region", weil Fachkräfte, Betriebe und Einzelhandel abwandern; sowie auf die "Fremdbestimmung" durch auswärtige Unternehmen. Statt auf Profit, Konkurrenz und Privatbesitz setzt die Solidarökonomie auf eine Verbesserung der Lebensbedingungen.
Forschung: Federführend in Theorie und Praxis ist der Lehrstuhl "Soziologie der Entwicklungsländer" an der Uni Kassel. Erfahrungswerte für die Erforschung der Solidarökonomie stammen aus Brasilien.
Erhebung: Die Kartierung der Solidarökonomie erfolgte in den fünf hessischen Landkreisen Schwalm-Eder, Waldeck-Frankenberg, Hersfeld-Rotenburg, Werra-Meißner sowie in Kassel-Land und der Stadt Kassel.
Zusammenarbeit: Der "Verein zur Förderung der Solidarischen Ökonomie" ist 2007 aus der Arbeitsgemeinschaft "Solidarische Ökonomie" an der Uni Kassel hervorgegangen. Themenbezogene Forschungs- und Bildungsarbeit steht im Mittelpunkt der Kooperation mit der Universität.
Netzwerk: Das Nachhaltigkeitsforum Nordhessen wurde im Jahr 2006 gegründet. Ziel des Forums ist es, ein Netzwerk für solidarisch und selbstverwaltet arbeitende Betriebe, Gemeinschaften, Vereine oder Genossenschaften der Region Nordhessen zu sein, die zu einer stärkeren Unabhängigkeit der Region besonders hinsichtlich erneuerbarer Energieträger und ökologischer Landwirtschaft beitragen.
Erstmals in Deutschland haben Wissenschaftler der Uni Kassel vor gut einem Jahr in Nordhessen begonnen, unter dem Begriff "Solidarische Ökonomie" die alternativen Inseln im kapitalistischen Meer zu erheben. "Solidarische Ökonomie" ist demnach eine andere Art zu produzieren, zu verkaufen, zu konsumieren und zu leben. Indem die Arbeit kollektiv, solidarisch und hierarchiefrei organisiert wird, stelle sie eine Strategie zur Bekämpfung der sozialen Ausgrenzung dar. "In kooperativer Form werden lokale Potentiale mit lokalem Bedarf zu einem Netzwerk verknüpft", erläutert die Kassler Soziologin Clarita Müller-Plantenberg. Für die Abgrenzung solcher Betriebe haben die Forscher fünf Kriterien aufgestellt:
- Selbstverwaltung, das heißt gemeinsamer Besitz und Entscheidungsprozess. Beispiel sind die Leuderoder Waldbauern.
- Ökologische Ziele und Sensibilität beim Nutzen von Material, Energie, Wasser und Boden. Ein Beispiel ist die 2001 in Eiterfeld-Großentaft von Umweltschützern gegründete Pflanzenölmühle.
- Kooperation, etwa das gemeinsame Nutzen von Gütern mit anderen Betrieben. Zunehmend entstehen so solidarische Netzwerke. Ein Beispiel ist die Handwerker-Genossenschaft Kassel-Wehlheiden, die zuständig ist für die Auftragsbeschaffung und Verkaufsförderung ihrer ansonsten selbstständigen Mitglieder.
- Weitere Bedingung ist, dass es sich um ein echtes Wirtschaftsunternehmen handelt und nicht um einen Wohltätigkeitsverein.
- Wichtig ist auch die Gemeinwesenorientierung, das heißt Einsatz für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Gemeinschaft. Ein Beispiel ist der Dorfladen in Oberellenbach. 20 Jahre nachdem die letzte Filiale der Lebensmittel-Ketten dort die Segel strich, sorgten die Dorfbewohner 1998 selbst für Abhilfe. "Wir mussten stets meilenweit mit dem Auto wegen jeder Kleinigkeit fahren", erinnert sich eines von mittlerweile 57 Mitgliedern des Laden-Kollektivs, vier sind ehrenamtliche Geschäftsführer.
Das Ergebnis der Erhebung in fünf Landkreisen sowie der Stadt Kassel liegt jetzt vor: Insgesamt 142 alternative Betriebe identifizierten die Forscher um die Kasseler Professorin Müller-Plantenberg, mit zusammen 19 000 Beschäftigten beziehungsweise Genossenschaftsmitgliedern. Zwei Drittel der Betriebe können als wirtschaftlich gesund gelten - sie verbuchen Überschüsse. Dazu zählen Wassergenossenschaften ebenso wie Wohnungsbau-Kooperativen oder die von Bauern selbstverwaltete Molkerei. Nur fünf Betriebe schrieben rote Zahlen, erläutert Alexandra Stenzel, Koordinatorin der Kartierung, der Rest operiere an der Null-Linie.
Ein Beispiel für die geplante Vernetzung in der Region sei die Organisierung gesunder Schulspeisungen durch den Verbund von Öko-Bauern, Molkerei, Kommunen und Schulverwaltungen, erklärt Müller-Plantenberg. Frühere Versuche seien vor allem an der mangelnden Vernetzung von Produzenten, Kommunen und zunehmend auch der Konsumenten bei der Markterschließung gescheitert. Die wenigsten der 142 identifizierten Betriebe erfüllen alle fünf Kriterien, doch ziehe ein Ansatz meist andere nach sich - Öko-Bewusstsein führe häufig zu Kooperation in einer Branche, kollektives Handeln begünstigt die Gemeinwohlorientierung.
Die Kassler Wissenschaftler wollen aber nicht nur eine Bestandsaufnahme machen, sondern auch für die Verbreitung der neuen Gemeinwirtschaft sorgen. Hierfür wird ein Informationssystem Solidarische Ökonomie aufgebaut. Das Potenzial für weiteres Wachstum des Alternativsektors sei vorhanden, so die Entwicklungssoziologin, auch weil Konsumenten zunehmend beunruhigt über den Vormarsch der Gentechnik seien, die Energiekosten nicht mehr verkraften könnten oder mehr Wert auf Dienstleistungen mit persönlichem Touch legten.
Für Betriebe und Initiativgruppen gibt es eine Gründungsberatung. Dafür zuständig ist Kristina Bayer. Sie sieht großes Potenzial auf dem Gebiet der nachhaltigen Energieversorgung - jeder zehnte untersuchte Betrieb speist bereits eigenen Öko-Strom ins öffentliche Netz ein. Chancen gebe es auch bei der Privatisierung kommunaler Einrichtungen, in der ökologischen Landwirtschaft oder im dörflichen Einzelhandel. Das "Ausbluten" der Region, resümiert Müller-Plantenberg, "bietet die Gelegenheit für eine lokale Ökonomie".
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